Corona: Was macht die Isolation mit suchtkranken Menschen?

Selbstisolation kann psychisch belastend sein. Auf Social Media teilen viele, was ihnen hilft. Oft ist es ein Schnapserl hier, ein "Quarantini" da. Was macht das mit Suchtkranken?

Sucht und Isolation

Die Corona-Krise ist für alle fordernd. Durch Einschränkungen und Umstellungen im gesellschaftlichen Leben müssen neue Routinen gefunden werden. Blickt man auf Social Media scheinen viele – zumindest von jenen, die in der privilegierten Lage sind, halbwegs entspannt und ohne Existenzängste zu Hause bleiben zu können – die Isolation möglichst mit Humor zu nehmen. Und mit einem Nussschnapserl hier, einem Spritzer da oder einem "Quarantini" (aus Quarantäne und Martini) dort, wie das Internet die Drinks in der Isolation getauft hat. Über 23.000 Beiträge wurden unter dem Hashtag #quarantini bisher geteilt.

Einsamkeit steigt, Verlockung sinkt

Wie es mit derlei Postings (ehemals) suchtkranken Menschen gehen kann, zeigt ein aktueller Beitrag von Hannah Daisy. Auf ihrem Instagram-Account @makedaisychains greift die Künstlerin hauptsächlich Themen rund um psychische Gesundheit auf – zuletzt mit einem Zitat von einem Bekannten von ihr zur aktuellen Lage: "Ich bin ehemaliger Alkoholiker, der Probleme mit seiner psychischen Gesundheit hat. Das Klima, das durch Covid-19 aktuell auf Social Media herrscht, macht es für mich schwieriger, nicht zu trinken. So viele Menschen posten darüber, sich ein Schlückchen zu gönnen, um runterzukommen und ich weiß, das ich das gerade auch unbemerkt tun könnte."

Im Posting ruft Daisy dazu auf, sich in den Kommentaren zu vernetzen – jene, die gerade Hilfe oder jemanden zum Reden brauchen, mit jenen, die das gerade geben können. Solidarität, Nachbarschaftshilfe - das sei in Zeiten wie diesen besonders wichtig, wie Prim. Dr. Roland Mader vom Suchtbehandlungszentrum Anton-Proksch-Institut weiß: "Eine Isolation kann in manchen Fällen natürlich zu Depression, Angst oder generell negativen psychischen Folgen führen, sodass Suchtkranke das Gefühl haben: 'Ich halt das nicht mehr aus, ich muss mich betrinken.' Das sind die, wo es gefährlich werden kann."

Wie man Solidarität zeigen kann

Jemand, der*die schlicht da ist, sei dieser Tage für betroffene Personen daher besonders wichtig. Im ambulanten Bereich versuche man vom Suchtbehandlungszentrum aus, die Patient*innen telefonisch zu erreichen: "Jenen, die immer in die Ambulanz gekommen sind und jetzt nicht mehr kommen können, telefonieren wir nach. Das gibt ihnen Halt und Sicherheit." Natürlich gebe es aber auch jene, die vor der Krise noch nicht von entsprechenden Suchtbehandlungszentren erreicht wurden und nun alleine sind. "Es wäre wichtig, die zu erreichen", so Mader. Das gelinge aktuell nur durch Solidarität in der Gesellschaft: "Das kann ein einfaches Nachfragen sein wie 'Kann ich was für dich tun?' oder ein konkretes Angebot wie 'Du, ich rufe dich jetzt jeden Tag um dieselbe Uhrzeit an!'"

Das Wichtigste sei in erster Linie einmal das Hinschauen, das Ansprechen, damit der*diejenige bemerkt, dass es auffällt. "Viele Suchtkranke glauben, sie könnten es verheimlichen und es falle nicht auf. Zum Einen ist also wichtig, dass man hinzeigt, indem man sagt: 'Ich habe das Gefühl, du trinkst gerade zu viel'. Zum Anderen sollte man gleichzeitig Hilfe anbieten. Aber: Oft ist es für Betroffene nicht so einfach, mit nahestehenden Personen über so etwas zu sprechen. Dann kann es helfen, zu sagen: 'Schau, es gibt Stellen die dich unterstützen können. Hier ist die Telefonnummer von einer Suchtberatung.'" Gleichzeitig solle man die Angst nehmen und signalisieren: Es gibt Hilfe, du bist nicht allein. Es gibt Leute, die dir helfen können, dir passiert dort nichts.

"Suchtkranke sind ohnehin schon stigmatisiert und haben immer das Gefühl, sie sind das letzte Glied der Gesellschaft und niemand schaut auf sie. Dass es Leute gibt, die sich bemühen und auf sie aufpassen, kann Betroffene irrsinnig aufbauen", so Mader.

Bei Drogenpatienten ist die Situation jetzt langsam sogar so, dass in Österreich die Drogen ausgehen. Die Grenzen sind dicht, die Transportwege schwieriger.

von Prim. Dr. Roland Mader vom Suchtbehandlungszentrum Anton-Proksch-Institut

Wie die Corona-Krise Suchtkranken helfen kann

Nichtsdestotrotz habe die Isolation durch Corona laut Mader auch durchaus etwas Positives für suchtkranke Menschen – zumindest für jene, die stationär behandelt werden. "Wir haben eigentlich erwartet, dass die Ausgangsbeschränkungen eher nicht akzeptiert werden, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen scheinen sich bei uns am Anton-Proksch-Institut total wohl und sicher zu fühlen – und das ist eigentlich was sehr Schönes. Das Social Distancing nach draußen hat einen stark positiven Effekt - manchmal auch für jene, die aktuell Zuhause sind. Die Verführungen und Verlockungen werden nunmal weniger, wenn der Stammwirt zu hat. Suchtkranke suchen immer Ihresgleichen. Ein Alkoholkranker ist eigentlich nur mit Leuten zusammen, die selbst gern trinken, damit er nicht so auffällt – das Gleiche mit Heroinabhängigen. Das ist aktuell schwieriger."

Eine Sucht habe immer mehrere Faktoren, ein zentraler Aspekt sei aber in den meisten Fällen das soziale Umfeld. Ein suchtförderndes Umfeld fällt durch Isolation weg und ein "funktionierendes, stabiles Umfeld haben Suchtkranke in der Regel ohnehin nicht." Zudem werde es durch Ausgangsbeschränkungen auch immer schwieriger, sich etwas zu besorgen. "Bei Drogenpatienten ist die Situation jetzt langsam sogar so, dass in Österreich die Drogen ausgehen. Die Grenzen sind dicht, die Transportwege schwieriger." Wie sich das langfristig auf die Arbeit des Suchtbehandlungszentrums auswirken wird, kann man noch nicht abschätzen, aber – so Mader: "Meine Hoffnung ist, dass sich dadurch mehr Suchtkranke Hilfe suchen und in Behandlung kommen."

Das Institut für Suchtprävention Wien bietet aktuell mit MINDBASE.at eine digitale Plattform zu Suchtprävention, Frühintervention und psychischer Gesundheit.

"Die Beschränkungen im Alltag, für viele auch das Alleinsein oder auch die plötzliche Enge im Familienalltag kann zu einem Anstieg im Konsumverhalten führen. Wir wollen den Wienerinnen und Wienern die Möglichkeit bieten, selbstkritisch mit ihrem Konsum umzugehen", erklärt Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien.

Mit MINDBASE.at bietet das Institut für Suchtprävention Wien eine niederschwellige und anonyme Möglichkeit sich über problematische Konsummuster, Substanzen, Verhaltensweisen, sowie über psychische Erkrankungen zu informieren. Geprüfte Online-Selbsthilfe-Programme unterstützen Interessierte bei der gewünschten Verhaltensänderung und begleiten auf dem Weg zu einem höheren psychischen Wohlbefinden.

"Den Alkoholkonsum reduzieren, weniger kiffen oder mit dem Rauchen aufhören und selbstbestimmter leben: Die Anonymität der kostenlosen Online-Hilfe ermöglicht allen Interessierten einen leichteren und schnellen Zugang zu Unterstützung und Hilfe und stärkt die Selbstbefähigung", so Lisa Brunner, Leiterin des Instituts für Suchtprävention.

 

Aktuell