Warum wir Sex-Fantasien nicht immer ausleben müssen

Kreativ oder ganz normal, ein bisserl gefährlich oder höchst romantisch – so unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich sind auch unsere sexuellen Fantasien. Fest steht nur: Wir haben sie (fast) alle, aber wir reden wenig drüber. Zeit, das zu ändern, zumindest mal in diesem Text.

Ob ganz bewusste Vorstellung am Tag oder unbewusster Traum in der Nachtrund 99 % der Erwachsenen haben sexuelle ­Fantasien, sagt die Leiterin des Wiener Instituts für ­Sexualpsychologie, Christina Raviola. Und zwar in ganz ­unterschiedlicher Ausprägung – eben von ganz ­dezenten romantischen Illusionen bis hin zu wilden Unterwerfungsfantasien in der Gruppe.

Alles ganz normal? Ja, solange natürlich gewisse Grenzen nicht überschritten werden, es etwa um inzestuöse oder Missbrauchsvorstellungen geht. „Sexuelle Fantasien sind einfach in uns verankert, weil auch hormonell bedingt eine starke Triebenergie in uns besteht“, sagt Sexualpsychotherapeutin Raviola. Die Auslöser dafür können ganz unterschiedlich sein: Der Anblick eines Fremden mit schönen Augen kann Sie genauso dazu anregen wie die morgendliche Intimität mit Ihrem Partner. Nicht einmal vieler eigener sexueller Erfahrungen bedarf es für das Kopfkino, denn das Thema Sex begegnet uns ohnehin ständig.

Antischmerzmittel


Auch wenn es von ganz vielen Faktoren abhängt, wie häufig oder intensiv man erotischen Abenteuern in Gedanken nachhängt, auf das Geschlecht kommt es dabei nicht an. Dass etwa Männer ­öfter über sexuelle Dinge fantasieren, dafür gibt es ­keinerlei Hinweis, sagt der Rektor der Sigmund Freud Privatuni Wien Alfred Pritz. Seiner Meinung nach stellt sich auch die Frage nach dem Warum dabei gar nicht bzw. lässt sie sich ganz leicht und schnell beantworten: „Weil uns sexuelle Fantasien erfreuen, sie Glück und Freude schaffen und unser Gemüt beruhigen“, erklärt er. Außerdem helfen sie, über trübe Zeiten hinwegzukommen und manchmal lindern sie angeblich sogar körperliche Leiden. So sollen sexuelle Fantasien beim Zahnarzt zum Beispiel über Angst und Schmerz hinweghelfen. „Das funktioniert! Das habe ich selbst schon ausprobiert“, gibt der Rektor preis.

Spannungsmomente

Erotische Illusionen können aber auch dazu dienen, die Lust am oder beim Sex zu steigern und die eigene Sexualität spannender und abwechslungsreicher zu erleben. Dass wir Menschen uns zu diesem Zweck erotischer Fantasien bedienen, belegt auch eine Statistik: Die besagt, dass sich 94 % aller Männer und 85 % der Frauen beim Masturbieren heiße Szenen vorstellen. Und dass 95 % der Männer und 94 % der Frauen sogar beim Verkehr sexuelle Fantasien haben. „Die bleiben für gewöhnlich unausgesprochen“, sagt Sexualpsychotherapeutin Christina Raviola. „Es ist auch verständlich und in Ordnung, dass man Dinge wie ,Ich hab mir dich grad mit größeren Brüsten vorgestellt‘ oder ,Ich hab mir ausgemalt, dein Penis kann noch vibrieren‘ eher für sich behält.“

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Ist Reden Silber und Schweigen Gold?


Was Geheimnis bleiben soll
oder worüber man mit seinem Partner vorsichtig spricht, das liegt im Ermessen jedes Einzelnen. Die Vorstellung von Sex mit einem Promi etwa kann man als peinlich empfinden, darüber zu fantasieren, in einem Pornofilm mitzuspielen, ebenfalls. Solche Dinge wird man dem Partner gegenüber vielleicht eher verheimlichen. Gewisse Träumereien können Sie ihm aber durchaus behutsam sagen, meint die ­Sexualpsychotherapeutin: „Wenn bestimmte Wünsche sehr stark sind, können manche von ihnen – in Absprache mit Ihrem Partner, nach einfühlsamen Gesprächen und auf freiwilliger Basis – auch umgesetzt werden.“

Aber auch wenn wir heutzutage in einer recht freizügigen Zeit leben, fällt es vielen Paaren schwer, über ihre ­sexuellen Bedürfnisse und Fantasien zu reden, sagt Christina Raviola: „Diese Wünsche mitzuteilen, das ist etwas sehr Persönliches, weil es unheimlich viel über das ­eigene Ich aussagt. Und manchmal hat man vielleicht auch das Gefühl, etwas nicht aussprechen zu können, weil das nicht in die eigene Lebens- und Gedankenwelt passt.“ Das kann etwa der Fall sein, wenn eine selbstständige, emanzipierte Frau kundtun würde, dass sie gerne gefesselt werden möchte – dann scheinen Fantasie und Realität zu weit auseinanderzuliegen.

Realisierungswunsch


Aber sind sexuelle Fantasien überhaupt immer gleichzeitig auch der Wunsch, sie auszusprechen und vor allem auszuleben? Der Satz „Der Glückliche fantasiert nie, nur der Unbefriedigte“ von Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, würde das nahe­legen und Alfred Pritz hält diese Aussage auch noch immer für gültig: „Ich denke, das trifft insofern zu, als man nach einem Koitus, einem Orgasmus, keine Fantasien hat, weil man entspannt und zufrieden ist.“

Gleichzeitig sind sich die ExpertInnen aber auch einig: Eine sexuelle Fantasie zu haben, heißt noch lange nicht, sie wirklich ausleben zu wollen. „Was in der Fantasiewelt bleiben soll und was man in der Realität erleben möchte, das kann jeder Einzelne gut für sich selbst entscheiden“, sagt Christina Raviola. In diesem Punkt gibt es dann doch Geschlechterunterschiede, wie eine Studie aus Kanada zeigt: Männer haben grundsätzlich ein stärkeres Bedürfnis, ihre Fantasien auch zu realisieren. Angeblich seien auch ihre Schilderungen sexueller Szenen lebhafter als die von Frauen. Was wir ein bisschen anzweifeln ...

 

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