Obdachlosigkeit: Wie die Corona-Krise die Schwächsten am stärksten trifft

Social Distancing sollen wir betreiben. Zuhause bleiben. Was aber ist mit jenen, die kein Zuhause haben? Die Corona-Krise ist für obdachlose Menschen ein besonderes Risiko.

Obdachlosigkeit in der Corona-Krise

Es ist eine Situation, wie sie diese Generation noch nie erlebt hat. Weitreichende 'Ausgangsbeschränkungen' sollen die Verbreitung des Corona-Virus eindämmen. Vorerst wird das Leben so gut es geht in die eigenen vier Wände verlagert. So werden Risikogruppen, wie alte und vorerkrankte Menschen, geschützt. Nicht jede*r aber hat ein Zuhause, in das er*sie sich zurückziehen kann. Wohnungs- und obdachlose Menschen sind eine eigene Risikogruppe. Wie soll man auch daheim bleiben, wenn man kein Dach über dem Kopf hat?

"Die Pandemie trifft besonders jene Menschen stark, die schon zuvor in einer existenziellen Krise waren", sagt Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas. Gerade obdachlose Menschen wären aktuell in einer extremen Stresssituation. Ausbau, Anpassung und Fortsetzung bestehender Hilfsangebote für vulnerable Gruppen ist nun besonders wichtig. Denn: "Die gesundheitliche Krise von heute droht zur sozialen Krise von morgen zu werden."

Abhängigkeit und Gewalt: Die besonderen Gefahren für obdachlose Frauen

Wieviele Menschen in Wien obdach- oder wohnungslos sind, lässt sich seriös nicht beantworten. Es gibt schlicht keine genauen Untersuchungen. Im Jahr 2017 haben aber etwa rund 11.000 Menschen zumindest eines der Angebote der Wiener Wohnungslosenhilfe in Anspruch genommen. Ein nicht kleiner Teil davon ist weiblich, auch wenn das in der öffentlichen Wahrnehmung oft untergeht.

Bei Frauen gibt es ein Phänomen, das als "verdeckte Wohnungslosigkeit"bezeichnet wird: Ihre Obdachlosigkeit ist oft nicht sichtbar, weil sie stattdessen in in risikoreiche und gefährliche Alternativen flüchten. "Um ein Dach über dem Kopf zu haben, begeben sie sich in Abhängigkeitsverhältnisse, werden als Arbeitskraft ausgenutzt oder zu sexuellen Dienstleistungen gezwungen", erklärt Martina Plohovits, Fachbereichsleitern Betreutes Wohnen im Fonds Soziales Wien. Die aktuelle Situation kann diese Abhängigskeitsverhältnisse noch verschärfen, betont auch Schwertner: "Wenn die Situation mit dem Partner – auch abseits von häuslicher Gewalt – nicht mehr klappt, kann die betroffene Frau dieser Situation momentan nicht aus dem Weg gehen. Zu einer Freundin auf die Couch kann sie aber auch nicht, weil man einander nicht sehen darf und man auch nicht absehen kann, wie lange die Ausgangsbeschränkungen noch aufrecht bleiben."

Hilfseinrichtungen im Corona-Modus

Sowohl die Caritas als auch die Wiener Wohnungslosenhilfe haben Angebote, die sich speziell an Frauen richten – etwa das 'Tageszentrum Ester', spezielle Nachtquartiere nur für Frauen oder Frauenplätze in anderen Einrichtungen oder Frauenhäuser. Das ist auch in der aktuellen Krisensituation so. Menschen ohne Obdach oder Wohnung bekommen gerade bestmögliche Unterstützung und Betreuung, die Versorgung ist sichergestellt, so Plohovits.

Die im Fonds Soziales Wien verankerte Wiener Wohnungslosenhilfe bietet gemeinsam mit 25 Partnerorganisationen passende Aufenthalts-, Schlaf- und Wohnplätze an – auch speziell für Frauen oder Familien. Die Angebote nutzen im Jahr rund 11.000 Menschen in Wien. Insgesamt finanziert der FSW im Regelangebot ganzjährig rund 6.800 Wohn- und Betreuungsplätze. Im Winter gibt es zusätzlich über 900 weitere Schlafplätze für unterschiedliche Zielgruppen, die bei Bedarf auch noch aufgestockt werden können.

Für den Alltagsbetrieb bedeutet das auch: umdenken. Sowohl die Kund*innen der Einrichtungen, als auch die Mitarbeiter*innen müssen geschützt werden. Die Wiener Wohnungslosenhilfe hat den Betrieb binnen kürzester Zeit an die Krisensituation angepasst.

Bewohner*innen in betreuten Wohneinrichtungen wurden bereits nach Verlautbarung der Ausgangsbeschränkungen aufgefordert, soziale Kontakte weitestgehend zu meiden und die Einrichtung nur zu unbedingt notwendigen Besorgungen zu verlassen. Externe Besuche sind nicht mehr möglich. Auf Hygienemaßnahmen wird besonders Wert gelegt – zum gegenseitigen Schutz und um Ansteckungsmöglichkeiten zu reduzieren. In den Tageszentren wurden die Maximalkapazitäten reduziert, damit die Mindestabstände zum Schutze aller eingehalten werden können. Wohnungslose Menschen können dort, je nach örtlicher Möglichkeit, duschen, essen, oder ihre Post und Dokumente oder andere Gegenständen aus dem Depot abholen – ohne längeren Aufenthalt in den Einrichtungen. Die Notquartiere haben, sofern es die räumlichen Gegebenheiten erlauben, auf Ganztagesbetrieb umgestellt. Die Kund*innen müssen die Einrichtungen nicht mehr verlassen, so können die sozialen Kontakte und das Ansteckungsrisiko im öffentlichen Raum reduziert werden. Die Caritas hat in ihren Angeboten ähnliche Maßnahmen ergriffen.

Aufklärung und Hilfe im öffentlichen Raum

Ein wichtiger Teil der Obdachlosenhilfe findet aber dort statt, wo Menschen ohne Wohnung sind: im öffentlichen Raum. Die Straßensozialarbeit ist weiterhin unterwegs und geht auf Betroffene zu. "Hier sehen wir, dass die Nachfrage nach Essen steigt", erzählt Schwertner. Die Sozialarbeiter*innen haben in ihren Rücksäcken dementsprechend mehr dabei, um die Menschen versorgen zu können. Es geht aber nicht nur um das Stillen von Hunger: Die Mitarbeiter*innen klären auf und beraten, wie man mit der aktuellen Situation umgehen kann. So schaffen sie eine wichtige Grundlage für weitere Unterstützungsleistungen.

"Wir wollen und müssen unserem Grundauftrag 'Not sehen und handeln' auch in dieser außergewöhnlichen Situation bestmöglich gerecht werden", verkündet die Caritas in Zeiten des Corona-Virus. Man brauche mehr Ressourcen im Pflegebereich, der Sozialberatung und psychologischen Bertreuung sowie auch der Online-Beratung als Alternative für ausgefallene Termine und bittet hierzu um Spenden unter: www.caritas.at/corona-nothilfe

Die Mitarbeiter*innen machen weiter aufsuchende Sozialarbeit, sie verteilen Schlafsäcke und wetterfeste Kleidung. Das Kältetelefon ist in Betrieb, die Suppenbusse täglich unterwegs. Die Streetwork der Caritas geht also auch jetzt weiter. "Wir bündeln all unsere Kräfte, um diese Bewährungsprobe auch zu bestehen und unsere Hilfsangebote weiter anbieten zu können. Die Umstände haben sich geändert. Die Hilfe bleibt und wird rasch ausgebaut", betont Schwertner.

Auch jenen helfen, die gerade helfen

Hilfeleistungen funktionieren wegen der Menschen, die sich dafür einsetzen. Immer, aber gerade in Krisenzeiten, müssen sie unterstützt werden. Die Caritas macht das mit Schutzausrüstung, Hygieneutensilien, und auch mit Supervisionsangeboten. Die Hygienemaßnahmen wurden verstärkt, die Mitarbeiter*innen "sind angehalten, den Menschen nah zu sein und gleichzeitig auf räumliche Distanz zu gehen", so Schwertner. Denn klar sei: "Die gegenwärtige Situation ist nicht nur für die Betroffenen herausfordernd, sie ist es auch für unsere MitarbeiterInnen, die in diesen Tagen an vielen Orten Großes leisten."

Ein akutes Problem sind Engpässe in den freiwilligen Kochgruppen, die etwa in der Gruft jeden Tag für obdachlosen Menschen kochen. Viele Köch*innen sind abgesprungen, die Nachfrage aber nach wie vor gegeben - und sie könnte in den nächsten Tagen weiterhin steigen.

Was man noch tun könnte

Weltweit setzen Städte und Staaten Maßnahmen, um die Situation für obdach- und wohnungslose Menschen zu entschärfen. Der US-amerikanische Bundesstaat Kalifornien hat etwa 50 Millionen US-Dollar freigegeben, mit denen Wohntrailer gekauft und Hotelzimmer angemietet werden sollen als Notfallunterkünfte für obdachlose Menschen. Ähnliche Pläne gibt es im Vereinigten Königreich.

In Wien prüfen alle Einrichtungen laufend, ob Angebote und Maßnahmen ausreichen sind und überlegen, welche weiteren Schritte nötig werden könnten. Aber: Die Grundlagen in der Obdachlosenhilfe wären grundsätzlich gut. "Wir können hier auf ein sehr gut funktionierendes System der Wiener Wohnungslosenhilfe zurückgreifen", betont Plohovits. Die Stadt Wien finanziert diese Angebote mit jährlich rund 90 Millionen Euro.

Es geht nun darum, die Unterstützung und Betreuung wohnungs- und obdachloser Menschen bestmöglich sicherzustellen. "Aus vergangenen Krisen wissen wir: Jede Krise trifft die Schwächsten einer Gesellschaft am stärksten", sagt Schwertner. "Diese Menschen jetzt nicht zu vergessen, ist unsere Aufgabe."

Unterschied zwischen Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit:

Obdachlosigkeit: Als obdachlos bezeichnet man Menschen, die ohne Unterkunft auf der Straße oder öffentlichen Plätzen leben, sich etwa in Verschlägen, Parks oder unter Brücken aufhalten. Der Begriff umschließt aber auch Personen, die keinen festen Wohnsitz haben und in Wärmestuben, Notschlafstellen und vergleichbaren Einrichtungen übernachten.

Wohnungslosigkeit:Wohnungslose Menschen sind ohne eigene Wohnung, nicht aber ohne Obdach. Sie leben vorübergehend bei Freund*innen oder Bekannten oder in Einrichtungen bzw. Wohnungen der Wohnungslosenhilfe. Als wohnungslos gelten auch Immigrant*innen und Asylwerber*innen, die in Auffangstellen, Lagern, Heimen oder Herbergen wohnen, bis ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist.

 

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