Shitstorm wegen "Hatschi Bratschi"- Buch – und: wie Community Management nicht geht

Die Wiener Buchhandlung Phil hat das rassistische Märchen "Hatschi Bratschis Luftballon" im Regal. Darauf folgt ein Shitstorm. Der Betreiber reagiert mit rassistischen Kommentaren. Darauf folgt der noch viel größere Shitstorm.

Phil

Es gibt eigentlich nur eine richtige Art und Weise auf Rassismus-Vorwürfe zu reagieren: Kritik annehmen, sich damit befassen, entschuldigen und – am allerwichtigsten – Konsequenzen ziehen! Das Kinderbuch "Hatschi Bratschis Luftballon" ist 1904 erstmals erschienen, wurde immer wieder aufgrund rassistischer Darstellungen kritisiert – und seit der Ersterscheinung deshalb mehrmals abgeändert. Dass das Märchen in seiner Erstverfassung in der Wiener Buchhandlung Phil – mit Beilageheft, das auf rassistische "Untertöne" des Werkes aufmerksam machen soll – aufliegt, veranlasst einen Besucher, auf Facebook ein Statement abzugeben:

Rassismus als Zeitdokument?

Das Phil hatte das Märchenbuch laut eigenen Angaben als Zeitdokument platziert, um zu zeigen, wie "unsere Großeltern und noch unsere Eltern sozialisiert worden sind". Ein von der Buchhändlerin verfasstes Facebook-Posting weist darauf hin, dass das Buch nicht in der Kinderabteilung, sondern bei den österreichischen Büchern als Zeitdokument platziert ist.

Screenshot Facebook

Seitdem wird auf Social Media diskutiert, ob man das Buch aus dem Sortiment nehmen sollte. (Ja.) Dabei geht es schließlich nicht um "Zensur, sondern darum, dass die meisten dieser antiquierten Relikte in Museen zu finden sind (wo sie auch bitte bleiben sollen) und nicht in Bobo-Buchhandlungen", wie eine Userin etwa schreibt. In diese Diskussion mischte sich natürlich auch der Betreiber des Phil, Christian Schädel, ein, der auf kritische Kommentare mit rassistischen Wortmeldungen reagiert: Degradierende Reaktionen gepaart mit Kommentaren, die unter anderem das N-Wort enthalten. Außerdem solle das Buch in den Regalen bleiben, denn die im Buch gezeigten Stereotypen seien "in unserer Gesellschaft leider immer noch verankert, weshalb die FPÖ von 25 Prozent der Menschen gewählt wird", so der Betreiber gegenüber DerStandard. Es gehe um die "Freiheit der Kunst".

Wo endet die Freiheit der Kunst? (Spätestens bei Formen der Diskriminierung wie etwa Rassismus.)

Dem Phil ginge es also um den Schutz der "Freiheit der Kunst. (…) Rassismus ist Scheiße und wir verkaufen das Buch nicht um Rassismus zu verbreiten, sondern um zu sensibilisieren (…)" ZARA, der Verein für Zivilcourage & Anti-Rassismus-Arbeit beleuchtet dieses Argument kritisch:

Also, zum Einen: Wir führen jetzt bitte nach Handke nicht schon wieder die Diskussion, wie ~frei~ Kunst sein darf. (Nie nie nie so ~frei~, dass Rassismus Platz hat.) Zum Anderen kommt hinzu, dass die Betreiber anscheinend Rassismus nicht verbreiten wollen, sich aber genau dem in ihrem Community Management auf Social Media bedienen. Als "Entschuldigung" kommt hierfür ein Video des Besitzers mit dem Hinweis auf seine psychischen Krankheiten, etwa bipolare Störungen.

Und wer jetzt die Frage aufwirft, ob und wie man problematisches Gedankengut von psychischen Krankheiten trennen müsse? Nun, das ist ähnlich wie diese Frage nach der Trennung von Werk und Autor*in – oder um es mit den Worten eines Users zu sagen: "Diese Entschuldigung ist eine Beleidigung für alle anderen Menschen mit psychischen Krankheiten."

Nachtrag: Mittlerweile haben sich die Kellner*in aus dem Phil auf Facebook zu Wort gemeldet und sich von den bisherigen Kommentaren distanziert:

Phil Stellungnahme Screenshot Facebook
 

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