Mit Familienaufstellung Probleme lösen

Mit acht Jahren stolperte Sabine über die Wahrheit. Die Wahrheit steckte in einer Klarsichtfolie. Und die lag in jener Dokumentenmappe, in der sie gerade ein Schulzeugnis suchte. Sabine las ihren Namen. Dann den jenes Mannes, den sie für ihren Vater hielt. Und darüber stand so etwas wie: Adoptionsurkunde. Man könnte meinen, dass die kleine Sabine daraufhin schnurstracks zu ihrer Mutter gelaufen wäre, um sie nach ihrem richtigen Vater zu fragen. Tat sie aber nicht.

Heute, mit 25, sagt sie: "Mir war damals vollkommen klar, dass ich das nicht darf. Weil ich dachte, wenn das etwas Gutes wäre, über das man reden kann, hätte sie es mir ja nicht verheimlicht. Also muss es etwas Negatives sein. Und bis zu einem gewissen Grad dachte ich auch, dass an mir selbst irgendetwas Schlechtes ist."

In fast jeder Familie gibt es irgendwas, das verdrängt, verleugnet oder vertuscht wird. Entweder in der Gegenwart, bei der gewisse Dinge den Betroffenen zwar bekannt, aber nach außen hin geheim sind.

  • Kategorie: Mein Mann trinkt. Oder von Dramen aus der Vergangenheit, die auch nach innen hin geheim gehalten werden.

  • Kategorie: Großvater ist nicht verunglückt, sondern durchgebrannt.

Was so alles verschwiegen wird, ist von den jeweiligen Moralvorstellungen der Zeit und der agierenden Personen abhängig. Einen gemeinsamen Nenner gibt es allerdings: die Scham. Und die Angst, dass das Familiensystem auseinander brechen könnte, wenn der Schleier über den hässlichen Dingen gelüftet wird. Dennoch: Das Sprichwort "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold" gilt für Familiendramen nicht. Die Regel müsste eher lauten: beides ist Gift. Das des Redens ist im Moment vielleicht explosiver. Schmerzhafter. Aber das Gift des Schweigens wirkt dafür länger.

Das Gift des Schweigens.

Schleichend überträgt es sich von Generation zu Generation. Und wird über die Jahre nicht weniger wirksam. Ein markantes Beispiel dafür ist Maria, 37. Seit sie denken kann, quält sie sich mit diffusen Schuldgefühlen. Hatte immer im Hinterkopf die Angst, etwas Schlimmes zu tun, für das andere sie ablehnen und verachten würden. "Ich bin deshalb sogar in eine Therapie gegangen", erzählt sie, "und habe mit der Therapeutin an jenen Szenen gearbeitet, wo meine Eltern mir als Kind Schuldgefühle gemacht haben. Es ging mir danach etwas besser. Aber wirklich frei war ich noch immer nicht." Dann, vor etwa drei Monaten, bekam Maria das fehlende Puzzlesteinchen für ihr schiefes Selbstbild: "Meine 88-jährige Großmutter hat enthüllt, dass sie im Krieg eine Zeit lang für die SS gearbeitet hat. Arbeiten musste, weil sie über ein bestimmtes technisches Know-how verfügte. Indirekt hat sie damit an der systematischen Vernichtung der Juden mitgeholfen." Maria fragt sich: "Wie viele Tonnen von Schuldgefühlen meine Oma - die ich nie ein positives Wort über die Nazis sagen gehört habe - über die Jahrzehnte wohl mitgeschleppt hat? Wie viele es auch sind - für mich waren davon sicher zumindest ein paar Kilo übrig." Ein schweres emotionelles Gewicht, irgendwie übertragen, weitergereicht von der Großmutter zur Tochter zur Enkelin - bloß: wie?

In einer Familie gibt es so etwas wie ein gemeinsames Gewissen.
von Bert Hellinger, Familientherapeut

Bert Hellinger, durch dessen Methode der Familienaufstellung in den letzten Jahren so viele Familiengeheimnisse ans Tageslicht befördert wurden wie wohl noch nie in einer Zeit zuvor, meint dazu: "Meine Beobachtung ist, dass es in einer Familie so etwas gibt wie ein gemeinsames Gewissen. Dieses Gewissen umfasst nicht nur die Eltern und Geschwister, sondern auch die Großeltern, Onkel und Tanten und sogar frühere Partner von Eltern oder Großeltern." Dieses gemeinsame Gewissen achtet darauf, dass nichts und niemand ausgeklammert wird. Passiert es dennoch, verstrickt sich eine Person aus späteren Generationen unbewusst in das Thema und wird zu einer Art Stellvertreter der ausgeklammerten Person und/oder deren Konflikt. Damit bekommt das Familiensystem zwar einen, der vielleicht - von außen betrachtet - rumspinnt und Probleme macht, aber auch noch einmal die Chance, das verdrängte Problem zu lösen.

Eine ähnliche These wie Hellinger hat auch der Münchner Psychologie-Professor Dr. Franz Ruppert: "Unsere Psyche hat nicht nur einen aktiv Gedanken produzierenden Part, sondern auch einen passiv rezeptiven. Wie die Berge den Schall, der an weit entfernter Stelle erzeugt wird, als Echo zurückwerfen, so kann auch die menschliche Psyche wegen unserer Bindungen im Familiensystem im Strom der Gefühle und Gedanken anderer stehen und wie ein Resonanzkörper funktionieren. Auf diese Weise können sich in unseren Gefühlen Eigenes und Fremdes, Vergangenheit und Gegenwart vermischen."


Echo von gestern.

Indizien dafür, dass jemand sich mit unverarbeiteten Gefühlen herumschlägt, die nicht aus seinem eigenen Leben stammen, können etwa "unerklärliche Krankheiten, sowohl psychische als auch psychosomatische, sein", wie der Salzburger Psychologe und Autor Dr. Rüdiger Opelt aus seiner Praxis weiß. "Wenn es eigentlich keinen Grund für eine Erkrankung gibt, dann ist meist irgendwo ein Tabu, dann ist der Zugang zum Ursprung des Problems versperrt. Und das ist immer verdächtig in Richtung Familiengeheimnis." Opelt ist bei den Recherchen für sein neuestes Buch Die Kinder des Tantalus tief eingetaucht in die Vergangenheit österreichischer und deutscher Familien – und hat dabei auf faszinierende Weise die Zusammenhänge zwischen der Gewalt, die unsere Vorfahren (speziell im Zweiten Weltkrieg) erlebten, der danach folgenden kollektiven Verdrängung und heutigen Psycho-Problemen dargestellt.

Wenn es eigentlich keinen Grund für eine Erkrankung gibt, dann ist meist irgendwo ein Tabu.
von Dr. Rüdiger Opelt, Psychologe und Autor

Zum Beispiel in Sachen Sexualität, dem Tabu-Thema überhaupt. ",Versteckt die Frauen, die Russen kommen', hallte es bei Kriegsende durch Ostösterreich", schreibt Opelt, und ergänzt im Interview: "Und jene Frauen, die Opfer wurden, haben oft nicht darüber gesprochen. Doch Gewalt erzeugt Angst vor Sex - und wenn diese Angst nicht ausheilen kann, weil man sich nie offen mit ihr auseinandersetzt, gibt die Großmutter der Mutter die Angst weiter, und deren Tochter sitzt auf einmal bei mir auf der Couch und versteht nicht, warum Sex für sie nicht schön ist. Warum sie nicht kann, nicht will, Ekel empfindet, obwohl die Liebe zum Freund eigentlich stimmt."

Während sexuelle Lustlosigkeit ein noch vergleichsweise harmloses Resultat verschwiegener Traumata ist, können sich andere Geheimnisse weit dramatischer auswirken. Ein Selbstmord etwa, über den nicht mehr gesprochen werden darf. Wenn sich jemand umbringt, dann will man oft von ihm nichts mehr wissen, nichts mehr hören, nichts mehr reden. Experte Bert Hellinger: "Selbstmord macht den anderen Angst. Also wird er ausgeklammert. Doch gerade dadurch wirkt sein Schicksal in der nächsten oder übernächsten Generation weiter." Und als ob ein Fluch auf der Familie läge, gibt es unter den Nachfahren des Selbstmörders häufig einen, der wie unter einem Zwang denselben dunklen Weg geht. Oder zumindest einen, der sich mit schweren Depressionen herumschlägt.

Verwirrte Seelen.

Für Prof. Franz Ruppert von der Katholischen Stiftungs-Fachhochschule München findet sich das Prinzip der Verstrickung sogar bei Psychosekranken - also jenen Menschen, die unter Wahnsymptomen und Halluzinationen leiden. Üblicherweise werden ihre Wahnideen als beliebig und mit der Erklärung "hirnorganische Ursachen" abgetan. Dort, so Ruppert, gehören sie aber seiner Meinung nach nicht hin: "Die psychotischen Symptome sind die Spur, die ein Verwirrung stiftendes Ereignis im Familiensystem hinterlassen hat. Wenn wir dieser Spur folgen und uns nicht von Vordergründigem ablenken lassen, gelangen wir ans Ziel." Psychotiker haben zum Beispiel oft gewisse Worte oder Satzschnipsel, die unablässig in ihrem Geist kreisen. Auf den ersten Blick ergeben diese Wort-Fragmente keinen Sinn. Untersucht man jedoch die Schicksale der Generationen vor ihm, dann erscheinen sie plötzlich in einem anderen Licht. Und wirken oft wie Überreste, wie kleine Trümmer einer emotionellen Explosion, die in der Familie vor vielen Jahren stattgefunden hat. Prof. Ruppert: "Nach meiner Erfahrung mit psychosekranken Patienten gibt es zwei große Komplexe von Familiengeheimnissen, aus denen sich über drei Generationen hinweg Psychosen entwickeln. Der eine Fall sind Kinder, bei denen der Vater nicht bekannt sein darf, der andere sind mysteriöse Todesfälle innerhalb des Familiensystems."

Es erscheint tragisch, wenn jemand psychisch etwas ausbadet, was ihm frühere Generationen eingebrockt haben. Doch gleichzeitig ist es auch eine riesengroße Chance. Denn der Stellvertreter - in der Fachsprache auch Symptomträger genannt - drückt das verdrängte Problem der ganzen Familie aus. An ihm wird sichtbar, wo es im System krankt. Setzt er sich mit den Schrecken seiner Vorfahren auseinander und bringt das Geheimnis zur Sprache, ist der Grundstein für inneren Frieden gelegt. Denn: Leid verschwindet nicht dadurch, dass wir wegschauen und leugnen. Erst, wenn jemand durch den Schmerz, die Trauer, die Scham und die Schuld hindurchgeht, sie fühlt und annimmt, verschwinden die seelischen Traumata wie ein böser Traum.

 

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