Kommentar: "Ich hab keine Angst vor dem Virus, sondern vor den Menschen"

"Ich wünsche mir, dass die Menschen aufhören würden, so grauslich zueinander zu sein!" WIENERIN-Kolumnistin Martina Parker meint: Corona hinterlässt eine Wirtschaftskrise, es muss aber nicht auch eine Menschheitskrise werden.

Illustration: Menschenmenge, alle tragen Mund- und Nasenschutzmasken

Heute habe ich online einen Artikel gelesen. Danach ging es mir schlecht. Der Artikel hinterfragte, ob unsere Regierung das Recht hätte, uns die Freiheit zu nehmen und die Wirtschaft ins Chaos zu stürzen, wegen einer Krankheit, die vornehmlich die Alten und Schwachen betreffe.

Danach war ich so aufgelöst, dass ich erst einmal eine Runde um den Block gehen musste. Ich telefonierte dann mit meiner besten Freundin, die in solchen Momenten immer einen kühlen Kopf bewahrt und sie stellte eine wichtige Frage, die die ganze Debatte auf eine andere Ebene hob und die sich jede einzelne von uns stellen sollte. Die Frage lautete: "Was würdest denn Du tun, wenn Du Regierungschefin wärst?"

Ausgangsbeschränkungen und Maskenpflicht: "Was würdest du tun, wenn du Regierungschefin wärst?"

Wenn man darüber nur eine Minute lang nachdenkt, kommt man ganz schnell drauf. Im Moment kann man sich nur zwischen Pest oder Cholera entscheiden. Meine Verschwörungsfantasien gehen nicht so weit gehen, dass ich glauben will, dass eine schwarze Politik unsere Wirtschaft bewusst schädigen will und eine grüne Politik heimlich den Überwachungsstaat plant. Also distanziere ich mich jetzt entschieden von diesen Gedanken, den der Artikel, wenn auch auf äußerst subtile Weise in mir geweckt haben mag.

Ich will auch nicht darüber diskutieren müssen, ob das Virus von einer Schleichkatze stammt, in einem Labor gezüchtet wurde, oder vom Mars kommt. Ich hab die Schnauze voll von Verschwörungstheorien. Ich bin keine Corona-Expertin. Ich glaube auch, dass die meisten, die gerade alles besser wissen, keine sind. Ich wünsche mir nur, dass die Menschen aufhören würden so grauslich zueinander zu sein. Ich mag nichts mehr lesen, das nur zu dem Zweck geschrieben wurden, Angst und Zweifel zu schüren. Ich mag keine Postings mehr verfolgen in denen Menschen übereinander herfallen. Ich mag dieses ganze Empören, Ereifern und Denunzieren nicht mehr. Vor allem das Denunzieren. Gestern hat irgendwer in irgendeiner Gruppe geschrieben, dass zwei Männer bei der Arbeit im Freien am Land zu nahe beieinander gestanden hätten. Rufe nach der Polizei wurden laut. Die muss man anzeigen, aus dem Verkehr ziehen. Dem Poster wurde virtuell lautstark auf die Schulter geklopft. Da nutzte es auch nichts, das eine wenige zu beschwichtigen versuchten und eine Frau meinte, sie hätte jetzt aber schon ein komisches Gefühl. Fast so wie "damals" als das mit dem Bespitzeln losging.

Raus aus der Feindseligkeit!

In einer lokalen Frauengruppe wurde eine Schneiderin aufs Übelste beschimpft, die Mund Nasen Schutz Masken schneidert. „Ihre Masken würden eh nichts taugen“, schimpften die selbsternannten Coronamaskenexpertinnen. Ihre ungebremste Wut, ihre Polemik hat mich erschreckt. Grad, dass sie die Schneiderin nicht als Mörderin gesteinigt haben.

In einer Seegemeinde mit vielen Pendlern und Zweitwohnsitzen flippen die Einheimischen aus, weil die Zweithäusler, die nun dort die Coronakrise aussitzen ihnen das Klopapier wegkaufen würden. Der eine von denen war vor zwei Wochen in Rom. Der hat sicher das Virus eingeschleppt. Vor der Coronakrise waren die Zuagroasten noch gerne gesehen. Hatten sie doch ihre Häuser von einheimischen Firmen bauen lassen und gaben beim Wirten und in den lokalen Geschäften das meiste Geld aus und sie zahlen genauso Gemeindeabgaben wie alle anderen. Aber jetzt spaltet sich die Gesellschaft und sie wird gegenseitig die Schädeln einhauen, wenn das so weiter geht. Irgendwann erschießt noch einer jemanden bei Billa, weil er seine Schutzmaske falsch aufsetzt.

Es sind beschissene Zeiten. Keiner weiß, wie lange sie dauern werden. Keiner weiß, was danach ist. Es ist eine wirtschaftliche Katastrophe, aber es muss keine menschliche werden. Wir können es jetzt schon ein bisschen erträglicher machen, wenn wir nur alle ein bisschen die Ruhe bewahren und uns überlegen wie wir uns menschlicher Verhalten können. Es wird niemand verhungern. Wir sitzen in geheizten Wohnungen mit einem Riesenberg Essen und Klopapier. Der zweite Weltkrieg hat sechs Jahre gedauert. Wir reden nach zwei Wochen von Krieg und hauen die Nerven weg. Zukunftsforscher Matthias Horx sagt "Die Zukunft ist nichts was uns einfach passiert. Die Zukunft sind wir. Sie wird von dem bestimmt, was du heute tust." Also bitte, enttäuscht mich nicht.

 

Aktuell