Kindern Grenzen setzen – aber richtig

Psychotherapeutin Vivien Kain arbeitet mit Eltern und Kindern. Und erklärt, warum Grenzen dem Nachwuchs dabei helfen, zu glücklichen, verantwortungsbewussten Menschen heranzuwachsen.

„Mein Kind, ich liebe Dich, deshalb setze ich Dir auch Grenzen“ – Erziehung heißt Geborgenheit in sicheren Grenzen.

Über das Ziel der Erziehung sind sich wohl alle Mütter und Väter schnell einig: Sie wünschen sich, dass ihr Kind zu einem glücklichen, verantwortungsbewussten, zufriedenen Menschen mit Selbstvertrauen heranwächst, der auch mit Belastungen umgehen kann.Doch wie erzieht man sein Kind zu genau diesem Menschen?

Eine wesentliche Zutat in der Erziehung heißt Grenzen setzen. Aber wie genau soll das aussehen? Wie eng oder breit sollen diese gezogen werden? Wann sollte man sie setzen und wann seinem Kind die Möglichkeit geben selbstständig zu entscheiden? Eltern reflektieren diese Fragen oft erstmals, wenn das Kind zu gehen beginnt, also Autonomie in der Motorik erreicht, der Erwerb der Sprache einsetzt und das Kind somit selber entscheiden kann, in welche Richtung es geht, was es isst, was es sagt, was es will. Ein Thema, das auch mit den eigenen erzieherischen Einstellungen und Werten verwoben ist.

Müssen Grenzen in der Erziehung sein?

Grenzen zu setzen, die die Gesundheit und das Wohlbefinden unserer Kinder sichern, fallen den meisten von uns intuitiv nicht schwer. Wenn Mama z.B. bemerkt, dass der Sohn seine kleinen Finger zu nah an der heißen Herdplatte hat, wird sie sofort reagieren. Wenn Papa mit der übermütigen Tochter Roller fährt, wird er ohne zu überlegen eingreifen, wenn er bemerkt, dass das Kind ungebremst auf die Straße zu rast. Ganz anders verhält es sich hingegen mit den Grenzen im ganz normalen fordernden Alltag. Da entwickeln wir als Eltern schnell Unsicherheiten und es fehlt uns selber an Orientierung und Klarheit in Sachen Grenzsetzung.

Hier ein alltägliches Beispiel:

Die dreijährige Heidi spielt an einem warmen Sommertag in der Sandkiste. Mama bittet sie ihren Sonnenhut aufzusetzen, da die Sonne doch recht stark scheint. Heidi scheint Mama nicht zu hören und spielt weiter. Mama wiederholt die Aufforderung und meint zusätzlich, dass Heidi die Sandkiste verlassen muss, wenn sie den Sonnenhut nicht aufsetzt. Das Mädchen beginnt zu weinen und der Mama schreiend zu erklären, dass sie den Sonnenhut nicht aufsetzen wird. Mama lässt Heidi weiter in der Sandkiste, da sie ihr den Spaß am Spielen nicht nehmen möchte und ihr die Blicke der Anderen unangenehm sind. Was ist gerade passiert?

Mama handelt zu Beginn zum Wohle des Mädchens und zieht eine natürliche Grenze da sie nicht will, dass das Kind einen Sonnenstich bekommt. Als Heidi dann aber ihren eigenen Willen aufzeigt, verwirft Mama aus Überforderung, Unsicherheit oder auch aus Scheu vor der Konfrontation die natürliche und sichere Grenze und wird inkonsequent.

Wie kann man seinen Kindern konsequent Grenzen aufzeigen?

Sie kann von Beginn an bewusst auf die Aufforderung und die Grenze verzichten wenn sie das Gefühl hat, heute nicht konsequent genug sein zu können. Oder sie kann sich von dem Trotz oder dem starken Willen des Mädchens nicht abschrecken lassen, Heidi aus der Sandkiste holen und ihr erklären, dass sie gerne wieder zurückgehen kann, wenn sie den Sonnenhut aufsetzt. Heidi hat in dieser Grenzsetzung sogar noch die Möglichkeit, selber zu entscheiden, ob sie sich den Hut aufsetzt und wieder in die Sandkiste zurück geht oder ob es ihr wichtiger ist, den Hut nicht aufzusetzen und damit ihren Willen durchzusetzen, dann aber auch mit der Konsequenz leben kann. Und um diese Grenze zu einer natürlichen Regel werden zu lassen, würde Heidis Mama vor dem nächsten Mal Sandkiste an einem heißen Sommertag Heidi bereits im Vorfeld daran erinnern, dass sie gerne in die Sandkiste gehen kann, sie sich davor aber eben ihren Sonnenhut aufsetzen muss.

Der Mama gelingt es damit, eine sichere Grenze zu setzen und konsequent zu bleiben. Sie handelt zum Wohle des Kindes, achtet Heidi und ihre Entscheidungen aber weiterhin. Sie bestraft sie nicht, sondern zeigt ihr lediglich die logische Konsequenz ihres eigenen Handelns auf. Egal, wie Heidi sich beim nächsten Mal entscheidet, hat sie eines vermittelt bekommen: Halt, Fürsorge, Klarheit und Orientierung in einer sicher gezogenen Grenze.

Ein Kind, das sehr wenige Grenzen gesetzt bekommt, kann eine geringe Impulskontrolle aufweisen, ist möglicherweise affektlabiler und verspürt Unsicherheiten und Ängste. Diese Gefühle finden oft ihren Ausdruck in überschießender Wut, unkontrollierten Affektausbrüchen und einer geringen Frustrationstoleranz. Das Kind fühlt sich grenzenlos, hat weniger Halt und weniger Orientierung durch Grenzsetzung erfahren und hat Probleme, sich gegenüber anderen abzugrenzen. Ein Kind dagegen, das zu oft zu strenge Grenzen aufgezeigt bekommt, hat das Gefühl, dass sein gesamter Alltag Großteils von Entscheidungen der Erwachsenen bestimmt ist, es entwickelt womöglich wenig Selbstständigkeit, wenig Zutrauen ins eigene Handeln, Fühlen und Entscheiden, verspürt mitunter große Unsicherheiten und Ängste und kann sich stark eingeengt und von den Erwachsenen beobachtet und fremdbestimmt fühlen.

Eltern werden ist bekanntlich nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr

Es ist die wohl anspruchsvollste, komplexeste Aufgabe und verlangt häufig ein hohes Maß an Geduld, Flexibilität und Überzeugung ab. Es ist eine Lebensaufgabe, für die es keine Ausbildung gibt, daher wünschen wir uns oft eine Anleitung, an der wir uns orientieren können, da wir auch an unsere eigenen Grenzen stoßen. Die Herausforderung besteht darin, gesunde Grenzen zu setzen, ohne sich dabei mit dem Kind in einen Machtkampf zu begeben, das Kind weiterhin in der Situation zu achten. Zu versuchen, die Erziehungshaltung „Bestrafung/Belohnung“ möglichst zu vermeiden und die Grenzsetzung als natürliche und logische Konsequenz zu vermitteln. Und diese Grenzen müssen immer wieder situationsbedingt reflektiert werden, sie können nicht allgemein gültig sein. Es braucht keine perfekten Eltern. Die Kinder wollen bemühte und liebevolle Eltern, die sich selber immer wieder reflektieren, authentisch sind und auch Fehler eingestehen können. Eltern, die sich trauen, jeden Tag aufs Neue zu versuchen, ein gesundes Mittelmaß an Grenzsetzung einerseits und Zutrauen in die Entscheidungsfindung des Kindes andererseits zu finden. Am besten gelingt das, indem wir stets in Beziehung bleiben mit unserem Kind und weiterhin hineinspüren, was es braucht, um sich zu dem eingangs beschriebenen glücklichen, selbstbewussten und gestärkten Menschen entwickeln zu können.

Mag. Vivien Kain ist eingetragene Psychotherapeutin (Individualpsychologin) mit Weiterbildungen in der Säuglings-, Kinder und Jugendlichenpsychotherapie, der Eltern- und Erziehungsberatung sowie die Diagnostik und Behandlung von Teilleistungsschwächen.

vivien.kain@kinderarztpraxis-schumanngasse.at

Die Kinderarztpraxis Schumanngasse vereint ein Team aus ÄrztInnen und TherapeutInnen aus unterschiedlichen Bereichen unter einem Dach. Neben sämtlichen „normalen“ Leistungen eines Kinderarztes sowie der ambulanten Betreuung von akut oder chronisch kranken Kindern setzt man auch einen Schwerpunkt im Bereich der Gesundheitsvorsorge für Kinder- und Jugendliche.

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