"Ich ertrage es nicht, dass mein Kind fett ist"

Gedankensplitter: Eine Frau hadert mit dem Übergewicht ihrer Tochter. Und fragt sich: Ist man als Mutter eines dicken Kindes eine Versagerin?

Gedankensplitter: Lea stand immer schon "gut im Futter". Ein Baby mit herzigen Speckpolstern, ein stämmiges Kleinkind, die Schwerste in der Volksschule. „Die kommt nach der Schwiegermama“, haben die Leute gesagt. Denn nach Mama Claudia kann sie nicht kommen. Die ist dünn, genauso wie der Papa und Leas kleine Schwester Lisa.

Ein Kind, das gerne isst

Claudia kocht täglich von der Picke auf, verwendet keine Fertiggerichte, kein Fastfood, serviert ganz normales Essen wie "Huhn mit Reis" oder "Nudeln mit Tomatensoße". Lea findet trotzdem immer einen Weg, sich genau diese paar hundert Kalorien mehr reinzuschieben, die nötig sind, um kontinuierlich zuzulegen, so die Mama. Sie nascht bei der Oma, bei Freundinnen, in der Schule. Es ist schwer einer 11-Jährigen das Essen zu untersagen. Auch der Hausarzt weiß keinen Rat. Lea hat keine psychischen Probleme. Sie geht auch dreimal in der Woche zum Sport, aber sie isst einfach gerne und am liebsten das Falsche.

„Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll“, sagt Claudia. „Ich will ihr ja keine Ess-Störung einreden, aber dann ertappe ich mich doch dabei, dass ich sie ankeife: „Schling nicht so“, oder „Bist Du denn noch nicht satt!“

Schuldgefühle einer Mutter

Letztens hat Claudia geweint, weil sie sich schuldig fühlt. Schuldig, weil die anderen Mütter sie vorwurfsvoll anstarren: „Kann die das Kind nicht vernünftig ernähren!“ oder noch schlimmer: „Vielleicht ist das alles ja nur Hunger nach Liebe!"

Schuldig, weil sie bei jedem Wachstumsschub hofft, dass Lea diesmal endlich in die Höhe statt in die Breite schießt. Schuldig, weil sie sogar Hintergedanken hat, wenn Lea krank ist: „Vielleicht hat sie ja jetzt durch das Fieber weniger Appetit und nimmt ein bisschen ab.“

Erbarmungslose Umwelt

„Ich sehe sie an und denke mir, wie hübsch Lea mit fünf Kilo weniger wäre,“ gesteht sie.

„Ich bin kein oberflächlicher Mensch, aber ich weiß, wie unsere Gesellschaft tickt. Bald wird Lea sich zum ersten Mal verlieben. Ich will nicht, dass sie verspottet wird. Dass sie für Jungs immer nur der dicke Kumpel bleibt, während ihre Freundinnen „Sweet Sixteen“ werden und die süßen Jungs daten. Sogar im Berufsleben ist gutes Aussehen heute ja ein Thema.“

Und dann ist da noch der Gesundheitsaspekt. Aber mit Lea über gesunde Ernährung, Karies und Diabetes zu reden, hat auch nichts gebracht. Die Vorsätze sind vergessen, wenn am nächsten Tag eine Klassenkameradin ihren Geburtstag in einer Schokoladenfabrik feiert.

Letztens hat ihr ein Idiot in der Schule „Fette Sau“ nachgerufen.

Ist fett wirklich das Schlimmste, das ein Mensch sein kann? Schlimmer als dumm, oberflächlich, eitel, langweilig oder gemein?

Natürlich nicht, aber das Wissen bringt Claudia auch nicht weiter.

 

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