Frauenmorde steigen: Gewaltschutzexpertinnen sehen dringenden Handlungsbedarf

16 Frauen und Mädchen sind seit Jahresbeginn ermordet worden: Trotzdem kürzt das Innenministerium bei Interventionsstellen gegen Gewalt.

16 Frauen oder Mädchen sind seit Jahresbeginn in Österreich ermordet worden. In den meisten Fällen handelt es sich um Beziehungs- oder Familientaten. Die Familie ist und bleibt somit der gefährlichste Ort für Frauen und Kinder. Voriges Jahr gab es laut polizeilicher Kriminalstatistik 54 Tötungsdelikte, davon 36 im Familienkreis. In 24 Fällen waren die Opfer Frauen. Zum Vergleich: 2014 wurden 17 Personen im Familienkreis umgebracht. Es kam also zu mehr als einer Verdopplung der Mordfälle innerhalb der Familie.

Statistiken fehlen

Neben dem Familienkreis stehen Paarbeziehungen ganz oben: In Österreich wird statistisch jedoch nicht erfasst, wie viele Frauen pro Jahr durch Gewalt in Beziehungen sterben. Deshalb gibt es auch keine Maßnahmen dagegen. "Dabei wird die Zahl der Hochrisikofälle jährlich höher.", beklagt Irma Lechner vom Zusammenschluss österreichischer Frauenhäuser. Institutionen, die mit der Ansteigenden Gewalt gegen Frauen noch wichtiger werden. Und das beweisen auch die Zahlen: 2017 betreuten die vier Wiener Frauenhäuser 624 Frauen und 640 Kinder. Dabei dokumentierten sie 107 Fälle von Misshandlungen mit Waffengebrauch – davon 84 mit Messer, sieben mit Schusswaffe und 16 mit anderen Waffen. Aber nicht nur in Wien steigen die Vorfälle: Auch auf Bundesebene stellen die Gewaltschutzzentren einen deutlichen Anstieg an Hochrisikofällen und Tötungsdelikten fest, erklärt Eva Schuh vom Bundesverband der Gewaltschutzzentren und Interventionsstellen.

"Die Forderungen von Frauenorganisationen, die sich seit Jahren für bessere Maßnahmen zur Prävention von Gewalt aussprechen, müssen ernst genommen werden."

von Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser

2017: 9000 Männer erhielten Betretungsverbot

Neben Frauenhäusern sind Betretungsverbote und Wegweisungen wichtige Möglichkeiten, um Frauen vor Gewalttaten zu schützen. So ist es im vorigen Jahr beinahe 9000 Männern verboten worden sich ihren Ex-Partnerinnen zu nähern. Einige halten sich jedoch nicht an diese Anweisungen, weshalb Frauen oft vor der Gewalt flüchten und ihre Identität sowie ihr soziales Umfeld aufgeben müssen, während der Täter meist auf freiem Fuß bleibt. Gibt es doch rechtliche Konsequenzen, fallen die Sanktionen meist sehr milde aus. Kommt es zu Freiheitsstrafen, würden viele Frauen laut Geschäftsführerin der Wiener Interventionsstelle Rosa Logar oft nicht einmal davon erfahren, wenn ihr Ex-Partner wieder aus der Haft entlassen wird.

Fallkonferenzen gestrichen: Ein "herber Rückschlag"

Damit es nicht zu weiteren Gewalttaten und Übergriffen kommt und das schlimmste verhindert wird, haben sich bisher PolizistInnen und Interventionsstellen gegen Gewalt getroffen – nun nimmt jedoch die Polizei an diesen Treffen nicht mehr teil. Nicht nur in Wien, sondern auch in Tirol und Niederösterreich wurden die Konferenzen gestoppt. Das Innenministerium hat das entschieden. Die Polizei bestätigt, dass das Projekt eingestellt worden ist und beruft sich auf Evaluationen, die den Mehrwert der Treffen im Vergleich zu anderen Projekten in Frage stellen. Für Rosa Logar ein herber Rückschlag: „Bei den Treffen ging es um Fälle, wo es bereits Androhung von Gewalttaten oder Gewalt gegeben hat. Morde kommen nicht einfach aus heiterem Himmel. Viele davon sind sogar von massiven Drohungen angekündigt und trotzdem passiert nichts. Hier gibt es große Schwäche im System“, erklärt sie.

„Die Sicherheit von Frauen muss unserer Gesellschaft endlich etwas wert sein.“

von Rosa Logar, Geschäftsführerin der Wiener Interventionsstelle

Solche Fälle wurden bisher in der Kommission behandelt – das ist jetzt nicht mehr möglich. „Das Wissen sollte nicht nur bei der einzelnen Einrichtung bleiben, sondern geteilt werden.“ Nur so können laut Gewaltschutzexpertinnen die bestmöglichsten Maßnahmen wie vermehrte Polizeistreifen, Gewaltpräventionstrainings oder die Hilfe der Justiz herangezogen werden, bevor etwas passiert. Aber nicht nur der Stopp der Treffen trifft Frauenorganisationen hart – auch die Budgetkürzungen des Frauen- und Familienministeriums erschweren zunehmend ihre Arbeit. „Präventionskampagnen sind teuer. Wir fordern deshalb 210 Millionen statt 10 Millionen Euro. Das klingt zwar utopisch, aber es ist zur Verhinderung von Gewalt und Mord – da gibt es kein zu viel. Wir hätten uns bessere Verhandlungen der Frauenministerin gewünscht“, sagt Logar und appelliert an die Regierung für eine Ausweitung des Budgets für Gewaltschutz und Gleichstellungsmaßnahmen zu sorgen. Dieses Jahr geschahen mehrere Frauenmorde innerhalb eines Monats – trotzdem sieht die Regierung anscheinend keinen Anlass für mehr Präventionsarbeit oder eine Kommission, die Gewalttaten genauer untersucht.

 

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