Corona-Krise: "Die Politik hat auf die Sexarbeiter*innen vergessen"

Da es für Sexarbeiter*innen im zweiten Lockdown keine Umsatzentschädigung gibt, ruft die Berufsvertretung für Sexarbeitende nun zur Spendenaktion auf.

Sexarbeit Corona

Seit 3. November sind Schulen, der Handel sowie Friseure und andere Dienstleistungen mit Körpernähe geschlossen. Auch das Betreten von "Einrichtungen zur Ausübung von Prostitution" ist laut der neuen COVID-19-Schutzmaßnahmenverordnung verboten. Für viele Sexarbeitende waren die letzten Monate bereits eine große Herausforderung. Erneute Umsatzeinbußen treiben viele nun wieder weiter in Richtung Armut. Die BSÖ (Berufsvertretung für Sexarbeitende) möchte mit der Hilfsaktion "Sex im Notstand - Spenden ist sexy" Spenden sammeln, um Sexarbeiter*innen zu unterstützen.

"Man hat uns ziemlich hängen lassen"

Shiva Prugger, Gründerin der BSÖ und Initiatorin der Spendenaktion ärgert sich darüber, dass die Sexarbeitsbranche von der Politik in den letzten Monaten völlig vernachlässigt wurde. "Man hat uns vergessen. Sexarbeiter*innen wurden in keiner Pressekonferenz erwähnt, man hat uns eigentlich ziemlich hängen lassen. Noch dazu waren wir eine der letzten Branchen, die nach dem ersten Lockdown wieder arbeiten durften", erklärt sie gegenüber der WIENERIN. Nun würde sich die Ungleichbehandlung und konsequente Nichtbeachtung der gesamten Sexarbeitsbranche durch die Politik fortsetzen. Einrichtungen zur Ausübung von Prostitution sind von der Gewährung des Lockdown-Umsatzersatzes nämlich ausgenommen.

Viele können sich nicht leisten, lange nicht zu arbeiten

In Österreich sind rund 8.000 Sexarbeiter*innen gemeldet. Der Großteil von ihnen ist weiblich und stammt aus dem Ausland, vor allem aus Ländern wie Rumänien, Bulgarien, Ungarn oder der Türkei. Allgemein zählen Sexarbeitende zu einer sehr vulnerablen Gruppe. Viele von ihnen sind alleinerziehende Mütter, von Armut betroffene oder verschuldete Personen, suchtkranke Menschen, wohnungs- oder obdachlose Personen. "Diese Menschen fallen oft durch die Maschen des staatlichen Hilfssystems durch und können es sich nicht leisten, über lange Zeitperioden hinweg nicht zu arbeiten, wenn dies verboten ist", erklärt die BSÖ in ihrer Aussendung.

Im ersten Lockdown war es einigen Sexarbeiter*innen, die ursprünglich aus dem Ausland kommen, nicht mehr möglich, nachhause zu fahren, weil die Grenzen so rasch geschlossen wurden. "Viele Frauen sind dann in den Laufhäusern hängengeblieben. Dort mussten sie rund 35 Euro am Tag zahlen", so Prugger. In den vier Monaten, in denen das Arbeiten wieder erlaubt war (also von Anfang Juli bis Anfang November) waren infolgedessen viele damit beschäftigt, ihre Schulden zurückzuzahlen. Für einen eventuellen weiteren Lockdown zu sparen, war für die meisten gar nicht möglich. Auch haben viele der Sexarbeiter*innen keine österreichische Konto- bzw. Steuernummer, was das Beantragen von Unterstützungen schwer bis unmöglich macht. Die oftmals existierende Sprachbarriere erleichtert die Sache natürlich auch nicht.

Wiederaufnahme der Sexarbeit ungewiss

"Auch wenn Prostitutionslokale nicht in das Weltbild der derzeitig amtierenden Regierung zu passen scheinen, sollte man nicht darauf vergessen, dass durch eine monatelange Schließung Arbeitsplätze von Frauen in Gefahr sind", heißt es aus der BSÖ. Wann Sexarbeit wieder möglich sein wird, ist derzeit unklar. Der allgemeine Lockdown soll mit Anfang Dezember zu Ende sein, "allerdings spricht man immer nur darüber, wann der Handel wieder aufgesperrt wird", so Prugger. "Ich gehe davon aus, dass wir mindestens noch den ganzen Dezember nicht arbeiten werden dürfen".

Um Sexarbeitende in dieser herausfordernden Zeit zu unterstützen, bittet der Verein BSÖ um Spenden. Damit sollen Lidl- und Hofer-Gutscheine finanziert werden, die anschließend im Beratungszentrum SOPHIE für Sexarbeiter*innen ausgegeben werden.

Spenden können auf das Konto der BSÖ übermittelt werden:

BSÖ
IBAN: AT13 2011 1843 1130 4800
Verwendungszweck (unbedingt angeben): Coronahilfe

 

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