Richtig eingewöhnen im Kindergarten

Müssen Kinder bei der Eingewöhnung in Krippe oder Kindergarten weinen? Kinderarzt und Kinderpsychotherapeut Dr. Rüdiger Posth sagt: "Nein." Im Interview mit der WIENERIN mit Kind erklärt er, warum die sanfte Ablösung so wichtig ist - und entkräftet Mythen, die Eltern in Krippen immer wieder hören.

Herr Dr. Posth, Sie sind Kinderarzt sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Und Sie beantworten seit vielen Jahren auf www.rund-ums-baby-de jeden Montag Morgen ab 8 Uhr Elternfragen. Immer wieder melden sich dort verzweifelte Eltern, die bei der Eingewöhnung ihrer Kinder in der Krippe Erfahrungen machen, die ihrer Intuition widersprechen. Etwa, dass Mama oder Papa auch gegen den Widerstand des Kindes weggehen sollen. Wie können Eltern dafür sorgen, dass es ihrem Kind gut geht bei der Eingewöhnung?

Je jünger ein Kind ist, desto länger dauert die Eingewöhnungsphase in eine Form der Fremdbetreuung. Je reifer das Kind, je bekannter schon die neue Umgebung ist und je einfühlsamer und zuwendungsaktiver die zukünftige Betreuerin reagiert, desto schneller und unkomplizierter gelingt die Ablösung. Die Grenze zwischen rascher und weitgehend schon selbstständiger Ablösung sowie schwieriger und noch unbedingt begleiteter liegt bei etwa drei Jahren. Das sind eigentlich Fakten, mit denen alle Eltern argumentieren können und die von keiner einigermaßen kenntnisreichen Erzieherin oder anderen pädagogischen Kraft verneint werden können. Das heißt: Alle Kinder unter drei Jahren benötigen eine begleitete Ablösung, wobei die Dauer das Kind bestimmt. Denn jedes Kind ist da ein bisschen anders unterwegs und Veranlagung und Entwicklung sind individuelle Faktoren, die nicht über einen Kamm geschoren werden können.

Das heißt: Starre Zeitvorgaben seitens Krippen und Kindergärten, nach wie vielen Tagen oder Trennungsversuchen ein Kind eingewöhnt sein muss, sind kontraproduktiv?

Bei der sanften Ablösung soll das Kind das Tempo der Trennung bestimmen können. Auf jeden Fall sollten alle Eltern, die ihre Kinder früh fremdbetreuen lassen - also unter drei Jahren - immer in Habachtstellung sein und sich notfalls rechtzeitig anrufen lassen, um zurückkehren zu können. Dieses Sicherheitsnetz muss sein! Es ist auch kein pädagogischer Fehler, noch einmal „zurückzurudern“, wenn einmal ein Trennungsmanöver misslingt. Zwischen ein und zwei Jahren ist eine Betreuung vormittags noch ohne Mittagsschlaf immer die bessere Variante, denn der Mittagsschlaf zusammen mit anderen Kindern ist immer eine Klippe. Einschlafbegleitung mehrerer Kinder gleichzeitig ist für eine Erzieherin auch fast ein Ding der Unmöglichkeit. Ab dem zweiten Lebensjahr muss man sowohl das Essenszeremoniell als auch den Mittagsschlaf im Ablauf genau miteinander besprechen - Stichwort "Erziehungspartnerschaft" zwischen Pädagoginnen und Eltern.

Ohne Tränen geht es nicht, hören viele Eltern. Und es sei gut, wenn die Kleinen den Stress mit Weinen rauslassen. Stimmt nicht, sagt Dr. Posth. "Kein Kind muss durch die Trauer mit Weinen durch, um selbstständig zu werden. Warum auch? Selbstständig werden und sich lösen ist eine Art Befreiungsakt, der glücklich macht. Die Trauer bei der Eingewöhnung ist auch keine richtige Trauer, sondern Angst und Verzweiflung durch das Gefühl, zurückgewiesen und verlassen zu werden." Erlebt ein Kind die Eingewöhnung traumatisch, reagiert es nicht immer mit Weinen beim Abgeben oder Abholen: Es gibt Kinder, die erst zuhause auffällige Verhaltensweisen zeigen, wie Schlafstörungen oder Aggression. Dabei klappt Eingewöhnung ohne Weinen, Dr. Posth hat dafür den Begriff der "sanften Ablösung" geprägt. Das Vertrauen des Kindes muss, begleitet von Mama (oder Papa) und viel Zeit, auf die Erzieherin übergehen – dann funktioniert Trennung ohne Tränen.

Apropos Erziehungspartnerschaft: Sanfte Ablösung, wie Sie die bestmögliche Eingewöhnung nennen, erfordert von Eltern und Erzieherinnen volles Engagement - und sehr viel Zeit!

Ja, auf die Erzieherinnen kommt durch all das natürlich eine große Aufgabe zu, die sie nur mit den nötigen Grundlagen bewältigen können. Neben den Vorgaben der OECD, die sie zu erfüllen haben, müssen sie Grundlagen der Entwicklungspsychologie und Bindungstheorie haben und viel praktische Erfahrung im Umgang mit Kleinkindern. Das alles kostet natürlich viel Geld und die Ausbildungsplätze sind teilweise noch gar nicht geschaffen.

Ab wann sollten Kinder in den Kindergarten gehen?

Ich denke, jedes heutige Kind sollte in den Kindergarten oder die Kindertagesstätte gehen und zwar je nach Reifestand ab dem 3. Lebensjahr. Warum? Zwischen drei und vier Jahren entwickelt sich der emotionale Perspektivwechsel, und der ist entscheidend für das erste reife Sozialverhalten. Der frühkindliche Egozentrismus nimmt langsam etwas ab. Die Sprache ist jetzt reif für Dialoge und für einen ausreichenden Austausch von Informationen. Die Hochphase des Trotzes ist vorbei und die Loslösung hat in wesentlichen Teilen stattgefunden. Das alles haben die Pädagogen früher sehr genau gespürt. Heute zählt aber nicht mehr die Beobachtung der Pädagogen, sondern das Wort der Marktwirtschaftler und Finanztechnokraten. Die verstehen zwar nichts von Kindern, aber viel vom Fortbestand der sozialen Marktwirtschaft und dem Nutzen für sie. In der ganzen Debatte um Fremdbetreuung ist mir das am wichtigsten: Bei der Entscheidung, ab wann man einem Kind Fremdbetreuung zumuten kann, ist die Reifung eines Kindes weit wichtiger als seine Anpassungsfähigkeit! „Reifung statt Anpassung“ heißt es demzufolge auch in meinem neuen Buch „Gewaltfrei durch Erziehung“. Sanfte Ablösung wird oft auch noch nach dem vierten Lebensjahr in abgestufter Form nötig sein. Die Absichten der Ökonomen müssen hinten anstehen, denn es geht hier um die psychische Gesundheit unserer Kinder.

Krippen haben fixe "Fahrpläne" für die Eingewöhnung. Demnach sollen Eltern schon nach ein paar Tagen rausgehen. Ein strikter Zeitplan ist für Dr. Posth Makulatur. Entscheidend sei allein die individuelle Reife: "Je jünger ein Kind ist, desto länger dauert die Eingewöhnung – und zwar solange, wie sie das Kind braucht", sagt Dr. Posth. Sanfte Ablösung nimmt daher folgende Bedingungen zum Maßstab: "Das Kind entfernt sich freiwillig von der Mutter oder dem Vater. Es zeigt Interesse an dem, was ihm die Betreuungsperson anbietet und erkundet die Umgebung ohne Angst. Und es nimmt freiwillig mit der Betreuungsperson Kontakt auf. Erst wenn das Kind genügend Vertrauen in die neue Bezugsperson gewonnen hat und sich von ihr wickeln, füttern, herumtragen und trösten lässt, dann auch mit ihr spielt, ohne sich ständig bei der Mutter abzusichern, ist ein Trennungsversuch möglich." Manch Kind lässt sich anfangs vom neuen Geschehen ablenken, bevor es einbricht und weint. Lassen Sie Ihr Kind daher nie zu früh alleine in der Fremdbetreuung!

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Eltern, die wochen-, gar monatelang mit im Krippenraum sitzen? Die wenigsten Kindergärten wollen das. Denn das störe den Tagesablauf, heißt es – und letztlich die Eingewöhnung. Denn wie solle ein Kind –zumal eines, das ängstlich ist – sich je von der Mama trennen können, wenn diese ständig da ist? Dr. Posth kennt solche Meinungen. Und widerspricht: "Entscheidend bei der sanften Ablösung ist die aktive Hinwendung des Kindes zu seiner neuen Bezugsperson. Das funktioniert, entgegen konventioneller Ansichten, auch in Gegenwart der Mutter. Denn wie würde sich sonst ein Kind der Großmutter oder dem Vater zuwenden können?" Nur wenn die Mutter (oder auch der Vater) in der Krippe als "sicherer Hafen" fungiert und das Kind auf diese Basis vertrauen kann, traut es sich auch: "Dann probiert das Kind sozusagen die neue Person aus, wie sie reagiert und was bei ihr zu erwarten ist. Bis es soweit ist, können im Einzelfall Woche vergehen."
In seinem Forum hört Dr. Posth immer wieder von Sagern aus Kindergärten wie diesem: "Ein Kind spielt seine Macht aus, wenn es auch nach Wochen noch immer weint bei Trennungsversuchen." Die zuwendungsbereite Reaktion seiner Eltern nutzt ein Kind aber nicht aus, entgegnet Dr. Posth. Wenn es weint, dann allein aus Angst davor, verlassen zu werden. "Wird das Geschehen auf einen Machtkampf reduziert, wird der Mutter damit moralischer Druck gemacht, sich gegen ihr Kind durchzusetzen. Und Erzieherinnen legitimieren sich damit selber, härtere Maßnahmen durchzuführen. An die Gefühle des Kindes denkt niemand wirklich. Das Kind, das sich weigert, in den Kindergarten zu gehen, ist ein lästiger Störfall in unserer Gesellschaft. Dass es verständliche Gründe für seine Weigerung hat, wird ihm abgesprochen." Ein Kind, das man gegen seinen Widerstand in der Fremdbetreuung zurücklässt, passt sich irgendwann an. Aber, sagt Dr. Posth, dieser Schritt passiere nicht aus Reife und Einsicht – dafür ist ein Krippenkind viel zu klein. "Solche Kinder geben einfach auf."

Kritiker werden Ihnen entgegen, Sie machen alle Mütter zu Hausfrauen - denn wenn Kinder am besten drei Jahre zu Haus bleiben, dann muss es Mami ja auch...

Dem Vorwurf, das alles wäre eine konservative pädagogische Ansicht, entgegne ich damit, dass ich die Ansicht von übermorgen vertrete. Was heute noch konservativ wirkt, wird sich in fünf bis zehn Jahren als richtige Strategie herausstellen. Denn deren Missachtung wird zu vielen psychischen Problemen bei Kindern und Jugendlichen führen, siehe etwa in Frankreich. In Deutschland, wo ich arbeite, ist es aktuell so, dass gerade, nachdem man die geforderte Zahl der Betreuungsplätze einigermaßen erfüllt hat, eine wichtige Erkenntnis reift: nämlich dass die Qualität der Quantität stark hinterher hinkt. Die Konsequenzen daraus aber wird man eben erst nach drei, fünf oder gar zehn Jahren erkennen. Immer verweist man auf den Bildungsmangel, der die Unterschichtskinder ereilte, kämen sie nicht frühzeitig in die Kinderhorte. Aber erstens kommt es bei ein bis drei Jahre alten Kinder noch gar nicht auf „Bildung“ an, sondern nur auf geeignete Beschäftigung, richtiges Spielen und miteinander Sprechen. Und zweitens steht vor jeder Bildung noch die Bindung samt Loslösung. Beides aber findet, dysfunktionale Familien einmal ausgeschlossen, am besten zu Hause statt.

Die Frage ist ja auch, wie viele Betreuerinnen tatsächlich in der Krippe sind, es arbeiten ja nicht alle immer Vollzeit.

Eben - und all diese Aufgaben kann eine Betreuerin/Erzieherin mit vier oder mehr Kindern fast gleichen Alters gar nicht übernehmen! Da geht viel zu viel Zeit für den Beziehungsaufbau und die Basispflege all dieser Kinder drauf, als dass für jedes Kind die optimale Beschäftigung gewährleistet werden könnte. Diese Feststellung aber wird dann gerne manipulativ unterdrückt. Das Problem, wie lange sich Mütter ihren Kindern widmen und wie lange sie ihre eigene Verwirklichung bereitwillig aufschieben, wird solange nicht emotionsfrei zu klären sein, solange die Frauen nicht mehr anerkennen, dass ihnen von der Natur die Aufgabe des Kinderkriegens zugefallen ist. Und Kinder zur Welt bringen heißt auch, die ersten Jahre familiär für sie zu sorgen. Ich halte das für ein Naturgesetz.


Aber macht man mit dem Argument dieses Naturgesetzes nicht alle Frauen mundtot, die sich beruflich selbst verwirklichen wollen und nicht "nur" Mama sein wollen?

Die sanfte Ablösung steht meines Erachtens in keinem Kontrast zur Selbstverwirklichung der Frau. Die Mütter werden nur von der Gesellschaft unter Druck gesetzt und glauben das. Wenn sie das nicht merken, merken sie auch nicht, dass ihre Selbstverwirklichung von der Wirtschaft nur missbraucht wird, damit Umsätze und Einkünfte der Konzerne weiter sprudeln. Wie viel die Wirtschaft von der Selbstverwirklichung der Frau wirklich hält, sehen die Mütter an zwei Dingen: an der Entlohnung der Frauen und deren Aufstiegsmöglichkeiten in Betrieben und Konzernen ... Infam wird es dann, wenn für diesen gesellschaftspolitischen Mangel die Kinder als Klotz am Bein vorgebracht werden. Außerdem verbaut sich damit die Gesellschaft ihre ganze Zukunft. Mit der Fast-1-Kind-Familie sind wir schon ganz nahe dran. Es ist die Aufgabe der Ökonomie für eine ausgewogene Ökologie zu sorgen. "Oikos" ist griechisch "das Haus". Ökologie für Kinder bedeutet demzufolge ein Zuhause für Kinder bis drei Jahre, bis die Selbstentstehung die soziale Reife erstellt hat.

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Die OECD empfiehlt einen Erzieherin-Kind-Schlüssel, der weit weg von der Realität in österreichischen Krippen ist: Unter 2 Jahren 1:2, also eine Erzieherin auf zwei Kinder, bei Kindern unter drei Jahren 1:3 und bei Zwei- bis Dreijährigen ein Schlüssel von 1:4. Wie könnte aus Ihrer Sicht diese Utopie Wirklichkeit werden – und zwar nicht nur für Kinder von Eltern, die sich eine Nanny oder eine Mini-Kindergruppe leisten können?

Wie kann man das gesellschaftliche Problem lösen - denn es stimmt ja, dass Frauen ihre Berufe ausüben sollen und eine Gesellschaft nicht auf die Mitarbeit der Frauen verzichten kann. Folgende Vision schwebt mir vor: Erstens: Familien bekommen Familiengeld, bis das Kind seinen dritten Geburtstag erreicht hat. Die Kosten für das Familiengeld teilen sich der Staat und die Arbeitgeber - wie, muss ausgerechnet werden. Zweitens: Dafür scheiden die Eltern nicht vollkommen aus dem Beruf aus, sondern arbeiten weiter mit flexiblen Arbeitszeiten, im Home-Working oder durch Fortbildung und mit anderen kinderzeitverträglichen Aufgaben. Die Eltern bekommen jeweils 1 ½ Jahre für Bindung und Loslösung, die sie sich nach eigenen Vorstellungen oder auch rein zweckmäßig aufteilen können. Betriebskindergärten können nach dem zweiten Geburtstag das Programm unterstützen. Drittens: Automatische Arbeitsplatzgarantie muss gewährleistet sein. Viertens: Ausdehnung des Programms auf insgesamt drei Kinder. Darüber hinaus weitere individuelle Hilfen, die abzustimmen wären. Fünftens: Sonderlösungen für Härtefälle und besondere Hilfen für Familien, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind, von Notstandshilfe leben oder die als dysfunktionale Familien gelten.

Und was ist mit den Institutionen wie Krippe und Tagesmutter, was muss sich dort ändern?

Auf der anderen Seite müssen Erzieherinnen und Tagesmütter eine ausreichende Ausbildung erhalten. Für Erzieherinnen sollte mindestens Fachhochschulreife gefordert werden. Die OECD-Kriterien müssen streng eingehalten werden. Und die Bezahlung für die Arbeit der Betreuerinnen und Erzieherinnen muss angemessen sein. Männer dürfen sich daran beteiligen, müssen aber verstehen, dass sie sich besonders prüfen lassen müssen.

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Fazit: Ihnen geht es in der Debatte um die Fremdbetreuung und der richtigen, sanften Eingewöhung allein um das Wohlergehen des Kindes.

Mit der sanften Ablösung ist endlich einmal das Kind Maßstab für den Umgang im ihm geworden - und nicht die Postulate von oft selbst informierten Fachleuten. Das ist ungewohnt für die Ohren der Gesellschaft, aber an diesen Tenor müssen sich die Menschen gewöhnen. Merkwürdigerweise spricht man viel von Kinderrechten und gewaltfreier Erziehung, meint aber, vor Angst schreiende Kleinkinder beim Abgeben und Verlassenwerden in fremder Umgebung hätten keinen Zusammenhang mit angetaner Gewalt. Das wäre alles nur Widerspenstigkeit und Machtgehabe und in Wirklichkeit erkenne das Kind nicht seinen Benefit. In meinen Ohren klingt das zynisch. Werden hier nicht Kinderrechte mit Füßen getreten?




TIEFER INS THEMA EINSTEIGEN UNTER...


www.sicherebindung.at: Die erweiterte Bindungstheorie, erläutert von der Wiener Kinderpsychologin Theresia Herbst.


Ein Interview mit Theresia Herbst über gute Eingewöhnung

FAZ-Artikel "Die dunkle Seite der Kindheit"


Wiener Krippenstudie

Empfehlungen der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit zur Betreuung und Erziehung von Säuglingen und Kleinkindern in Krippen

 

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