"Österreich, wo sind deine Tischmanieren?"

Mit geschlossenem Mund kauen, beim Gähnen die Hand vorhalten - das gute Benehmen scheint den Menschen hierzulande zunehmend wurscht zu sein. Eine Entwicklung, die Ursula Neubauer, stellvertretende Chefredakteurin der WIENERIN, sehr schade findet.

Na g'schmackig!

Da kommt sie daher. Eine ziemlich ungustiöse Studie, wenn Sie mich fragen. Von Marketagent.com durchgeführt, von Ikea in Auftrag gegeben, und die zeigt jetzt schwarz auf weiß, was ich mir schon ein Zeiterl denke: Die Österreicher pfeifen immer mehr auf Tischmanieren. Na juhu. Jetzt hat es mich also wohl hochoffiziell nicht mehr zu stören, wenn jemand am Tisch sein Messer abschleckt und dann wieder ins gemeinschaftliche Aufstrichschüsserl taucht? Ähm … doch! Ich oute mich jetzt, mich stört sowas, mir vergeht da der Appetit, ich finde sowas grauslich, wenn da auch noch andere Menschen am Tisch sitzen. Ja, ich nehme wahr, dass das viele wohl anders und „lockerer“ sehen, aber meine "Ich-find-das-grauslich-Schwelle" ist da offensichtlich recht niedrig. Ich möchte bitte gefragt werden, bevor ich die kompletten Schleimhautinformationen anderer Leute auf meinem Brot wiederfinde. Ich steh wirklich drauf, wenn sich Leute benehmen können. Auch bei Tisch. Und vor allem in der Öffentlichkeit. Das ist sexy!

Mit vollem Mund spricht man jetzt

Oh du schönes Kulturland Österreich. Was passiert mit dir? Wir rühmen uns so für unsere Hochkultur, und dann das. Tisch-Kultur ist damit wohl nicht (mehr) gemeint. Na großartig. Konkret finden zum Beispiel nur noch 44 Prozent der Befragten, dass man mit Essen nicht spielen dürfe, früher waren's 66 Prozent . Weit schlimmer find ich aber, dass heute nur noch grade mal 36 Prozent meinen, mit vollem Mund zu sprechen, sei schlimm. Das waren früher 63 Prozent .

Bitte?! Wirklich? Gute alte Zeit! Wer hätte gedacht, dass ich das mal sagen würde. Bin ich doch grundsätzlich wirklich offen für den Fortschritt und eine Befürworterin von Veränderungen. Plädiere oft genug dafür, gewisse Dinge nicht so eng zu sehen. Ellenbogen auf dem Tisch?! Von mir aus. Sushi als Fingerfood? Gern! Aber das mit dem vollen Mund und dem Sprechen, das seh ich doch ein bissl eng. Weil ich wirklich beim besten Willen nicht verstehe, wie man Folgendes nicht grauslich finden kann: Sie sitzen in der U-Bahn, sind gut gelaunt, hören nette Musik, fahren zu einer Essensverabredung. Und dann setzt sich Ihnen jemand mit – sagen wir - einer Wurstsemmel gegenüber. Extrawurst ist da ganz dick drin. Er beißt rein. Die Brösel spritzen weg. Gleichzeitig erzählt er seinem Sitznachbarn von seinem letzten Arztbesuch. Das Kreuz. Sie können genau verfolgen, wie sich der Wurstsemmelteil in seinem Mund in undefinierbaren Matsch verwandelt. Alles wird weicher, schlatziger. Sie sehen es. Sehen alles. Auch wie sich der Matsch dann im dunklen Mundraum auf und ab bewegt. Noch immer das Kreuz. Sie gehen instinktiv leicht in Deckung, damit nicht auch noch ein Bröserl davon in Ihr Gesicht … Ok, lassen wir es damit gut sein.

Sie wissen, was ich meine. Ich finde sowas grauslich und gehöre damit jetzt belegtermaßen zu einer Minderheit in Österreich, schade eigentlich. By the way: Offener Mund und U-Bahn, da fällt mir noch ein: Wann hat man eigentlich eingeführt, dass man sich in der Öffentlichkeit die Hand nicht mehr vorzuhalten braucht, wenn man gähnt? Muss ich verpasst haben. Mir bieten sich auch beim Gähnen definitiv zu viele Einblicke in österreichische Münder. Da hätt ich ja auch gleich Zahnärztin werden können. Darf das bitte privat bleiben?

Schmatz, schlürf, schluck

Schmatzen und Schlürfen beim Essen finden heute übrigens auch nur noch 44 Prozent schlimm, früher waren es 58 Prozent . Auch da gehöre ich zu den mageren 44 Prozent , es sei denn ich befinde mich in einem Land, in dem das zum guten Ton gehört. Soll es ja auch geben, Österreich war – bis jetzt – keins davon. Mal sehen, wohin wir uns da noch bewegen.

Ahja, und dass nur vier von zehn Österreichern rund einmal im Monat Gäste zum Essen nach Hause einladen – das hat man bei der Studie auch noch herausgefunden. Vielleicht fühlt man sich innerhalb der Familie, ganz unter sich, halt wohler, wenn's beim Essen nicht gar so manierlich zugeht. Dies ist aber eine reine Mutmaßung von mir und ob zwischen den sinkenden Tischmanieren und dem Einladungsverhalten ein Zusammenhang bestehen könnte, war nicht Gegenstand der Umfrage. Ich wäre auf jeden Fall dafür, dass man die Nicht-Manieren nicht allzu öffentlich praktiziert.

 

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