Nach #MeToo: Männer meiden Frauen am Arbeitsplatz

Eine neue Studie aus den USA belegt, dass Männer seit #MeToo die Zusammenarbeit mit Frauen vermeiden. Sie schaffen so eine neue Art des Victim Blamings.

Studie: Männer meiden Frauen am Arbeitsplatz

Seit sich weltweit tausende Frauen miteinander solidarisiert und ihre Geschichten von sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt aus ihrem Alltagsleben geteilt haben, ist die Welt eine andere, zumindest ein bisschen. #MeToo hat ganz reale Auswirkungen, auch auf künftige Zusammenarbeit im Joballtag, wie eine neue Studie beweist. Die Leidtragenden sind aber erneut: Frauen.

Jeder fünfte Mann würde keine attraktive Frau beschäftigen

Laut der neuen Studie, die demnächst im wissenschaftlichen Journal Organizational Dynamics veröffentlich wird, sind Männer inzwischen wesentlich zurückhaltender in der Zusammenarbeit mit Frauen. Nicht, dass der Umgang mit Frauen nunmehr respektvoll(er) passiert - er passiert teilweise schlicht gar nicht mehr:

  • 27 Prozent der Männer vermeiden Einzelmeetings mit Kolleginnen. Fast ein Drittel der Männer hat also Bedenken, alleine mit einer Frau in einem Raum zu sein.
  • 21 Prozent der Männer sind abgeneigt, für Jobs, die eine enge Zusammenarbeit beinhalten, eine Frau einzustellen. Sie wollen etwa keine gemeinsamen beruflichen Reisen mit Frauen unternehmen.
  • Und: 19 Prozent der Männer sind abgeneigt, eine attraktive Frau einzustellen - egal, um welchen Job es sich dabei handelt.

Bedenkt man, dass in hochrangigen Positionen immer noch vorwiegend Männer das Sagen haben, verschlechtert das die Berufsaussichten und Chancen von Frauen am Arbeitsmarkt noch weiter. Das könnte ein Trend werden: Die Studienautor*innen befragten Arbeitnehmer*innen aus einer breiten Auswahl an Branchen. Eine sehr ähnliche Befragung fand Anfang 2018 mit anderen Proband*innen statt - als #MeToo auf der Höhe der Bewegung war. Damals zeigten sich 15 Prozent der befragten Männer zurückhaltend, eine Frau für einen Job einzustellen, der eine enge Zusammenarbeit erfordert. Inzwischen sind es 21 Prozent, also mehr als jeder fünfte.

Es sind aber nicht nur die Männer: Auch Frauen sind skeptischer, wenn es darum geht, Frauen einzustellen. 2018 zeigten sich 10 Prozent aller Männer und Frauen zurückhaltend darüber, eine attraktive Frau einzustellen. Wie Frauen diese Frage in der aktuellen Umfrage beantwortet haben, ist noch nicht bekannt.

Männer wissen ganz genau, was Belästigung ist

Das gern und oft genannte Argument vieler #MeToo-Gegner*innen, man wüsste ja inzwischen gar nicht mehr, was jetzt eigentlich Belästigung sei, begleitet von der Klage, dass überhaupt alles fürchterlich kompliziert sei, dürfte nun endgültig widerlegt sein. Im Rahmen der Studie legten die Wissenschaftler*innen den Proband*innen 19 Verhaltensszenarien vor (zum Beispiel eine Mail mit anzüglichen Witzen an eine*n unterstellte*n Mitarbeiter*in). Die Proband*innen mussten einschätzen, ob die Situationen eine Belästigung darstellen oder eben nicht. Und siehe da: Unabhängig vom Geschlecht waren sich die Befragten total einig, was denn nun als Belästigung zählt. Soviel zur undurchsichtigen Situation am Arbeitsplatz und von Alltagssituationen völlig überforderten Männern.

"Die meisten Männer wissen, was sexuelle Belästigung ist - und die meisten Frauen wissen es ebenso", sagt Studienautorin und Professorin Leanne Atwater der Harvard Business Review. "Es ist weitestgehend falsch zu glauben, Männer wüssten nicht, dass sie sich schlecht verhalten und Frauen würden übertreiben. Im Gegenteil - Frauen sind viel milder in ihrer Definition von sexueller Belästigung."

Männer sind also nicht so naiv und hilflos, nicht zwischen einer anzüglichen Bemerkung und einem harmlosen Witz unterscheiden zu können. Sie kennen den Unterschied zwischen einer übergriffigen Handlung und einem angemessenen Verhalten zwischen Kolleg*innen, zwischen einer unerwünschten Hand zu knapp über dem Gesäß und einem anerkennenden Händeschütteln oder einer freundschaftlichen und einer unangebrachten Umarmung. Sie wissen ganz genau, was Belästigung ist und was nicht. Warum also nun die Zurückhaltung in der Zusammenarbeit mit Frauen?

Männer bestrafen Frauen für #MeToo

"Es ist nicht so, dass viele Männer Angst haben, einer Sache beschuldigt zu werden", schreibt die Journalistin Arwa Mahdawi in der britischen Tageszeitung The Guardian. Sie vermutet hinter den Studienergebnissen und den Verhalten einiger Männer keine Vorsichtsmaßnahmen, sondern eine Trotzreaktion: Männer wären wütend darüber, dass es #MeToo überhaupt gegeben hat. "Sie sind wütend, weil sie gezwungen sind, über ihr Verhalten nachzudenken, weil sie Machtdynamiken hinterfragen müssen, die sie immer für selbstverständlich gehalten haben, und jetzt bestrafen sie Frauen dafür, indem sie ihnen die Zusammenarbeit verweigern."

Ein sensibler Umgang mit Belästigung und Benachteiligung darf niemals zur Folge haben, dass die Marginalisierten noch weiter benachteiligt werden. Wer Frauen als Reaktion auf #MeToo ausgrenzt, betreibt nichts anderes als Victim Blaming.

 

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