“Mit Popowackeln hat das wenig zu tun”: Warum Cheerleading mehr ist als ein Klischee

Der Berliner Basketball-Verein Alba verzichtet in Zukunft auf seine Cheerleaderinnen. Die Begründung? Cheerleading sei nicht mehr zeitgemäß. Aber: Was sagen Cheerleader*innen selbst dazu? Wir haben bei aktiven Cheerleader*innen der Dacia Vikings in Wien nachgefragt.

Cheerleading

Beine werden geschwungen, Pferdeschwänze baumeln hin und her und Mädels werden durch die Luft geschleudert während Billie Eilish aus den Boxen dröhnt. In kompletter Synchronität absolvieren rund 20 Cheerleaderinnen in Gold-Violett mit höchster Konzentration und Präzision im Turnsaal des Ballsportgymnasiums (1030 Wien) ihr Training. Obwohl es schon 19 Uhr ist und die Cheerleaderinnen bereits einen anstrengenden Schul-, Uni- oder Arbeitstag hinter sich haben, scheint von Müdigkeit keine Spur zu sein.

“Wir trainieren fix dreimal die Woche zwei bis zweieinhalb Stunden lang. Vor Meisterschaften auch viermal die Woche. Es fängt an mit einem Warm Up, Dehnen, dann wird die ganze Technik durchgeübt, Pirouetten, Drehungen, Sprünge und dann werden Choreographien trainiert - die Meisterschafts-Choreographien, Feldchoreos, das wird alles in ein Training gepackt” erklärt Christina, 22. Sie ist seit mehr als drei Jahren Teil des Vikings-Dance-Teams.

Im Cheerbereich wird zwischen Cheerdancing und Cheerleading unterschieden. Während beim Cheerdance der Tanz mit seinen verschiedenen Stilen (Hip Hop, Freestyle,...) im Fokus steht, geht es beim Cheerleading vor allem um Akrobatik (Stunts, Baskets, Pyramiden). Feldchoreos werden bei Sportveranstaltungen wie Footballspielen aufgeführt, Meisterschaftschoreographien bei (inter-)nationalen Bewerben.

Schnell wird klar: Mit ein bisserl Popowackeln kommt man hier nicht weit. Die Dacia Vikings sind einer der größten Cheerleading-Vereine Österreichs und bestehen mittlerweile aus 14 Teams. Die meisten Mitglieder beginnen im Volksschulalter mit dem Cheerleading, oft sind sie dann über viele Jahre beim Verein, einige werden später selbst Trainer*innen. Die Zahl der Mitglieder wächst, Cheerleading findet mehr und mehr Anklang. Der Sport scheint wohl einen Nerv zu treffen.

Hat Cheerleading ausgedient?

Geht es nach Marco Baldi, dem Geschäftsführer des Basketball-Vereins Alba Berlin soll damit aber nun Schluss sein. Vor kurzem gab er bekannt, dass Alba ohne seine Cheerleaderinnen in die nächste Saison ziehen wird. Der Grund? Cheerleading sei nicht mehr zeitgemäß. “Wir sind (...) zu der Überzeugung gekommen, dass das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller bei Sportevents nicht mehr in unsere Zeit passt.“ Es sei der Eindruck entstanden, "dass Frauen bei Alba vor allem für die tanzende Pausenunterhaltung zuständig sind, während Männer Basketball spielen“, erklärt Baldi weiter.

Harte Worte - und Anstoß einer hitzigen Diskussion: Passen Cheerleader*innen wirklich nicht mehr in die heutige Zeit? Warum entscheidet ein Mann darüber, ob junge Mädchen und Frauen einen Sport ausüben dürfen? Gäbe es nicht andere Wege, um Cheerleading moderner und “zeitgemäßer” zu machen?

Ursprünglich Männerdomäne

Wenn Herr Baldi Cheerleading als “das Auftreten junger Frauen als attraktiver Pausenfüller” bezeichnet, so hat er offenbar vergessen, dass Cheerleading in den USA ursprünglich eine männliche Domäne war. Sinn und Zweck der Darbietungen war ausschließlich das Anfeuern der Sportler und gegebenenfalls die Animation des Publikums. So hat sich über die Jahrzehnte aus einer Gruppe, die von der Sideline die Spieler anfeuert, auch ein Pausenprogramm entwickelt, aus der Männer- wurde nach und nach eine Frauendomäne.

Schließlich entstand langsam das Klischee des hübschen, nur der Zierde und Unterhaltung des (vorwiegend männlichen) Publikums dienenden Cheerleaders. Zu wenig beachtet wird seit jeher jedoch die sportliche Leistung und die herausfordernde Trainingsarbeit der Teilnehmer*innen.

"Zeitgemäß wäre es eher, wenn Frauen selbst entscheiden, ob sie tanzen wollen oder Basketball spielen"

Christina von den Vikings kann die Entscheidung des Alba-Geschäftsführers nicht nachvollziehen: “Ich finde es absolut nicht in Ordnung, denn es steckt viel mehr dahinter als ein ästhetischer Pausenfüller zu sein, viel Schweiß und Arbeit. Sie [die Alba-Cheerleaderinnen] waren jahrelang bei Europa- und Weltmeisterschaften - mit Popowackeln hat das wenig zu tun. Deswegen finde ich es nicht sehr zeitgemäß, sie einfach zu feuern. Es wurde ja auch gesagt, dass sie eher das Frauen-Basketballteam fördern wollen, aber ich finde, zeitgemäß wäre es eher, wenn Frauen selber entscheiden, ob sie tanzen wollen oder Basketball spielen”.

Lisa, 22, seit Kindertagen Cheerleaderin bei den Vikings, sieht es ähnlich: “Ich finde Cheerleading ist eine Sportart, die immer mehr auflebt. Das Argument, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, finde ich eigentlich unangebracht. Ich habe noch immer die Hoffnung, dass Cheerleading genauso eine anerkannte Sportart wird wie Geräteturnen, Fußball oder Skifahren." Tatsächlich ist Cheerleading in Österreich nach wie vor offiziell, also bei der Bundes-Sportorganisation, nicht als Sportart anerkannt (Leichtathletik zum Beispiel schon). Dabei gibt es immerhin sieben Landesverbände und 32 Vereine. Vermutlich würde eine offizielle Anerkennung dabei helfen, um Cheerleading aus dem Klischee-Eck zu holen und als anspruchsvolle Sportart wahrgenommen zu werden.

Vom Footballspieler zum Cheerleader

In vielen Köpfen ist Cheerleading immer noch als reine Frauen-Aktivität eingespeichert (obwohl es ja ursprünglich ein Männersport war, wie wir bereits gelernt haben), jedoch gibt es durchaus auch männliche Cheerleader. So auch bei den Vikings. Seit 2015 betreiben die Vikings ein Coed-Team, also ein Team mit weiblichen und männlichen Cheerleader*innen. "Es ist nicht so, dass wir da zwei Quotenburschen haben, damit wir uns Coed nennen dürfen", erklärt Victoria Zachhuber, Vorstand, Cheer & Dance. "Einige Burschen im Coed-Team sind auch vom vom Football zum Cheer gewechselt".

Männliche Cheerleader

Eines der Mitglieder im Coed-Team ist Flo. Seit bald viereinhalb Jahren ist der 24-jährige Student Teil der Vikings. Zum Sport gekommen ist er über eine Plauderei auf einer Feier: “Ich war auf einer Party, zu einem Zeitpunkt, wo ich einen Teamsport ausprobieren wollte und dann hab' ich ein Mädel kennen gelernt, hier aus dem Team, das meinte: 'Hey, komm doch mal Cheerleaden!’ Dann hab ich mir ein paar Videos angeschaut und gesehen, hey, das ist schon ziemlich cool, hat mir getaugt - seitdem bin ich dabei. Die erste Reaktion von meinem Papa war 'Röckchen und Pompoms stehen dir sicher gut!', aber dann war er einmal bei einem Showcase zuschauen und war begeistert. Seitdem sagt er immer, ich soll ihm Videos schicken, wenn wir was cooles Neues machen.”

Aufreger als Chance?

Fazit: Lustiges Pompom-Wedeln ist hier Nebensache. Für die Cheerleader*innen stehen hartes Training, die Teilnahme an nationalen wie internationalen Meisterschaften und der Team-Spirit im Vordergrund. Die Unterstützung ist dabei keinesfalls einseitig: "Wir unterstützen unser Team, genauso wie das Team uns unterstützt, es kommen ja auch Footballer zu unseren Meisterschaften und feuern uns an. Es ist einfach ein großer Verein und ein gegenseitiger Support", beschreibt Cheer-Dancerin Christina.

Durch die Argumentation des Alba-Geschäftsführers wird das leidige Vorurteil über Cheerleading noch weiter bestärkt. Vielleicht gibt es aber doch einen Silberstreifen am Horizont: Durch die entstandene Diskussion rückt Cheerleading vermehrt in den Fokus und ein breiteres Publikum hat die Möglichkeit zu erkennen, dass es sich um eine harte und ernstzunehmende Sportart handelt. Wer nur fünf Minuten in einem Training verbringt, kann das allemal bestätigen.

 

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