Könnt ihr Fürsorge von anderen annehmen?

Fragt ihr bei einem Umzug um Hilfe oder macht ihr lieber alles alleine? Und was sagt das über euch aus?

Hilfe annehmen

Ein nett gemeintes Kompliment, ein größeres Geschenk oder auch angebotene Hilfe: Wie geht ihr mit solchen Situationen um? Sagt ihr, ja, ich kann die Hilfe gut gebrauchen. Danke für das Kompliment und oh, wie nett, dass du an mich gedacht hast? Oder lehnt ihr die Hilfe ab, sagt das geht schon, seid überzeugt, dass ihr das Geschenk nicht verdient und könnt es eigentlich nicht annehmen?

Wenn all das auf euch zutrifft, dann habt ihr vielleicht Probleme damit, Fürsorglichkeit anzunehmen. Der amerikanische Psychotherapeut John Amodeo findet es erschreckend, wie viele Strategien Menschen in ihrem Leben entwickeln, um genau dieses Umsorgen von anderen abzuwehren. Gegenüber Psychologie Heute sagt er: "Ich arbeite seit 40 Jahren als Therapeut und es macht mich traurig zu sehen, wie viele meiner Patient*innen die Freundlichkeit, die ihnen täglich angeboten wird, nicht annehmen können." Was können Gründe dafür sein, wenn wir Hilfe, Geschenke oder Nettigkeiten ablehnen?

Abwehr von Nähe und Intimität

Durch das Akzeptieren von Hilfe, machen wir uns verletzlich. Wir geben zu, dass wir nicht alleine klarkommen und das fällt vielen schwer. Wenn uns jemand hilft, dann entsteht zu diesem Menschen eine tiefere Verbindung. Das heißt aber auch, dass wir dann von dieser Person zurückgewiesen oder verletzt werden können. Aus Angst davor, verzichten manche dann lieber darauf und machen alles selbst. Viele Menschen, die dieses Problem haben, haben als Kind auf ihre Wünsche Ablehnung oder sogar Spott erlebt. Als Erwachsene schützen sie sich dann zwar vielleicht vor Enttäuschung, verlieren aber auch die Chance auf Intimität.

Angst vor Kontrollverlust

Wenn wir Hilfsangebote ablehnen, behalten wir die Kontrolle der Situation. Wir entscheiden, wann wir jemanden brauchen und bleiben in der Rolle des Gebenden, weswegen wir uns gut fühlen. Geben ist in unserer Gesellschaft höher angesehen als nehmen. "Sei unabhängig", wird uns gelehrt und wenn wir Hilfe annehmen, haben wir Angst, diese Unabhängigkeit zu verlieren und verletzlich zu werden. Wir wissen nicht, was als Nächstes passiert. Wie würden wir reagieren, wenn jemand etwas sehr Nettes für uns tut? Gerührt? Aus Angst vor unserer Reaktion bleiben wir lieber in Situationen, wo wir die Kontrolle haben und nichts Unerwartetes passieren kann.

Sorge vor Bedingungen

Eine Hand wäscht die andere, heißt es so schön. Wer Angst davor hat, dass man jede Nettigkeit im selben Maß zurückzahlen muss, der wird sich bewusst von solchen Situationen fernhalten. Das kann daran liegen, dass man als Kind zum Beispiel Lob nur bekommen hat, wenn man gute Noten hatte oder das Tor im Fußball geschossen hat. Positive Gefühle waren an Bedingungen geknüpft. Ist das der Fall, so bleibt langfristig ein seltsamer Beigeschmack, wenn man etwas bekommt.

Hilfe anzunehmen ist egoistisch

Auch wenn Instagram oft etwas anderes vermuten lässt, so sind wir eigentlich doch alle so erzogen worden, zurückhaltend zu bleiben und nicht zu viel Raum einzunehmen. Wir möchten nicht, dass andere denken, dass wir egoistisch sind. Damit wir Hilfe annehmen können, müssen wir also mit uns selbst im Reinen sein und uns zugestehen, dass wir Nettigkeiten verdient haben. Besonders wenn als Kinder unsere Bedürfnisse ignoriert wurden oder sich Eltern nicht in uns einfühlen konnten, so kann das Gefühl entwickelt werden, dass wir es nicht verdient haben, dass unsere Wünsche erfüllt werden oder andere Menschen vorgehen. Besonders Menschen mit einem geringen Selbstwert neigen dazu, keine Hilfe in Anspruch zu nehmen.

 

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