Jaqueline Scheiber: "Was mich auslaugt ist, dass Menschen die Grenzen nicht kennen"

Jaqueline Scheiber: "Was mich auslaugt ist, dass Menschen die Grenzen nicht kennen"

In seiner ersten musealen EinzelausstellungTrauma im Museum Angerlehner bildet Künstler Christian Bazant-Hegemark unter anderem Menschen in Trauma-Aufarbeitung ab. Unter den Bildern ist auch ein von ihm gemaltes Portrait von Jaqueline Scheiber, die als Minusgold auf Social Media bekannt ist. Sie hat das Vorwort des Buchs zur Ausstellung geschrieben. Mit uns sprechen Christian Bazant-Hegemark und Jaqueline Scheiber über ihre Arbeit rund um psychische Gesundheit.

Ihr beide nehmt euch in eurer Arbeit dem Thema Psychische Gesundheit an. Warum?

Christian Bazant-Hegemark: Ich bin mit 28 das erste Mal in Therapie gegangen. Ich hätte schon früher davon profitiert, habe aber nicht verstanden welche Möglichkeiten sich mir dadurch eröffnen könnten. Ich dachte, dass Therapie eigentlich nur etwas für "harte Fälle" wäre. Dass die Vorteile von Psychotherapie nicht allgemein klar sind, ist ein großes gesellschaftliches Problem. Linderbares Leid wird dadurch oft lange wegignoriert, manchmal über Jahrzehnte. Diese Stigmatisierung gehört viel öffentlicher besprochen.

Jaqueline Scheiber: Ich mache psychische Gesundheit vermehrt zum Thema, weil ich auch in meiner Arbeit als Sozialarbeiterin merke, dass viele Menschen, die sich nicht damit beschäftigen, möglicherweise Spätfolgen in ihrem Leben haben. Dadurch kommen viele Hürden auf sie zu. Ich sehe eine Chance in meiner Fähigkeit, Menschen über verschiedene Kanäle zu erreichen, darüber aufzuklären und als Beispiel voran zu gehen. Nicht jede*r muss dem*der Nachbar*in die psychische Erkrankung entgegen schreien. Aber mir macht es nichts aus, wenn ich das tu und es vielleicht Leuten hilft, bei sich selbst anzusetzen.

In unserer Gesellschaft zuzugeben, dass es einem nicht gut geht, ist nach wie vor eine große Hürde. Jaqueline, wie geht es dir damit darüber zu sprechen? Braucht das große Überwindung?

Jaqueline: Ich sehe für mich aufgrund meiner Persönlichkeitsstruktur keine andere Möglichkeit als Dinge auszusprechen, weil es mich sonst innerlich vergiftet. Ob das jetzt der Tod meines damaligen Partners war, eine Diagnose, die ich bekommen habe oder andere Dinge, mit denen ich konfrontiert war: Für mich war das immer die einzige Option. In meinem nahen Umfeld haben das viele nicht verstanden und es hat auch viel Ablehnung und Irritation gegeben. Viele zwischenmenschliche Beziehungen haben sich dadurch verändert. Es hat Irritation ausgelöst, wieso man intime Sachen bespricht, wenn man diese doch unter vier Augen deponieren sollte.

Ihr geht beide kreativen Tätigkeiten nach: Christian als Künstler, Jaqueline über Lyrik und Text. Ist es einfacher Gefühle in Kunst zu verarbeiten?

Christian: Ich nutze meine künstlerische Arbeit nicht, um meine psychischen Situationen zu verarbeiten. Kreative Tätigkeiten geben mir aber Struktur, und das alleine hat bereits auch etwas Therapeutisches. Ich finde dadurch aber keine Heilung - so funktioniert es leider nicht. Meine Arbeiten verstehe ich als emotionale Möglichkeitsräume, Plattformen an denen Andere andocken können um zu fühlen. Meine eigenen Emotionen sind daher ein unglaublich wichtiges Thema, eben die Basis meiner Arbeit. Man denkt, dass die eigenen Emotionen etwas fixes sind, aber mein diesbezügliches Empfinden war jahrelang aufgrund der Verschreibung von Psychopharmaka gedämpft. Wie viel breiter mein Empfinden wieder war, sobald ich sie abgesetzt habe!

Jaqueline: Als ich mich näher mit deiner Arbeitsweise beschäftigt hab, Christian, ist mir bewusst geworden, dass du anders daran herangehst, als ich. Bei mir hat es eine sehr impulsive Art. Da bricht etwas raus und das muss jetzt kurz und knackig formuliert werden, was das Schreiben möglich macht. Beim Malen ist das natürlich schwieriger es einfach schnell raus zu lassen, vor allem bei so großflächigen Werken.

Minusgold

Gerade Corona hat aufgezeigt, wo es Missstände im Bezug auf Psychische Versorgung gibt. Wo gibt es eurer Meinung nach am meisten zu tun?

Jaqueline: Ich glaube, eines der größten Themen ist aktiv oder passiv ausgeübte Gewalt im häuslichen Bereich. Das ist nicht nur ein Thema in Sozialklassen in denen wir Gewalt vermuten, sondern auch ein Thema in unserer Umgebung. Frauen oder weiblich gelesen Personen in diesem System haben eine größere emotionale Last zu tragen und die Auswirkungen dieser Last sind schwerwiegender. In weiterer Folge sind aber die Zugänge nicht da, um diese zu behandeln.

Christian: Mein Wunsch wäre, dass Therapie und auch die Ausbildungen dazu gratis werden - und weniger stigmatisiert. Wenn man als Kind oder Jugendliche*r davon erzählt in Therapie zu gehen, kann das schon sehr unangenehm sein, sogar bereits innerhalb der eigenen Familie. Das gleiche gilt für Führungskräfte. Man wird sehr schnell zum Problemfall gemacht. Das ist für mich fast unerträglich. Man darf nie vergessen, dass in einer kranken Gesellschaft die eigentlich Gesunden zu Symptomträger*innen werden. Sie sind nicht die Ursache, sondern die Konsequenz. Dazu gibt es das Problem, dass es keine Anleitungen zur Therapiesuche gibt. Es ist ein unnötig kryptischer Prozess: welche Therapie wird mir helfen, wie beurteile ich Erstgespräche? Ist es in Ordnung, viele Erstgespräche zu führen? Ist es in Ordnung neue Therapien und Therapeut*innen quasi “auszuprobieren”? Ich bin mittlerweile das dritte Mal in Therapie, und musste auch diverse Fehldiagnosen akzeptieren. Hier braucht es viel mehr Handholding.

Jaqueline, du sagst auf deiner Homepage, du bist eine Leuchtreklame für das Thema Psychische Gesundheit. Ihr beide kommuniziert darüber sehr offen auf Social Media. Ist das manchmal anstrengend?

Jaqueline:Mir hat die psychosoziale Ausbildung sehr geholfen, weil sie mir Tools der Abgrenzung nahegebracht hat, die ich davor nicht hatte. Wenn ich an mein 20-jähriges Ich denke, das über psychische Erkrankungen gesprochen hat, so war das um Welten auslaugender und anstrengender. Und ich muss schon zugeben, dass ich sehr rigorose Grenzen ziehe. Ich war letzte Woche im Frühstücksfernsehen und habe über psychische Gesundheit gesprochen und daraufhin auch Zuschriften bekommen, die mehr von mir verlangen, als ich leisten kann. Eine Online-Beratung oder sogar Krisenintervention aus der Ferne zum Beispiel. Das ist das auslaugende und belastende. Diese Angebote kann ich mit meinen Ressourcen nicht setzen und es wäre auch unprofessionell. Das muss ich dann immer zu einem gewissen Grad mit mir selbst ausmachen, wie ich auf solche Dinge reagiere. Meine eigene Geschichte laugt mich nicht aus. Was mich auslaugt ist, dass Menschen die Grenzen von Social Media oder generell Personen in der Öffentlichkeit nicht kennen, weil es einen eklatanten Mangel an Angeboten gibt, wohin sie sich mit ihren Problem und Sorgen tatsächlich wenden können.

Christian: Ich empfinde es nicht als auslaugend diesem Thema Raum geben zu können, sondern als Privileg. Sobald ich psychologisch-therapeutische Themen bespreche, gibt es sehr große Resonanz. Viele Menschen, die mir folgen, haben Therapieerfahrungen, und damit gehen auch Freuden und Frustrationen einher. Es wird eine Plattform zum Austausch von Erfahrungen und Zweifeln.

 

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