„Ich war früher eher prüde“

Lustgewinn: Lea-Sophie Cramer hat mit Amorelie ein gesellschaftliches und persönliches Tabu gebrochen. Heute ist ihr Sextoy-Start-up millionenschwer. Die zweifache Mutter über schön verpackten Sex und die Zweifel einer Working Mum.

Wieso kommen ­Sexspielzeuge immer so schmuddelig ­daher? Und warum haben gerade die Bedürfnisse von Frauen – und generell die weibliche Lust – so wenig Bedeutung am Erotikmarkt? Fragen, die sich die damals 25-jährige deutsche Betriebswirtin und Consulterin Lea-Sophie Cramer eines Tages stellte und damit gleich zwei Tabus in Angriff nahm: das gesellschaftliche und ihr eigenes. Denn früher sei sie sehr konservativ, ja geradezu prüde gewesen, sagt Cramer im WIENERIN-Interview von sich selbst. Aus ihrer Idee wurde 2013 ein Start-up namens Amorelie, ein Online-Shop für extrem stylishe Sextoys. Amorelie hat sich mittlerweile zu einem der erfolgreichsten Start-ups Deutschlands entwickelt und macht heute einen Umsatz von 36 Millionen Euro im Jahr. Lea-Sophie Cramer hat seit der Gründung zudem zwei Kinder bekommen, die sie teilweise auch in die Firma mitnimmt; sie führt hundert MitarbeiterInnen und ist meist gut gelaunt.
Wie das geht und ob das immer alles funktionieren kann, erzählt sie als Eröffnungssprecherin des WIENERIN Gründerinnentages am 13. September. Hier ein paar erste Einblicke in das Leben der coolen und doch so bodenständigen Working Mum.

WIENERIN: Lea-Sophie, das Thema Sex und Sexspielzeuge galt lange Zeit als schmuddelig, bei uns in Österreich würde man „grindig“ sagen. Die Sexprodukte von Amorelie hatten von Anfang an eine sehr schöne, stylishe Verpackung – warum?

Lea-Sophie Cramer: Das Packaging war mir von Beginn an extrem wichtig. Es ist entscheidend. Packst du die Sachen falsch, kriegst du sofort eine klare Abweisung, packst du sie richtig, dann kommt die Leichtigkeit, die wir bei Amorelie meinen, auch richtig rüber. Die Verpackung sorgt für Zugänglichkeit, und mit ihr entsteht plötzlich ein Lifestyle-Produkt. Es klingt banal, aber dieser Zugang war enorm wichtig für den Erfolg.

Weibliche Lust und weibliche Bedürfnisse beim Sex werden erst in den letzten Jahren offener diskutiert. Was war denn für dich der Antrieb, genau dieses Thema zu deinem Business zu machen?

Ich war eine sehr konservative Person, also eigentlich war ich fast schon prüde, hatte einen eher schamhaften Umgang mit Sexualität. Das hat sich verändert, auch wenn ich mein Sexleben trotzdem nicht öffentlich ausleben möchte (lacht). Was mich aber bei der Idee von Amorelie angetrieben hat, war die Überzeugung, dass unser aller Leben doch nur über Beziehungen funktioniert. Da gibt es einmal das Sexleben mit deinem Partner – wenn das klappt, hast du eine richtig hohe Chance, dass auch die Beziehung gut ist. Und dann gibt es da noch die Beziehung mit dir selbst. Gerade Frauen haben da aber oft Schwierigkeiten, weil sie extrem hohe Ansprüche an sich und ihren Körper stellen – daran, was beim Sex wie zu sein hat. Da wollte ich ansetzen, denn ich denke, dass Sexualität etwas sehr Schönes ist, aber mit all dem Druck, der uns oft vermittelt wird, auch sehr belastend sein kann. Ich bemerke aber erfreulicherweise, dass der Zeitgeist und Initiativen wie Amorelie etwas verändern. Ich orte so was wie einen Mini-Durchbruch, wenn ich mir Body-Positivity-Kampagnen ansehe; wenn ich merke, dass Körpervielfalt gefeiert wird. Daraus resultiert ein Stück mehr Realität, in der man Sex besser genießen kann.

Lea-Sophie Cramer Amorelie

Lass uns über das Gründerinnen-Leben reden. Vor fünf Jahren, also 2013, hast du Amorelie gegründet. 2015 kam dein erstes Kind zur Welt, Ende 2017 das zweite. Fast klischeehaft hast du deinen Laptop trotz Wehen ins Krankenhaus mitgenommen. Wie viel verrücktes Pflichtbewusstsein hattest du denn?

(Lacht.) Ja, das war schon seltsam. Ich hatte als Einzige eine Präsentation am Rechner, von der ich wusste, dass ich sie noch schicken muss – aus dem einfachen Grund, weil sonst viele Leute einen Haufen mehr Arbeit gehabt hätten. Und da es schon mein zweites Kind war, dachte ich, ich wüsste, wie das abläuft, und dass das schon gehen würde. Meine Hebamme und auch mein Freund haben den Kopf geschüttelt und gemeint „Du hast sie ja nicht mehr alle“, und auch ich dachte zwischendurch: „Du meine Güte, was machst du denn da?“ Mein Pflichtbewusstsein geht über das normale Maß hinaus, aber das ist auch eine Generationenfrage.

Wie meinst du das?

Unsere Generation eint, dass wir nach einer Aufgabe suchen, die für uns Sinn ergibt und die wir mit Leidenschaft leben. Das gilt für mich als Gründerin, als Mensch und für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auch im Urlaub mal was durchschicken oder erreichbar sind. Für mich kann ich einfach sagen: Amorelie ist der Job, in dem ich mich zu 100 Prozent ausleben kann und der perfekt zu mir passt.

Du warst mit deiner Tochter nur acht Wochen in Mutterschutz, in eurem Büro gibt es sogar Kinderzimmer – alles ist sehr inklusiv, aber du bietest damit auch Angriffsfläche. Wie gehst du mit Kritik in Sachen Mutterschaft um?

Tja, stimmt schon, ich erfülle ein bisschen das Klischee der Working Mum und biete Angriffsfläche, da ich mich in der Öffentlichkeit bewege. Ich gestehe jedem zu, mir Feedback zu geben, aber ich entscheide, ob ich es annehme oder nicht. Feedback von Menschen, die mein Leben nicht kennen und mich verurteilen, lasse ich nicht an mich heran. Mein Motto ist: Cool mums don’t judge. Mütter haben unterschiedliche Leben – und ja, sogar meine Oma hat Schwierigkeiten, zu akzeptieren, dass wir viel Fremdbetreuung haben. Mit ihr diskutiere ich das aber gern. Und am Ende ist es meine Entscheidung. Ich weiß auch, dass unser Modell nicht für alle funktioniert, und habe Respekt für Vollzeitmütter.

amorelie toys

Du stellst als Chefin selbst die Spielregeln auf. Deine Kinder sind manchmal mit im Büro – was ist für dich das Tolle, was das Lästige daran?

Wir lassen viel zu: Es dürfen Kinder mitgebracht werden, wenn die Betreuung wegbricht; auch Hunde. Es gibt Väter, die ihre Väterzeit nehmen und die wir darin sehr bestärken. Das alles ist Inspiration und toll, aber es kann auch teilweise ein Chaos sein. Es gibt andere Geräusche, Meetings werden unterbrochen, weil Kinder da sind und andere Bedürfnisse haben, et cetera. Das alles zuzulassen formt eine andere, schöne Art von Firma, eine Gruppe, die mehr wie eine Familie funktioniert, was absolut großartig ist. Das Schwierige daran ist, dass ich mit meinen Kindern auch mein Heiligstes mit an den Arbeitsplatz bringe. Und ich bin realistisch: Nicht alle finden meine Kinder so toll wie ich – diese Nähe macht mich sehr verletzlich. Doch gleichzeitig bringt diese Nähe auch großes Verständnis.

Hast du, hat Amorelie eine feministische Message? Oder willst du nur Geld verdienen? Was by the way natürlich auch okay wäre …

Meine treibenden Kräfte sind Selbstliebe und Empowerment. Sich zu hinterfragen und dabei brutal ehrlich zu sein hat mir geholfen und ist meine Empfehlung für alle Frauen, um den eigenen Weg zu finden und dranzubleiben. Empower­ment ist so wichtig, weil es noch immer so viele Situationen gibt, wo Frauen nicht gesehen, nicht gehört, nicht wahrgenommen werden, und man immer wieder sagen muss: Das ist nicht normal und das ist nicht okay!

 

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