Fail der Woche: WU lädt zum Vortrag "Gendern – Muss oder Unsinn?" – von einem Mann.

Die Wirtschaftsuniversität Wien lädt zu einem Vortrag ein, der (aus männlicher Perspektive) die Sinnhaftigkeit von geschlechtergerechter Sprache behandeln soll. Das zeigt wieder einmal: Auch 2020 leben wir in einer Gesellschaft, in der (sprachliche) Gleichstellung noch immer ein Fail ist.

Fail der Woche

Jooo, wir wissen’s eh: Es ist mühsam. Es ist 2020 und wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der es legitim scheint, (sprachliche) Gleichstellung aller Geschlechter in Frage zu stellen. Unser heutiger Fail der Woche ist also nicht nur ein Fail der WU (obwohl die WU in letzter Zeit schon verdächtig oft mit All-male-Panels aufgefallen ist), sondern viel mehr ein gesamtgesellschaftlicher Fail, der es Institutionen wie der Wirtschaftsuniversität möglich macht, Veranstaltungen mit dem Titel "Gendern – Muss oder Unsinn?" – vorgetragen von einem Mann – zu hosten.

Nochmal für alle: Sprache. Schafft. Wirklichkeit.

Ja, richtig gelesen. Eine universitäre Institution, von der man meinem möchte, dass sie auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, stellt genau ebenjene in Frage, denn längst ist bewiesen: Sprache schafft Wirklichkeit. Sprache schafft Bewusstsein. (Studien dazu etwa hier, hier, hier, hier oder hier.) Natürlich kann geschlechtergerechte Sprache nicht patriarchale Verhältnisse aus dem Weg räumen, aber wir müssen erkennen, dass Sprache nicht wertneutral ist. Mit Sprache wird immer auch eine Perspektive kodiert – und die ist im Falle unserer Gesellschaft immer noch männlich.

Davon abgesehen eine kleine Sidenote: Der Titel "Gendern – Muss oder Unsinn?" ist falsch formuliert. Unsere Sprache ist gegendert – nur eben in der männlichen Form. Das generische Maskulinum ist eine Form von Gendern, genauso wie das generische Femininum oder das Verwenden eines Binnen-Is eine Form von Gendern wäre. Dass wir ausschließlich sprachliche Formen abseits des generischen Maskulinums als "gendern" wahrnehmen, zeigt nur, wie sehr die männliche Form bereits zur Norm geworden ist.
Im Rahmen der WU-Veranstaltung scheint man demnach also "geschlechtergerechte Sprache" statt "gendern" zu meinen.

Auf der Wirtschaftsuniversität fragt man sich trotzdem scheinbar auch 2020 laut Text in der Facebook-Veranstaltung immer noch: "In welchem Zusammenhang steht Sprache mit unserem Denken?" Nochmal for the people in the back: Sprache. Schafft. Wirklichkeit. Dass bei Formulierungen im generischen Maskulinum "Frauen mitgemeint" wären, ist ein Trugschluss: Bereits im Jahr 2002 haben Wissenschaftler*innen festgehalten, dass wir nicht an Frauen denken, wenn wir das generische Maskulinum lesen. In einer anderen Studie gaben ausschließlich die männlichen Probanden an, das generische Maskulinum besser zu verstehen. Tatsächlich fiel es aber allen Proband*innen leichter, Inhalte wiederzugeben, wenn die gelesenen Texte in geschlechtergerechter Sprache verfasst waren. 2015 befasste sich eine weitere Studie mit dem Einfluss des generischen Maskulinums auf die Besetzung von Führungspositionen. Obwohl die Qualifikationen gleich waren, wurden Frauen für die Ausschreibungen, in denen ein generisches Maskulinum verwendet wurde, nicht als geeignet empfunden.

Geschlechtergerechte Sprache ist eine längst überfällige Selbstverständlichkeit

Auf der WU teasert man die Veranstaltung mit den Worten "Gendern' ist für manche eine 'Religion', für andere ein Ärgernis" an. Sieht man sich die wissenschaftlichen Fakten an, scheint geschlechtergerechte Sprache viel mehr eine längst überfällige Selbstverständlichkeit zu sein. Und überhaupt: Warum fühlen sich viele (Männer) von dem Thema und den Konsequenzen so stark persönlich angegriffen? "Das stört so beim Lesen", "es ist so anstrengend, ständig dran zu denken, wenn ich spreche" und "Das schaut geschrieben so schirch aus" sind dann die meistgenannten Bullshit-Argumente all der Boomer-Herberts (Menners mit anderen Namen mitgemeint, zwinki zwonki), die sich aber gleichzeitig selbst als "innovativ denkende" Menschen, die "ihrer Zeit voraus sind" und "auf Veränderungen rasch reagieren können", bezeichnen und ein Facebook-Titelbild haben mit Sprüchen wie "Die einzige Konstante ist Veränderung."

Aha-Moment: Aha, wir leben also immer noch im Patriarchat.

Bottom Line: Unsere Gesellschaft und scheinbar nicht mal Unis wie die WU sind bereit für diese ~radikale Veränderung~, dass endlich alle Geschlechter gleichgestellt sind. Vorher muss noch ein Mann "die gängigen Argumente in diesem oft verworrenen Diskurs aus sprachwissenschaftlicher Sicht beleuchten". Und auf der WU ist man sich im Veranstaltungstext sicher: "Die Analyse des 'Genderns' hält einige Aha-​Momente bereit". Nun gut, bleibt nur zu hoffen, dass durch den Vortrag von Franz Rainer vom Insitut für Romanische Sprache, einige Aha-Momente von vor Jaaaaahren endlich durchsickern: Aha, es stimmt, was alle Studien sagen: Sprache schafft Wirklichkeit. Aha, wir leben also immer noch im Patriarchat! Aha, männliche Formen sind immer noch die Norm. AHA, vielleicht kann man das zumindest sprachlich endlich ändern!

Und können wir dann bitte endlich das Patriarchat abschaffen? In der Sprache, im Denken und in der Wirklichkeit.

Nachtrag 10.01.2020 - Stellungnahme von Prof. Franz Rainer:
"Der Titel des Vortrags stammt aus der PR-Abteilung, die meinen ursprünglichen Titel ("Hintergründiges zum Gendern") abgeändert hat, ohne mich zu konsultieren. Dadurch ist die Absicht meines Vortrags leider fast in ihr Gegenteil verkehrt worden. Es ging mir nicht darum zu fragen, ob und wie man gendern soll, sondern auf der Basis der neuesten Forschungsliteratur drei Fragen im Zusammenhang mit dieser Thematik zu erörtern: Zwei grammatikalische (die Femininbildung und das sogenannte generische Maskulinum) und eben auch die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache, Denken und Kultur."

Zur Serie: Der Fail der Woche "zeichnet" regelmäßig besonders sexistische, frauenfeindliche und/oder rassistische Sager oder Internet-Fundstücke aus.

 

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