Düzen Tekkal: "Integration ist auch Gefühl"

Düzen Tekkal ist Deutsche und Jesidin. Die Journalistin kämpft für Menschenrechte, arbeitet in Krisenregionen – und kennt die Heraus­forderungen geflüchteter Mädchen und Frauen, die versuchen, ihre Identität zu finden.

Düzen Tekkal

In einer Traube stehen die Frauen um Düzen Tekkal. Sie lachen, reden schnell und stellen ihr unermüdlich Fragen. Auf Arabisch, weil das am einfachsten ist. Es ist Pause in der Arbeitsberatung, die der Österreichische Integrationsfonds für geflüchtete Frauen und Zuwanderinnen veranstaltet. Die Frauen lernen hier alles, was für die Jobsuche in Österreich wichtig ist. Und Tekkal ist da, um ihre eigene Erfolgsgeschichte zu erzählen – und Mut zu machen.

„Meine Mutter ist Analphabetin“, sagt sie nur wenige Momente zuvor zu diesen mehr als 20 Frauen, die sie nicht kennt. Ein Dolmetscher übersetzt fließend die Ratschläge, die die Jesidin im norddeutschen Dialekt für ihre Zuhörerinnen hat: dass sie diese Gesellschaft und dabei auch sich selbst weiterentwickeln können. Dass sie nicht aufgeben sollen. Und dass eine Person mehrere Kulturen in sich verbinden kann – wie Tekkal es selbst tut.

WIENERIN: Sie haben den Raum innerhalb weniger Sekunden für sich eingenommen …

Düzen Tekkal: Ich bin eine von uns und ich bin eine von ihnen. Die Frauen spüren das. Ich weiß, woher sie kommen, welche Kämpfe sie kämpfen und wie sie sich rechtfertigen müssen. Ich respektiere sie; gleichzeitig will ich sie motivieren. Das lädt die Frauen dazu ein, selbst etwas preiszugeben. Eine Frau hat vorhin vor allen anderen gesagt: „Ich bin Analphabetin – es fällt mir schwer, Deutsch zu lernen.“ Solche starken Momente sind der Grund, warum ich tue, was ich tue.

„Jede Frau verdient Unterstützung in ihrem Emanzipationsprozess.“

von Düzen Tekkal

Wenn Sie von Ihrer eigenen Mutter, die auch Analphabetin ist, erzählen, brechen Sie ein Tabu. Wie persönlich ist Ihre Arbeit?

Es fühlt sich oft wie Nachhause­kommen an. Ich weiß aus Erfahrung: Jede Mutter, die sich entscheidet, für die Freiheit ihrer Tochter zu kämpfen, verdient unsere Unterstützung in ihrem Emanzipa­tionsprozess. Das machen wir in der Menschenrechtsarbeit mit unserem Verein Hawar.help in Krisenregionen. Die Bedingungen vor Ort sind schwierig und gefährlich – Frauenrechtler werden in Bagdad auch umgebracht. Aber diese Arbeit ist der einzige Weg zum Empowerment der Frau und einer gelungenen Integration.

Die JesidInnen sind eine reli­giöse und ethnische Minderheit, ursprünglich aus dem nördlichen Irak, Nordsyrien und der südöstlichen Türkei. Sie leiden seit Jahrzehnten immer wieder unter Konflikten in der Region. Die Irakkrise 2014 und der Vormarsch des IS haben die Situation der JesidInnen weiter verschärft. Der IS will die jesidische Bevölkerung auslöschen: JesidInnen wurden versklavt, vergewaltigt und ermordet. Sie sind Opfer eines Völkermordes.

Wann ist Integration „gelungen“?

Es ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Das gilt für uns alle, nicht nur für Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Für mich ist Integration vor allem ein Gefühl: Fühle ich mich zugehörig oder nicht? Wir haben das zu lange ignoriert.

Als Jesidin und Deutsche haben Sie selbst eine Zuwanderungs­geschichte. Wie ist Ihr Gefühl?

Ich habe so ’ne deutsche Seele … Das kann man nicht erklären, es ist einfach so. Ich komme aus einem bildungsfernen Elternhaus und habe es trotzdem geschafft. Ich habe von guten Lehrern, von Nachbarn, von Sportvereinen profitiert, also von der Solidargesellschaft. Dafür bin ich sehr dankbar – mit meiner Arbeit will ich nun etwas zurückgeben.

Sie arbeiten hauptsächlich mit Frauen in und aus Krisenregionen. Wie empowert man Frauen und Mädchen aus streng patriarchalischen Strukturen? Das Frauenproblem ist kein migrantisches. Wir haben auch in Deutschland und Österreich eine Menge zu tun. Frauen passieren überall auf der Welt schreckliche Dinge, eben weil sie Frauen sind. Vielen Jesidinnen, mit denen ich gearbeitet habe, hat es geholfen, aus der Anonymität herauszutreten. Sie haben althergebrachte Frauenbilder in die Tonne getreten und gesagt: „Nicht wir sind die Täter und müssen uns schämen. Wir sind Überlebende, wir sind Opfer, und wenn wir überlebt haben, dann haben wir auch eine Verantwortung.“

„Integration heißt auch: Fühle ich mich zugehörig oder nicht?“

von Düzen Tekkal

Integration ist aber nicht nur Aufgabe der Geflüchteten. Welche Verantwortung muss der Staat in der Integration übernehmen?

Der Staat muss Rahmenbedingungen und Möglichkeiten schaffen und besonders sein Bekenntnis zur Freiheit statt zur Religion hervorheben. Die Religion ist ein zu großer Punkt in der Integrationsfrage. Wir haben Migranten pauschal zu Muslimen gemacht. Ein Rechtsstaat muss aber auch selbstbewusst sein, was die eigenen Werte angeht. Und die sind nicht verhandelbar.

Ihre Eltern haben vor über 50 Jahren politisches Asyl in Deutschland bekommen, Sie sind in den 1980ern in Hannover aufgewachsen – mit sichtbarer Migrationsgeschichte. Wie haben Sie Alltagsrassismus erlebt?

Als wir die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben, hielt mein Vater stolz die Einbürgerungsurkunde in der Hand und sagte: „Wir sind jetzt Deutsche.“ Von der Beamtin kam darauf: „Sind sie nicht.“ Jeder Mensch mit sichtbarer Migrationsgeschichte kann solche Geschichten erzählen. Aber wissen Sie was? Das ist der Grund, warum ich heute tue, was ich tue. Ich kenne den Schmerz, aber ich kenne auch die Kraft, die man daraus ziehen kann. Damals habe ich gedacht: „Warten wir mal ab, ob ich deutsch bin oder nicht!“ Heute spricht mir das keiner mehr ab: Ich bin Deutsche und Jesidin.

Wie haben Sie Ihre Identität gefunden?

Wir dürfen uns unsere Identität selbst nicht absprechen, egal wer sie gefährdet. Ich habe rassistische Anfeindungen erlebt, aber meine heile Welt wurde nicht nur von den Deutschen, sondern auch von Migrantenkindern bedroht. Denen war ich zu deutsch, weil ich Bratwurst gegessen und kurze Röcke getragen habe. Ich habe als kleines Kind schon begriffen: Wir haben hier zwei Seiten, die unsere Werte gefährden, nicht nur eine. Daraus ist mein Buch Deutschland ist bedroht entstanden.

Wie haben Sie diese Erfahrungen geprägt?

Ich war überall zu Hause, das ist ganz typisch für Kinder von Minderheiten. Wir sind unglaublich anpassungsfähig. Trotzdem war ich oft allein, weil ich keine Lobby hatte. Und jetzt kann ich sagen, auch als Weltbürgerin, dass ganz viele Menschen hinter mir stehen und diesen Weg mit mir gehen. Auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft konnte ich mich immer verlassen.

Es gibt aber auch kritische Stimmen: Als Sie getwittert haben, dass Sie in der Schule noch Deutsch gelernt haben, Ihre Nichte damit aber Probleme hat, obwohl sie in dritter Generation in Deutschland lebt, wurden Sie als rassistisch bezeichnet …

Als Rassistin bezeichnet zu werden ist dieser Tage ein Totschlag­argument. Da geht es auch darum, mich zum Schweigen zu bringen, zu destabilisieren und zu verunsichern. Nur wirkt das bei mir nicht. Wenn ich, weil ich ungeschönte Erfahrungswerte aus meiner Kindheit beschreibe, als Rassistin bezeichnet werde, ist das Teil des Problems. Meine Nichte lernt nicht mehr so gut Deutsch, weil mehr Kinder mit Migrationshintergrund in der Klasse sind. Das sind meine Erfahrungswerte, kein Rassismus. Wird antirassistischen Menschen Rassismus vorgeworfen, müssen wir uns nicht wundern, wenn der Rechtsruck zunimmt. Am Ende sind wieder die Migranten die Leidtragenden, auch bei fehlenden Sprachkenntnissen. Diese Spaltung der Gesellschaft dürfen wir nicht zulassen.

Düzen Tekkal - Deutschland ist bedroht

In ihrem Buch "Deutschland ist bedroht: Warum wir unsere Werte jetzt verteidigen müssen" (Berlin Verlag, € 17,50) analysiert Düzen Tekkal den Zuspruch zu extremistischen Strömungen in Deutschland.

„Extremisten bedrohen das Fundament jeglichen Zusammenlebens. Wer davor die Augen verschließt oder auch nur gleichgültig zusieht, macht sich mitschuldig am Verlust unserer politischen Freiheit“, schreibt Tekkal, und sie meint damit nicht nur islamistische Gruppen, sondern auch Gewalt und Hetze von rechts. Denn: Beide dieser „bösen Zwillinge“ gefährden die europäischen Werte.

Aktuell