"Du bist eine karrieregeile Rabenmutter!": So kannst du kontern

Wenn Mütter Vollzeit arbeiten, werden sie auch heute noch als "Rabenmütter" abgestempelt. Wie frau dagegen kontern kann, hat Autorin Bettina Zehetner im Buch "No More Bullshit: Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten" zusammengefasst.

Rabeneltern sind tatsächlich fürsorgliche Eltern, die sich die Fütterungsarbeit der Küken partnerschaftlich teilen. Anders beim Menschen: Da soll eine Mutter* die Kinder betreuen, versorgen, pflegen, erziehen, trösten, mit ihnen lernen, rund um die Uhr für sie da sein und am besten noch Erholungsgebiet für den tagsüber draußen in der Welt tätigen Mann* sein.

„Du vernachlässigst mich!" lautet ein häufiger Vorwurf von Partnern*, die die Zuwendung ihrer Frauen* nicht teilen wollen und sich durch eigene Kinder aus dem Nest verstoßen fühlen. Eine Mutter* hat selbstlos ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, nie wütend zu sein, ewig nährend und gewährend, bedingungslos liebe- und verständnisvoll. Sie hat nichts für sich zu wollen, schon gar keine Karriere, die sie womöglich einem fraglos viel qualifizierteren Mann* wegnehmen würde, der ja seine Familie ernähren muss. Frauen* sollen Männer* unterstützen, nicht in Konkurrenz mit ihnen treten. Frauen* sollen gefühlsbetont und fürsorglich sein, sie sollen beziehungsorientiert und an den Bedürfnissen anderer ausgerichtet sein. Andernfalls könnten sie als Rabenmütter in Verruf geraten.

Wir leben als Gesellschaft in widersprüchlichen Verhältnissen: Oft ist die Rede davon, dass Frauen* und Männer* längst gleichberechtigt seien, verleugnen dabei aber die Lohnschere, unbezahlte Sorgearbeit (Care-Work) oder auch Gewaltverhältnisse. Suggeriert wird damit eine Pseudofreiheit, obwohl traditionelle Rollenanforderungen weiterhin gelten und Druck machen: Die Soziologin Angelika Wetterer nennt das die „rhetorische Modernisierung“, also eine bloß rhetorische Gleichheit bei fortbestehender Ungleichheitspraxis. Wir reden anders als wir handeln: Die Aussage „Mein Mann* hilft eh mit“ ist eine völlig andere als „Wir teilen uns unsere Hausarbeit“.

Klassische Rollenverteilung führt zu Frauen*armut

Gut bezahlte und unbezahlte Arbeit ist nach wie vor sehr ungleich zwischen Frauen* und Männern* verteilt. So ist die Teilzeitarbeit im EU-Schnitt stark weiblich dominiert. Und solange klar ist, dass die Frauen* in Karenz gehen, wird sich weder an der Lohnschere noch an der gläsernen Decke viel ändern. Auch hier werden Frauen* gerne mit einer Doppelbotschaft ruhiggestellt: Ein geringeres Gehalt als der männliche Kollege mit demselben Aufgabenbereich wird gerechtfertigt mit dem zynischen Satz, sie hätte halt weniger gut verhandelt. Tatsache ist: An Frauen* werden heute neue Ansprüche gestellt – etwa die unbedingte Flexibilität am Arbeitsmarkt, die Pflicht zur eigenständigen Existenzsicherung bis hin zur privaten Pensionsvorsorge –, während die alten Ansprüche der Hauptverantwortung für Haus- und Sorgearbeit weiterhin gelten. Laut Zeitverwendungsstudien leisten Mütter* von Kleinkindern doppelt bis dreimal so viel unbezahlte Arbeit wie Väter*. Die klassische Rollenverteilung hat somit für beide Geschlechter noch sehr viel Gewicht. Ein Gewicht, das sich auf die finanzielle Absicherung und die Karrieren von Frauen* deutlich negativ auswirkt und für viele Alleinerzieherinnen* und Pensionistinnen* in die Armut führt. Das Private ist also durch und durch politisch.

Eine Mutter* hat selbstlos ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, nie wütend zu sein, ewig nährend und gewährend, bedingungslos liebe- und verständnisvoll. Sie hat nichts für sich zu wollen, schon gar keine Karriere.

von Bettina Zehetner

Im Gefasel über die angeblich so tolle „Wahlfreiheit“, entweder zuhause bei den Kindern zu bleiben oder berufstätig zu sein, schweigen wir über das Armutsrisiko, das das „Zuhausebleiben“ langfristig bedeutet – abgesehen vom Machtgefälle in der Beziehung, da doch derjenige, der bezahlt, meist auch anschaffen will und die Anerkennung für Sorgearbeit gering bis nicht vorhanden ist. Es ist zu hoffen, dass etwa die Vorarlberger „Herdprämie“, die Frauen* dafür belohnt, wenn sie keinen Kindergartenplatz in Anspruch nehmen, kein Erfolg wird.

Vieles ergibt sich nicht einfach so

„In jeder Geste steckt die ganze Gesellschaft“, kommentiert der Soziologe Jean-Claude Kaufmann etwa das Wäschewaschen, das viele Männer* in jenem Augenblick verlernen, in dem sie mit ihrer Partnerin* in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Das Zusammenziehen fördert ein Zurückfallen in traditionelle Weiblichkeits- und Männlichkeitsnormen. Die Ausrede: „Sie kann das eben besser, das mit der Wäsche“. Unbezahlte Sorgearbeit betrachten beide Geschlechter häufig als „Liebesdienst“, eine Falle, die für Frauen* besonders nach Trennungen eine eigenständige Existenzsicherung erschwert. Reine Lebensgefährt*innen außerhalb der Ehe oder außerhalb von eingetragenen Partnerschaften haben übrigens derzeit keinen Unterhaltsanspruch von ihren Partner*innen.

Übrigens: Es „ergibt“ sich nicht einfach, dass die Mutter* beim Kind zuhause bleibt und den Vater* von seiner Sorgearbeit entlastet. Diese Entscheidung sollte bewusst getroffen werden. Gleiche Rechte bedeuten auch gleiche Pflichten: Mutter* und Vater* sind somit zu gleichen Teilen verantwortlich für die Kinderbetreuung. Sinnvoll ist hier, von „Elternteil" zu sprechen, damit sich keine geschlechtsspezifischen Stereotype einschleichen. Eine Herausforderung bleibt dennoch die Verinnerlichung gesellschaftlicher Anforderungen und Idealbilder: „Ich will eine gute Mutter* sein, ich will entsprechen, genügen, ‚normal’ sein, eine ‚richtige Frau*’ sein, funktionieren“. Die Disziplinierung von außen ist dabei oft gar nicht mehr nötig – auch wenn Kindergärten nach wie vor meist die Telefonnummern der Mütter wählen. Wir haben diese Zwänge schon verinnerlicht und streben nach permanenter Selbstoptimierung: Wir sind unsere strengsten Richterinnen* und Antreiberinnen*. Dabei können sich die eigenständige wirtschaftliche Absicherung, berufliche Karriere, Selbstverwirklichung und gesellschaftiche Schönheitsstandards gleichzeitig nicht ausgehen. Erschöpfung ist die Folge. Das „unternehmerische Selbst“ beutet sich selbst aus, die „Powerfrau, die alles schafft“ ist eine Illusion, die uns im Hamsterrad strampeln lässt.

Ein Mann*, der seine Karriere verfolgt, gilt nicht als Rabenvater, sondern als normal. Er bekommt Anerkennung. Niemand fragt, wer bei ihm zuhause das kranke Kind betreut.

von Bettina Zehetner

Die gute und glückliche Mutter* als Utopie

Dieses schmerzhafte Gefühl, nie gut genug zu sein, ist in der Frauen*beratung häufig Thema. Den vielen einander widersprechenden Anforderungen gerecht werden zu wollen, kann krank machen. In der emanzipatorischen Beratung kommt es deshalb darauf an, Anforderungen in Frage zu stellen, anstatt allen Normen zu entsprechen und reibungslos funktionieren zu wollen. Wichtig ist, eine eigene Haltung gegenüber diesen Ansprüchen zu entwickeln und das eigene Leben möglichst selbstbestimmt zu gestalten. Feministische Beratung kann dabei unterstützen, Frauen* dazu zu ermutigen, den enormen Druck, den das utopische Ideal „gute und glückliche Mutter*" verursacht, zur Sprache zu bringen.

Dennoch bewerten wir gesellschaftlich dasselbe Verhalten von Männern* und Frauen* unterschiedlich: Ein Mann*, der seine Karriere verfolgt, gilt nicht als Rabenvater, sondern als normal. Er bekommt Anerkennung. Niemand fragt, wer bei ihm zuhause das kranke Kind betreut. Während Männern* „rationale Argumentation” zugeschrieben wird, gelten Frauen*, die analytisch vorgehen, schnell als „kalt“. Wo ein Mann* zielstrebig und durchsetzungsstark agiert, wird einer Frau* „Aggressivität“ attestiert.

Selbstbewusstes Auftreten wirkt bei Frauen* „bossy“, eine laute Stimme „penetrant“. Ein Mann* „kritisiert“, eine Frau* „keift“. Konflikte zwischen Frauen* werden verächtlich zum „Zickenkrieg“ erklärt, für den es ebensowenig ein begriffliches Pendant für den Streit unter Männer*n gibt. Eine Mutter* kann es in diesem stereotypen Schema nur falsch machen. Die Alternative zur Rabenmutter wäre zudem die überfürsorgliche Glucke, die Helikoptermutter, die ihre Kinder erstickt, weil sie kein eigenes Leben hat. In diesem Sinne: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.

DREI FAKTEN ÜBER RABENMÜTTER

  1. Rabenjunge sind Nesthocker. Sie schlüpfen als nackte, hilflose Wesen und brauchen die Unterstützung ihrer tendenziell monogamen Eltern, die meist lebenslange Brutpaare bilden und den Nachwuchs füttern, wärmen und vor Feinden schützen. Rabeneltern kümmern sich intensiv um ihre Jungen.
  2. Vermutlich bezieht sich der Ausdruck “Rabenmutter” auf die Beobachtung, dass Raben das Nest verlassen, noch bevor sie fliegen können und in diesem Stadium dementsprechend verloren, orientierungslos und auf sich alleine gestellt wirken. Tatsächlich verlassen Raben aber selbstständig das elterliche Nest und werden nicht von den Eltern “vor das Nest gesetzt”.
  3. Der Begriff Rabenmutter wurde im deutschen Sprachraum geprägt und findet in den meisten anderen Sprachen keine wörtliche Entsprechung. Zwar kennt man in Mexiko beispielsweise Mama Cuervo (wörtlich: Mama Rabe). Damit ist allerdings eine liebevolle Mutter gemeint, die in ihren Kindern nur das Gute sieht, obwohl das vielleicht nicht immer der Realität entsprechen mag.

Bettina Zehetner ist promovierte Philosophin und Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Universität Wien. Sie forscht am Institut für frauenspezifische Sozialforschung etwa zu den Schwerpunkten Gewalt, Trennung, Laufbahn- und Onlineberatung. Zehetner arbeitet außerdem als psychosoziale Beraterin und ist Projektkoordinatorin bei „Frauen beraten Frauen”.

Buchcover No More Bullshit

No More Bullshit: Das Handbuch gegen sexistische Stammtischweisheiten

"Der Pay Gap ist ein Mythos!“, „Biologisch gesehen haben Frauen und Männer eben unterschiedliche Kompetenzen!“ oder „Verstehst du keinen Spaß?“ Wenn diese Sätze bei euch Augenrollen auslösen, dann braucht ihr dieses Buch. Wenn ihr Stammtischweisheiten, Weiblichkeitsmythen und tradierte Vorurteile hinterfragen wollt, dann braucht ihr dieses Buch. Und wenn du dir einfach nur denkst: Bullshit!, dann brauchst du dieses Buch sogar unbedingt.

Die Herausgeberin, das Frauennetzwerk The Sorority, hat es sich mit der Veranstaltungsreihe „No More Bullshit!“ zur Aufgabe gemacht, altbekannten Killerphrasen etwas entgegenzusetzen: Fakten. Gemeinsam mit Wissenschaftlerinnen*, Expertinnen* aus unterschiedlichen Branchen und Künstlerinnen* schult die Schwesternschaft nun unerbittlich den Blick für Stehsätze und liefert schlagkräftige Argumente für die nächste Stammtischrunde.

Die Erstpräsentation findet am 5. Oktober 2018 bei Thalia Österreich, Landstraßer Hauptstraße 2A, 1030 Wien, 19:30 Uhr statt: LINK zum Event

 

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