Die Therapeutin der Stars im Interview: "Ihr müsst meschugge sein!"

Warum wir meschugge sein sollten, um nicht verrückt zu werden, erklärt Erika Freeman in diesem Interview. Die gebürtige Wienerin wurde in den USA zu einer berühmten Analytikerin, der vor allem Stars vertrauen.

Erika Freeman, eine muntere Frau mitten im Leben

Sie ist heute 89 Jahre alt, aber Zahlen bedeuten ihr nichts, erzählt Erika Freeman. Sie wurde in Wien geboren und musste im Alter von 12 Jahren vor dem Naziregime in die USA flüchten. Dort wurde sie später vor allem durch Radio und Fernsehen bekannt und Psychoanalytikerin und Freundin vieler Stars wie z.B. Marilyn Monroe, Woody Allen oder Frederic Morton. Wir haben sie in Wien zum Gespräch getroffen:

Frau Dr. Freeman, Sie arbeiten schon so lange als Psychoanalytikerin …


Zu mir muss man bitte Du sagen, weil wenn jemand Sie zu mir sagt, dann fühle ich mich nicht angesprochen. Ich habe deutsch geredet, bis ich zwölf Jahre alt war, und dann kam das Englisch. Wenn ­jemand Sie zu mir sagt, glaube ich, ein Erwachsener steht hinter mir (lacht).

Gerne, Erika, dann bleiben wir gleich bei deiner Geschichte. Du bist als unbegleitete Minderjährige vor den Nazis in die USA geflüchtet. Was war wichtig für dich, dass du deinen Weg so gehen konntest?


Ich komme aus einer Familie, wo es geheißen hat, dass man die Welt retten muss. Die Frage ist, was man dazu braucht. Man braucht ­Bildung. Also hab ich als ­Mädchen bei meinen Verwandten in den USA – für die ich eine ziemliche ­Belastung war und die mich bald in ein Waisenhaus gesteckt haben – viel gelesen, weil ich schnell Englisch lernen wollte. Und später hab ich gearbeitet und parallel dazu studiert. Ich habe deshalb lange für meinen Abschluss gebraucht, aber ich habe ihn dann auch bekommen.


Und dann wurdest du die Analytikerin vieler Stars. Du hast einmal gesagt, „normale“ Neurosen interessieren dich nicht. Wieso?


Überhaupt nicht, nein! Eine normale Neurose, da musst du entschuldigen, die ist mir ein bisserl zu fad. Bei den meisten kreativen Persönlichkeiten, da kann man auf eine Goldmine voller Gefühle und Talente stoßen. Oft sind sie auch Berühmtheiten. Die wurden vielleicht in der Kindheit bestraft, weil sie anders waren als andere Kinder, ihnen wurde gesagt, dass sie meschugge seien, und ich weiß, dass da was Herrliches dahintersteckt. Das zu finden macht mir großes Vergnügen.


Meschugge sein ist also gut?


Ja! Ich sag immer: Man muss ein bisschen meschugge sein, um nicht verrückt zu werden. Wenn du nicht genau das machst, was die ­anderen auch tun, so straight und richtig, sondern schaust, was möglich ist, dann heißt’s: Du bist ein bisserl meschugge. Andere sagen: Geh nach Hause, hab Kinder, sei normal! Sie halten dich für verrückt, wenn du dich nicht an die Norm hältst, aber ich weiß, du bist nicht verrückt. Du hörst auf das, was da in ­deinem Bauch ist, auf dein Gefühl, dem musst du zuhören. Trau dich und glaub an dich. Weil: Was in dir drinnen ist, was du siehst, ist wertvoll, auch wenn es andere nicht sehen. Es gab mal keine Elektrizität, das hat nur einer gesehen, kein Telefon, das hat nur einer gesehen, keine Computer. Also glaub immer an dich.


Und glaubst du auch an Hillary Clinton? Ihr kennt euch ja, wäre sie eine gute Präsidentin?


Sie sollte schon längst Präsidentin sein. Aber wie so viele Frauen hat sie zuerst ihr Talent in ihren Mann gesteckt. Die ist so intelligent, so gescheit, hat immer überlegt, wie man die Welt verbessern kann, ist so warm und herzlich. Nur die ­Kamera liebt sie nicht sehr, die liebt den Trump. Leider. Aber endlich kann auch in Amerika eine Frau an die Macht kommen, herrlich.


Glaubst du, die Welt wäre ­besser, wenn mehr Frauen an der Macht wären?


Ich glaube schon. Eine Lehrerin von mir meinte einmal, dass es nicht so wäre. Aber ich glaub’s – solange wir nicht versuchen, zu sein wie die Männer. Dann sind wir einfach schlechte Männer. Aber wir haben diese Empa­thie, das Mitgefühl, das ist etwas Gutes. Und das haben viele Männer nicht. Höchste Zeit, es auch als wertvoll anzusehen. Ich vertraue Frauen mehr als Männern!


Aber in einem anderen Interview hast du mal gesagt, Frauen seien besonders boshaft.


Nicht grundsätzlich, da wurde ich missverstanden. Es war einmal so, dass Frauen stärker in Konkurrenz zueinander standen – wenn es eine Frau als Einzige in eine tolle ­Position geschafft hatte, war sie nicht erfreut über eine zweite und auch nicht nett zu ihr. Aber heute ist das anders, heute ist viel mehr möglich für alle Frauen. Boshaft waren die Leute in Österreich früher (nachdenklich). Eine ehemalige Nachbarin zum Beispiel: Meine Mutti, eine Jüdin, hatte als U-Boot noch in Wien gelebt, als es schon als „judenrein“ galt – bäh, was für ein ekelhaftes Wort! Und diese Nachbarin hat sie auf der Straße gesehen und ist zur Gestapo gegangen, um sie anzuzeigen – und das, obwohl sie selbst absolut nichts davon hatte. Das ist boshaft – die Leute waren nicht nett damals.


Trotzdem lebst du heute immer wieder für einige Wochen im Jahr in Wien. Viele, die damals geflohen sind, wollten nie zurück­kommen. Warum du schon?


Ich eigentlich auch nicht. Ich ­hätte mir das nie vorstellen können. Aber dann hat meine Tante den Krieg überlebt, also hab ich sie ­besucht. Und später wurde ich von den Leuten von A letter to the stars (Anm.: großes schulisches Zeitgeschichteprojekt) hierher eingeladen. Und ich habe so viele liebe, herzliche Menschen kennengelernt, das war ein ganz anderes Österreich, als ich es mir jemals vorstellen hätte können. Die haben mir meine Heimat zurückgegeben.
In Europa und auch in Österreich erfahren aber zunehmend rechtspopulistische Parteien Zulauf. Wie beobachtest du diese ­aktuelle Entwicklung?
Wenn ich an meine Geschichte denke, dann ist das noch sehr leise. Die haben wenig Macht, die beschweren sich nur lautstark. Aber dass die Österreicher so viel helfen, das zeigt mir, dass Menschen sich wirklich ändern können, das ist für mich ein Wunder.


Manche würden auch sagen,­ dass es fast wie ein Wunder ist, dass du mit 89 noch so viele ­Patienten betreust. Hast du jemals ans Aufhören gedacht?


Aufhören? Was soll ich dann tun? Warum sollst du mit etwas aufhören, an dem du Spaß hast? Wenn du was zu geben hast, das dann jemand annimmt und seine Augen leuchten lässt? Wir wissen inzwischen auch, dass die Gehirnzellen nicht absterben mit dem Alter, sondern sogar noch neue gebildet werden, wenn man sich beschäftigt und glücklich ist. Und das Alter, das ist nur eine Zahl. Ich war einmal 50, einmal 80, aber danach fällt mir nichts mehr ein. Die Zahl gilt nur für den Pass, die hat nichts mit mir zu tun.

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