Die Schauspielerin über ihre Langzeit-Ehe und tolle Knotentänze

Knotentanz, Wohnprojekte, Geheimnisse und Paartherapie. Aglaia Szyszkowitz im sehr ehrlichen Interview mit WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas anlässlich ihrer Romy-Nominierung 2016.

WIENERIN: Sie sind für die Romy 2016 nominiert. Gratulation. Ich möchte trotzdem mit Ihnen über etwas anderes sprechen. Über Paartherapie. Sie haben Daniel Glattauers „Wunderübung“ in den Wiener Kammerspielen 2015 sehr erfolgreich gespielt. Es geht darin um ein Ehepaar, das Therapie sucht, aber die ganze Szenerie ist sehr hysterisch/lustig und doch sehr ernsthaft. Sie haben ja familiär bedingt ja auch persönlich einen Psychozugang zum Leben (Anm. Ihre Mutter ist Psychotherapeutin). Würden Sie Paartherapie empfehlen?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ja, das würde ich. Ich finde, der Effekt von Paartherapie wird total unterschätzt. Verletzungen werden über die Jahre oft sehr tief und für einen selbst-ohne Hilfe von außen - kaum mehr zu bewältigen. Das kennt, glaube ich, jeder, der eine lange Beziehung führt. Man muss aber einfach auch eine gewisse Großzügigkeit entwickeln, wenn man so viele Jahre -oder Jahrzehnte -zusammen ist. Man kann beim anderen nicht alles kontrollieren, und man hat auch nicht das Recht darauf, alles zu erfahren. Ich glaube, man sollte auch darauf achten, ein Geheimnis und einen Raum für sich zu behalten, der nur der eigene ist. Es geht damit los, dass man zu Hause einen Ort für sich hat,an dem die Kinder nicht einfach so hereinplatzen können - und der Mann auch nicht.B ei uns zuhause ist das....das Badezimmer. Immerhin. (grinst)

Glattauer hat der Ehe gut getan


Was haben Sie aus der Wunderübung mitgenommen?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Das ist lustig, denn allein schon die Proben haben meiner Ehe gut getan. Ich hab mich dabei scheinbar so abreagiert, dass mein Mann festgestellt hat, das Stück ist genial, du bist plötzlich so entspannt! (lacht) Mir hat es auch gut getan, dieses Stück dann 77 Mal zu spielen, weil es so versöhnlich und hoffnungsvoll endet. Das Ende hat - das klingt jetzt vielleicht blöd, aber – es hat meiner Seele gut getan. Plötzlich mochte ich auch meine Kollegen viel lieber! (lacht). Nein, die mochte ich natürlich auch schon vorher. Aber wie gesagt - das Ganze war eine sehr positive Erfahrung, ich mag das Theater in der Josefstadt und die Truppe, die Herbert Föttinger da rund um sich aufgebaut hat, sehr.

Naja, vielleicht wird es ja doch noch mal wiederaufgenommen...?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Leider war nach 77 Aufführungen Schluss, aber auf der Berlinale hat mich ein österreichischer Produzent angesprochen, der das Stück verfilmen will.. Mal schauen, was daraus wird (grinst) Michael Kreihsl hat beim ORF sehr dafür gekämpft, dass er bei der Fernsehaufzeichnung des Stückes fünf Tage für den Schnitt bekommen hat - seiner wunderbaren Arbeit haben wir den großen Erfolg bei der Ausstrahlung im ORF und auf Arte zu verdanken.. Er hat damit vielen Menschen, die es nicht ins Theater geschafft haben, die Möglichkeit gegeben, das Stück zu sehen.

Würde es Ihnen Spaß machen, das auch wirklich als Spielfilm zu spielen?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Natürlich! Aber es ist nicht leicht. Drei Menschen ,die sich kaum bewegen, zwei Stunden in einem einzigen Raum...

Ein echtes Kammerspiel…

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ja, aber der Gott des Gemetzels ist auch ein Kammerspiel. Allerdings mit ganz großartigen Kollegen wie Kate Winslet, Jodie Foster und Christoph Waltz...Wobei....Tolle Kollegen gibt es hier ja auch einige, daran sollte es nicht scheitern.(grinst)

Fünf Stunden Friesenrock-Tanzkurs


Sie selbst haben mal gesagt, dass man nicht „von selbst 25 Jahre auf den Partner steht“ (Die Welt, 2013). Wie kann denn dieser Balanceakt aus Sicherheit und wechselseitiger Attraktion gelingen
?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ich glaube, man muss sich immer wieder neue Aufgaben stellen. Wir, also mein Mann und ich, haben zum Beispiel letztens fünf Stunden lang einen Friesenrock-Tanzkurs gemacht. Freunde von uns haben das organisiert. Wir waren etwa 10 Paare und haben den ganzen Nachmittag irgendwelche Knotentänze ausprobiert. Das war nicht unanstrengend, mein Mann hat ziemlich geflucht am Ende (lacht). Ich glaube, dass du dir immer wieder neue Aufgaben und Projekte suchst musst. Wir haben seit fünf Jahren eine saugemütliche Hütte im Zillertal. Für diese und rund um diese herum basteln und schrauben wir immer wieder neue Dinge. Mein Mann und unsere Söhne sind handwerklich gottlob begabter als ich (lacht) Dadurch, dass unsere Kinder langsam erwachsen werden – unser großer Sohn wird jetzt 18 Jahre und unser kleiner Sohn wird 13 Jahre - brauchen die uns nicht mehr so stark wie früher.. Am Anfang hast du ja das „gemeinsame kleine Kinder Projekt“ und wenn das weniger wird, dann hast du wieder mehr Platz für andere Pläne. Wir waren letztes Jahr z. B. vier Wochen in Amerika, in Kalifornien, Arizona, Utah...das hat uns allen sehr gefallen! Gemeinsam nach Neuem suchen... etwas ausprobieren, was für beide spannend ist.... Abenteuerprojekte eben!

Projekte als Perspektive…

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ja, du musst erfinderisch bleiben und überlegen, was kann ich mit meinem Mann gemeinsam Spannendes oder Lustiges tun. Dadurch, dass ich die bin, die mehr unterwegs ist, und mehr „außerhalb „erlebt, liegt es eben auch an mir, die Jungs daheim teilnehmen zu lassen und mein Berufs- und Privatleben so gut es geht, zu kombinieren. Sie kommen oft zu Besuch und mein jüngerer Sohn beginnt gerade, sich für diesen verrückten Beruf ernsthafter zu interessieren....

Die Jungs interessiert mein toller
Tag in Wien nicht


Sie erzählen ihnen dann also nicht, wie toll Ihr Tag in Wien war und wie aufregend die Romy-Nominierung für Sie ist?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Genau, denn das interessiert die Jungs eigentlich gar nicht. Aber wann wir wieder Urlaub am Meer machen, das interessiert sie. Sie sind alle drei leidenschaftliche Taucher.

Aber man muss dran arbeiten, offenbar passiert auch bei Ihnen nichts von allein…

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ja, es passiert wirklich nichts von allein. Gar nichts. Außer das Altwerden (lacht herzhaft)

Frauenbilder werden derzeit wieder ganz emotional diskutiert. Wie soll die Frau sein? Feministisch, tolerant, selbstständig, traditionell? Wie ist es denn mit dem Frauenbild, das Ihre Söhne mitbekommen. Sind das Sie als deren Rolemodel?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Das ist meine große Hoffnung!!!(grinst). Nein, Spaß beiseite. Mein großer Sohn hat seit 3 (!) Jahren eine Freundin, die ich sehr mag. Sie ist selbstbewusst, klug, warmherzig und humorvoll. Ich glaube prinzipiell, dass du, wenn du deinen Kindern vorlebst, dass du glücklich bist mit dem, was du machst, immer ein gutes Vorbild bist . Und ich liebe diesen meinen Beruf sehr. Aber ich tu mir schwer, etwas zu verallgemeinern, weil ich auch Frauen kenne, die vier Kinder haben und zu Hause sind und die genau das wunderbar finden. Nur irgendwann, wenn die Kinder, groß sind, musst du dir was anderes suchen – sonst kann sich eine große Leere breit machen.. Ich glaube, dass man als junge Frau darauf achten sollte, sich außerhalb der Familie noch etwas zu erarbeiten und sich das zu erhalten, um später darauf zurückgreifen zu können. Ich erlebe bei vielen Freundinnen, dass die natürlich nicht mit 50 Jahren für 6 Euro in der Stunde plötzlich Blumenvasen abwischen wollen. Sie wollen entsprechend ihres Alters und ihrer Erfahrung eingesetzt werden und das ist ja gar nicht so einfach, wenn man aus dem Beruf ausgestiegen ist oder vielleicht nie eine Berufsausbildung abgeschlossen hat.

Es ist demütigend, wenn du auf Geld vom Göttergatten angewiesen bist


Die eigene Autonomie im Fokus zu behalten…

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ich glaube, dass das ganz wichtig ist. Das hat uns unsere Mutter mitgegeben: selbstständig zu sein, um geschützt zu sein. Wenn eine Trennung ansteht oder eine Scheidung, damit du dann nicht dastehst und kein Geld hast. Das ist demütigend, wenn du plötzlich auf der Straße stehst und dir keine Wohnung leisten kannst, weil du kein Einkommen hast und darauf angewiesen bist, dass dein Göttergatte dir ein bisschen Geld überweist.

Themenwechsel: Sie sind ja eine Grazerin, also zumindest in Graz geboren…

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ich bin eine Grazerin!

Der Begriff Heimat hatte lange etwas Schales, Gestriges - heute ist die Debatte rund um Identität wieder neu da. Wie sieht ihr Begriff von Heimat aus, gibt es den für Sie überhaupt?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ja, natürlich gibt es diesen Begriff für mich. Und ich wundere mich , wie intolerant sich viele unserer Mitmenschen diesbezüglich verhalten . Für mich war es als junge Frau schon ein großer Schritt, die österreichische Heimat auszutauschen gegen Norddeutschland, wie ist es erst für einen Syrer oder einen Afghanen, diese Heimat auszutauschen mit unseren mittel/nordeuropäischen Gefilden. Ich glaube, Heimat ist wahnsinnig wichtig, genauso wie die Familie, aus der du kommst, wahnsinnig wichtig ist. Ich habe eine große und ganz tiefe Liebe zu Graz, ich habe sogar ein echtes Grundbedürfnis, Graz was Gutes zu tun (lacht). Oder sollte ich besser sagen: Mir selbst, dadurch, dass ich in Graz bin?? Ich mache zu Pfingsten eine Lesung mit dem Alois Hochstrasser (Samstag, 14. Mai, Grazer Congress und 15 Mai Minoritensaal),der dirigieren wird - ich werde dazu lesen. Es ist schrecklich, wenn Menschen gezwungen werden, das Band in ihre Heimat abzuschneiden oder überhaupt nicht mehr hinkönnen, weil dort Krieg ist.. Für mich ist Heimat wahnsinnig wichtig, mein Mann regt sich immer auf, wenn ich sage, meine Heimat ist Graz und es stimmt auch nicht ganz, denn natürlich ist meine momentane Heimat München und der Süden von Bayern. (grinst). Dort leben wir seit 2001, also schon 15 Jahre, und das sehr gerne!

Steiermark hat den besten Weißwein
der Welt


Vielleicht hat der Begriff Heimat ja auch für mehr Plätze Platz…

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ja, und ich merke ja auch, wie gut es mir tut, wenn ich das wertschätze. Wenn ich sage, das ist einfach mein Ursprung, die Steiermark. Ich komme einfach aus dem Bundesland, wo es Käferbohnensalat gibt und Schilcher und den besten Weißwein der Welt. Und aus dem Land der Sturköpfe, wie ich einen habe!

So, jetzt noch mal zur Romy: Sie sind als beste Schauspielerin nominiert und haben schon gesagt, das freut Sie. Solche Nominierungen sind einerseits eitel, aber eben auch ein Benchmark für die eigene Arbeit. Wie geht es Ihnen mit solchen Nominierungen?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Ich wurde ja noch nicht so oft nominiert, insofern ist es eine Riesenauszeichnung und eine Riesenfreude, Uiii - inwieweit wir „Deutschen“ (in Deutschland Lebenden..) hier überhaupt Chancen haben, das frage ich mich natürlich schon, wo wir hier viel ja doch weniger präsent sind.. Aber ich freue mich total und hab’ natürlich meine Großfamilie verständigt, die bis nach Osttirol hinunter ganz fleißig gevotet hat!.

Was verbinden Sie mit der Namensgeberin der Romy - Romy Schneider?

Aglaia SZYSZKOWITZ: Meine Schwester hatte ein ganz dickes Buch von Romy Schneider, ich komme ja aus einem Vier-Mäderl-Haus und wir haben immer ihre Filme angeschaut, ich mag sie sehr!!! Ich finde es wirklich interessant, wie wenige dieser vielen Schauspielerinnen sich über Jahrzehnte halten und ich glaube, es ist bei ihr immer noch so, dass die jungen (und älteren) Mädchen verzaubert sind, wenn sie sie sehen. Sie war auf ihre Art wirklich einzigartig, auch in ihrer Verletzlichkeit.

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