Den Tod verarbeiten

Die Wienerin Romana Maschek bemalt in Workshops Särge zur Trauerbewältigung und bricht dabei ganz nebenbei mit alten Branchentraditionen. Ein Gespräch über Leben und Tod und warum sie sich bunte Särge für alle wünscht.

Den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten ist schwer. Die gelernte Holzbauingenieurin Romana Maschek will es Angehörigen mit ihrem Sargatelier  im 16. Wiener Gemeindebezirk leichter machen. Seit Anfang des Jahres bietet sie gemeinsam mit Projektpartnerin und Tapeziermeisterin Christine Nenning Workshops an, in denen Angehörige Särge selbst gestalten können. Gemeinsam wird gewerkt, getrauert und im wahrsten Sinne des Wortes „verarbeitet“. Warum das mitunter die beste Trauerarbeit sein kann, hat sie uns im Interview verraten.

WIENERIN: Wie kommt man auf die Idee, Särge zu bemalen?

Romana Maschek: Als ich 2013 meine beiden Eltern auf einmal verloren habe, hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Plötzlich steht man beim Bestatter in einem Raum mit Särgen und alle sind dunkel, braun und unpersönlich. Meine Mutter war zwar gläubig aber ich wusste, diese Särge gefallen ihr nicht. Binnen Sekunden war mir klar – da will ich meine Eltern nicht reinlegen. Das hatte nichts von mir, ich konnte ihnen nichts mehr mitgeben. Danach habe ich recherchiert welche Alternativen es gibt. Überraschenderweise keine, also habe ich die Särge selbst gestaltet.

Meine Eltern haben mir mein erstes Bett gemacht, ich wollte ihnen ihr Letztes machen.

Romana Maschek

Wie hat sich das angefühlt?

Mir hat es irrsinnig gut getan. Haptisches Arbeiten und Gestalten tut gut. Wenn Menschen sterben fühlt man sich machtlos, aber bei der Arbeit ist man nur im Moment. Mir hat das gezeigt ich lebe noch und kann etwas tun, ich kann den Pinsel führen, auf alles andere habe ich keinen Einfluss. Aber ich kann meiner Mutter einen wunderschönen weinroten Sarg mit gelben, von Hand draufgestickten Seidenblumen machen, weil sie diese Farben geliebt hat. Ich dachte die ganze Zeit: Meine Eltern haben mir mein erstes Bett gemacht und ich mache ihnen ihr Letztes. Es war schön zu wissen, mein liebster Mensch kommt in einen Sarg den ich für ihn gemacht habe. Ich möchte Menschen die Möglichkeit geben, das auch zu erleben.

 

Hatte die restliche Familie keine Einwände?

Alle haben gewusst, was ich da mache. Mein Bruder zum Beispiel hat auf seine Art ganz anders getrauert. Aber wir haben als Geschwister zusammengehalten. Ich finde es wichtig zuzulassen, dass jeder Mensch eben anders trauert.

 

Was passiert in so einem Workshop?

Gemeinsam mit Angehörigen malen wir, bespannen mit Stoffen, helfen handwerklich, leiten an, wir sprechen auch über Lieblingsfarben und Kleidungsstücke der Verstorbenen und machen z.B. Kissen aus Lieblingsstücken. Es gibt so viel Gestaltungsmöglichkeit. Meine Mutter hat gerne Kitschromane gelesen, also habe ich ihren Sarg mit ihren Lieblingsbüchern austapeziert. Man kann auch Zeitungen, Notenblätter oder Blumen aus Stoff nehmen. Wir haben eine Riesenauswahl an Stoffmustern und Farben zum Aussuchen. Das sind alles ökologische Lehmfarben und Bio-Stoffe, die können wir alle guten Gewissens eingraben oder verbrennen.  Man kann auch kleine Briefchen ins Kopfkissen einnähen um den Verstorbenen eine persönliche Nachricht mitzugeben. Das hilft den Leuten. Bei uns im Atelier darf alles passieren. Die Leute dürfen weinen, lachen, Pause machen wann auch immer sie eine brauchen. Alles was rauskommt ist ok. Wir geben gerne diesen Raum und diese Zeit, weil ich halt selber weiß wie es sich anfühlt.

 

Woher beziehen Sie die Särge?

Es sind Krematoriumsärge aus unbehandeltem Weichholz die verbrannt oder eingegraben werden können. Um die Zustellung zum Bestattungsinstitut kümmern wir uns natürlich auch.   Bald wird es auch Urnen geben, die gestaltet werden können.

 

Wie lange dauert die Arbeit an einem Sarg?

Der Workshop dauert einen Tag, es wird immer fertig. Das ist aber ganz unterschiedlich, ob wir vollflächig malen oder partiell. 5-6 Stunden im Schnitt. Die Särge kosten zwischen 1.400 und 2.000 Euro, je nach Materialien und Aufwand. Bevor Angehörige  zu uns in einen Workshop kommen gibt es ein Klärungsgespräch. Das ist natürlich alles im Preis inkludiert.

Sargatelier - Christine Nenning (links) und Romana Maschek

Sargatelier - Christine Nenning (links) und Romana Maschek

Macht es sie nicht traurig ständig von Trauernden umgeben zu sein?

Natürlich ist es Schmerz und Verlust, aber um in diesem Bereich zu arbeiten muss man das Leben lieben. Den Angehörigen hilft es ja enorm damit klar zukommen. Wir sind also unterstützend, das ist uns wichtig.

 

Werden Sie für Ihre Arbeit mit Särgen auch kritisiert?

Ja, das gibt es überall, dass die Leute glauben wir sind so überdrüber. Aber das ist doch nur ein Teil eines großen Spektrums, wie man mit einem Verlust umgehen kann. Es ist ein Angebot an Angehörige. Es gibt klassische Trauerarbeit, Gesprächstherapie, Körpertherapie, manche machen alles lieber mit sich alleine aus. Wir arbeiten und gestalten eben mit Trauernden. Ich denke, es sollte jedem freigestellt sein, wie er sich von einem geliebten Menschen verabschieden will.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dass dieser gesamte Prozess beim Bestatter weniger unpersönlich wird. Die Vorbereitung eines Begräbnisses ist ein intimer Prozess und das machen eigentlich wildfremde Menschen. Außerdem würde ich gerne Sozialbegräbnisse und Menschen unterstützen, die sich vielleicht keinen Workshop leisten können. Ganz nach dem Café Sospeso Prinzip. Bei uns heißt das Aufg´schobener. Das bedeutet, wer es sich leisten kann zahlt im Kaffeehaus 2 Tassen obwohl man nur eine trinkt und jemand anderes bekommt dann einen Kaffee gratis. In unserem Fall zahlen vielleicht viele ein paar Leute ein bis zwei Meter Stoff oder ein paar Gläser Farbe mehr, wir berechnen nur die Materialien und dafür geht sich dann ­auch einmal ein Pro-Bono Sarg für Familien aus. Ich möchte den Menschen zeigen, sie sind in ihrer Trauer nicht alleine. Vielleicht manchmal einsam, aber nie allein.

 

 

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