Warum ihr Hannah Gadsbys "Nanette" auf Netflix unbedingt sehen müsst

Gänsehaut, Tränen, Gelächter und Selbsterkenntnis: das Programm der australischen Comedian begeistert die Welt.

Manche Dinge kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Und Hannah Gadsby's Comedy-Show "Nanette" auf Netflix ist definitiv eines davon. Seit Ende Juni sorgt das einstündige Programm für weltweite Begeisterungsstürme, denn es spricht so ziemlich allen aus der Seele, die aus den engen Grenzen der heterosexuellen weißen Männlichkeitsnormalität hinausfallen. Und sich ihre eigene Identität nach Jahren der Diskriminierung und Unterdrückung selbst erst hart aufbauen müssen.

Etwas, das Hannah Gadsby (40) in so präzise Worte fasst, dass es eine sprachlos zurücklässt. Und sie erzählt es aus ihrer eigenen, ganz persönlichen Perspektive. Als lesbische Frau wurde Gadsby in ihrem Herkunftsort Tasmanien nicht akzeptiert. Dort war Homosexualität bis Ende der 90er-Jahre sogar noch illegal. Gadsby erzählt davon, wie Homophobie ihr tägliches Leben begleitete, und wie sie versuchte, der traumatisierenden Realität mit Humor zu entfliehen. Etwas, das sie heute bereut - denn diese Witze gingen meist auf Kosten ihrer Selbstwürde.

"Wisst ihr, was Selbstironie bedeutet, wenn es von jemandem kommt, der ohnehin schon an den Rändern existiert? Es ist nicht Demut, es ist Demütigung. Ich setze mich selbst herab, um zu sprechen, um die Erlaubnis zu bekommen, zu sprechen. Und ich werde das einfach nicht mehr machen. Nicht mit mir, und nicht mit irgendwem sonst, der sich mit mir identifiziert. Wenn das bedeutet, dass meine Comedy-Karriere vorbei ist, dann soll es so sein."

Hannah Gadsby

Solche Sätze bleiben hängen - ebenso wie die Stimmung, die Gadsby beim Publikum im Sydney Opera House erzeugt. Sie wechselt zwischen Witz, Wut, traumatischen Erlebnissen und klugen Pointen. Sie kritisiert die patriarchale Gesellschaft, thematisiert #metoo ebenso wie psychische Erkrankungen und spricht als gelernte Kunsthistorikerin auch über den männlichen Blick in der Kunst. 

Als Überlende von sexuellem Missbrauch sagt sie: "Es gibt nichts Stärkeres als eine Frau, die sich wieder aufgebaut hat." Sie kritisiert, dass Sensibilität in unserer Gesellschaft als etwas Schlechtes angesehen wird, jedoch das Wichtigste ist, das einen Menschen ausmacht.

"Machtlos gemacht zu werden, zerstört nicht deine Menschlichkeit. Die einzigen Menschen, die ihre Menschlichkeit verlieren, sind jene, die glauben, dass sie das Recht haben, andere machtlos zu machen. Sie sind schwach. Zu sinken und nicht daran zu zerbrechen, das ist unglaubliche Stärke."

Hannah Gadsby

Weltweiter Jubel mit traurigem Beigeschmack

Und sie ist - zurecht - wütend. Denn nach einem Leben voller Traumata und Missbrauch will sie nicht mehr gefallen. Sie will ihre Geschichte erzählen. Und diese, ihre letzte Stand-up-Show, wird gerade weltweit bejubelt - denn es ist die Geschichte von vielen. "Wir müssen uns nicht für unsere Geschichten schämen", so Gadsby. "Denn unsere Geschichten sind mächtig."

 

 

Auch die mediale Resonanz ist enorm. Das deutsche "Zeit"-Magazin schreibt etwa, es sei das "beste Comedyprogramm aller Zeiten". Denn es stellt den Beruf an sich infrage. Stellt infrage, ob wir Witze auf jedermann und -fraus Kosten machen sollten. Gadsbys Antwort ist klar: sollten wir nicht. Denn nicht jeder und nicht jede kann in diesem System angstfrei leben, Witze existieren nicht im luftleeren Raum. Sie sind, genauso wie unsere Existenz, an Bedingungen geknüpft. Und diese Bedingungen werden in einem männlichen, weißen, heterosexuellen System gemacht, und davon bestimmt. 

Oder um es in Gadsbys Worten zu sagen: "Es ist gefährlich, anders zu sein."

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