Stefanie Sargnagel: "Ich mag halt das Derbe in der Sprache, ist einfach witziger"

Auf einen Spritzer mit Stefanie Sargnagel, der Unkorrekten: Über Gemeinsamkeiten (oder auch nicht) mit Lisa Eckhart und gestohlene Witze.

Stefanie Sargnagel grinsend vor einem Glas Spritzwein

Im Café Weidinger am Wiener Gürtel kommen die Spritzer noch in alten Gläsern daher und im Hinterzimmer spielen immer ein paar Senioren Karten. Für Autorin und Humoristin Stefanie Sargnagel ist es der perfekte Raum zum Arbeiten, weil "es kein WLAN gibt". Ihr aktuelles Buch Dicht: Aufzeichnungen einer Tagediebin (Rowohlt, € 20,60) musste sie aber trotzdem großteils woanders schreiben, weil im Lockdown halt auch das Weidinger zu hatte. Wir treffen Steffi gut gelaunt zur perfekten Spritzerzeit (19 Uhr) und starten mit einem Rückblick auf den Satireskandal des Sommers: Lisa Eckhart. Danach geht's um Morddrohungen, die Lust an verhatschter Sprache - und die Frage, warum sie von Michi, dem schrulligen Alkoholiker, so viel gelernt hat.

WIENERIN: Mit der Kabarettistin Lisa Eckhart verbindet dich nicht viel - außer ein Witz, den sie dir mal geklaut hat: "Fast Food: Das ist keine Ernährung, sondern Ritzen von innen." Willst du ihn zurück?

Stefanie Sargnagel: Nein. Ich hab überlegt, ob ich das posten soll, aber irgendwann fand ich das doch lustig, zu sagen, sie hat einen lustigen Witz, nämlich meinen. Tatsächlich glaube ich aber nicht, dass ihr das bewusst passiert ist.

Im Sommer gab es einen "Freiheit der Kunst"-Skandal um Lisa Eckhart, nachdem sie bei einem Festival nach angedrohten Protesten von links ausgeladen worden war. Wie hast du das erlebt?

Es wurde zu einer Scheindebatte, wo es plötzlich hieß: Künstlerinnen, die in ihrem Witz etwas konservativer sind, können nicht mehr auftreten, denn dann kommt der linke Mob und bringt sie um. Dabei gab es nicht mal einen angekündigten Protest. Es gab lediglich einen Veranstalter, der sich in eine komische Rolle begeben hat.

Lisa Eckhart und du, ihr seid beide Kabarettistinnen, die sich über Kunstfiguren ausdrücken und gerne provozieren - das war's aber mit den Gemeinsamkeiten, oder?

Na ja, ich bin jetzt kein Fan. Ich mag das Formale nicht, sondern Reduktion und Understatement oder verhatschte Sachen, lakonische Sprache. Ich mag das Derbe in der Sprache, ist einfach witziger. Mit einem naiven Ton kann man subversiver arbeiten, weil die Leute selber mitdenken müssen. Im Gegensatz dazu spricht mich diese mit Stilmitteln vollgestopfte Sprache überhaupt nicht an. Ist für mich wie Kosmetik, die vom Inhalt ablenken soll.

Barbara Haas und Stefanie Sargnagel beim Interview im Café Weidinger

Frauen im Kabarett als Projektionsfläche, das kennst du aber sicher auch. Kriegst du oft Morddrohungen?

Ab wann ist es denn eine Morddrohung? Wenn jemand schreibt "Die Oide g'hört am nächsten Baum aufg' hängt!" - ist das schon eine Morddrohung? Für mich ist es erst eine, wenn mir jemand schreibt: "I woat auf di und drah di haam!" Das andere fühlt sich für mich wie ein urgrindiger Typ an, der halt Aggressionen hat. Es ist beides ungut und niemand sollte so was kriegen, aber ich fühl mich nicht arg bedroht.

Welche Rolle spielt Sexismus dabei?

Die Kritik ist extrem sexualisiert, es geht viel ums Aussehen und ich werde auf den Körper reduziert. Ich hab aber das Gefühl, dass generell Frauen mehr aufregen und du als Frau leichter als provokativ giltst, auch wenn du nur ganz normale Sachen machst, etwa eine Flasche Bier trinken. An sich sind es jetzt nicht mehr so viele Drohungen; ich denke, das hat damit zu tun, dass die FPÖ so im Oasch ist, da gibt es grad nicht mehr so viele Ressourcen.

Dein neues Buch heißt Dicht und erscheint am 13. Oktober. Es geht darin um deinen Freund Michi - wer war er für dich?

Der Michi war ein schrulliger Alkoholiker aus dem 18. Bezirk, den haben wir so mit 15,16 kennengelernt. Wir waren urviele Währinger Jugendliche, die jeden Tag in seiner 30-Quadratmeter-Wohnung abgehangen sind. Er hat mich geprägt: Er war neben der Gesellschaft, hat nie was gearbeitet, aber eigentlich war er wahnsinnig lustig und sprachgewandt und poetisch. Ich sehe in alten Blogaufzeichnungen, dass ich, sobald ich ihn kennengelernt hatte, ganz anders begonnen habe, zu formulieren. Er hatte zudem so eine lustige Wurschtigkeit.

Ist dir davon was geblieben?

Ja, schon. So eine spielerische Sicht auf die Welt. Und wie man nur durch Beobachtungen irgendwie sehr alltagskreativ sein kann.

"Dicht" kann man ja vielfältig interpretieren -geht's denn auch um Rausch?

Ja, natürlich geht's um Rauschmittelkonsum, aber auch um die Jugendzeit. Wenn man der Typ ist, der herumstrawanzt, dann ist man auch sehr aufgeschlossen, und so erlebt man in dieser Zeit sehr, sehr viel.

 

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