So schädlich ist das Gerede über die "perfekte Bikinifigur" wirklich

Superschlank, superstraff, superproportioniert? Für viele Frauen ist der Sommer eine Zeit, in der sie noch kritischer als sonst auf ihren Körper schauen.

Das erste Mal im Jahr im Freibad und die Gedanken drehen sich um diese Fragen: ist alles glatt rasiert, wie verstecke ich meinen Bauchspeck, sieht man meine Cellulite, warum ist mein Busen zu klein/zu groß, wie gehe ich an der Männergruppe vorbei, ohne blöde Kommentare abzukriegen?

Das Thema Bikinifigur ist in den Köpfen vieler Frauen leider noch immer viel zu präsent. Medien und Gesellschaft tun nämlich ihr Bestes, um Frauen einzureden, wie sie auszusehen haben.

Und das kann dramatische Folgen haben. Wir haben mit der Psychologin und Psychotherapeutin Katharina Oppolzer über die gesundheitlichen Folgen dieses Schönheitswahns auf Frauen geredet.

Wie schädlich ist das Gerede über Bikinifigur & Co. für die psychische/körperliche Gesundheit junger Frauen?

MMag. Oppolzer: Mit Bikini im Freibad oder am Strand – das ähnelt für immer mehr junge Frauen eher dem psychischen Stress am Catwalk als dem Chillen in der Sonne. Im Badeoutfit wird auch die kleinste Abweichung vom aktuellen Schönheitsideal für alle sichtbar. "Bikinifigur" heißt ja superschlank, superstraff und superproportioniert zu sein – ein Ideal, dem kaum eine Frau von Natur aus entspricht.

Für viele junge Frauen ist der Sommer daher eine Zeit, in der sie noch kritischer als sonst auf ihren Körper schauen, in der die subjektive Zufriedenheit mit dem eigenen Körper sinkt und in der Diäten und Training plötzlich notwendig erscheinen. Der Gesundheit tut dies in den wenigsten Fällen gut – nämlich nur dann, wenn eine Ernährungsumstellung aus medizinischen Gründen angeraten ist. Ansonsten führt der dauernde Vergleich des eigenen Äußeren mit einem unerreichbaren Ideal ausschließlich zu vermindertem Selbstwertgefühl und unnötigem Stress.

Warum entwickeln immer mehr Menschen Essstörungen?

MMag. Oppolzer: An allererster Stelle ist hier – wen wundert es? – das aktuelle Schönheitsideal zu nennen, also für Frauen das Aussehen eines ganz jungen Mädchens: sehr schlank, tendenziell muskulös, lange Beine, straffe Haut, fester Busen – unter Umständen fast androgyn, sicherlich aber nicht kurvig, weich und ausladend. Diesem Ideal entspricht frau von Natur aus nur sehr kurz in ihrem Leben – oder unter Dauer-Diät und -Training.

Kombiniert mit einem Überangebot an ständig verfügbarem Essen, einer Kultur der permanenten Selbstdarstellung in den Neuen Medien und der Illusion der Mach- und Formbarkeit der eigenen Erscheinung ist das oben umrissene Ideal für immer mehr junge Frauen - und Männer! - Auslöser für ein zunehmend gestörtes Essverhalten.

"Bikinifigur" heißt ja superschlank, superstraff und superproportioniert zu sein – ein Ideal, dem kaum eine Frau von Natur aus entspricht.
von Katharina Oppolzer, Psychologin

Welche frühen Anzeichen für ein gestörtes Essverhalten gibt es?

MMag. Oppolzer: Zu den frühen Anzeichen zählen neben einem plötzlichen Interesse an Nährwerten, Diäten und dem eigenen Gewicht auch die Verweigerung bestimmter Nahrungsmittel (z.B. Zucker oder Kohlenhydrate). Auch unspezifische Symptome, für die es keine medizinische Erklärung gibt, können ein Hinweis sein, wie z.B. Bauchschmerzen, Verdauungsbeschwerden oder Übelkeit, die dazu führen, dass die Betroffenen nicht essen "können".

Woran erkennen Angehörige, dass Betroffene krank sind?

MMag. Oppolzer: Aufmerksam machen sollte eine vermehrte, kritische Beschäftigung mit der eigenen Figur und mit Essen im Allgemeinen. Auch ein plötzlich verändertes Essverhalten (z.B. Diäten, das Auslassen von bestimmten Mahlzeiten, das Vermeiden von gemeinsamer Nahrungsaufnahme, z.B. beim Abendessen mit der Familie), der Gang auf die Toilette unmittelbar nach dem Essen und natürlich auch ein stetiger Gewichtsverlust, der den Betroffenen im Unterschied zur Außenwelt noch immer nicht weitreichend genug erscheint, können Zugangshinweise sein und sollten beobachtet und ernst genommen werden.

Wichtig zu wissen ist, dass manche Essstörungen, wie z.B. Bulimie, nicht mit einem übermäßigen Gewichtsverlust einhergehen und daher von Angehörigen schwerer zu erkennen sind. Hier fallen eher die großen Mengen an Nahrungsmitteln auf, die zuerst verschlungen und dann wieder erbrochen werden. Mit Fortbestehen der Störung treten auch die Nebenwirkungen des Erbrechens in den Vordergrund, z.B. Zahnschmelzschäden oder Beschwerden im Verdauungstrakt.

Für viele junge Frauen ist der Sommer daher eine Zeit, in der sie noch kritischer als sonst auf ihren Körper schauen.
von Katharina Oppolzer, Psychologin

Mit welchen anderen psychischen Krankheiten treten Essstörungen gemeinsam auf?

MMag. Oppolzer: Essstörungen zählen zu den Erkrankungen, die besonders oft zusammen mit anderen psychischen Störungen auftreten, insbesondere mit Depressionen, Zwangs- oder Angststörungen. Aber auch Kombinationen mit Persönlichkeitsstörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen kommen vor.

Ist es schon krankhaft, sich zu stark mit gesundem Essen zu beschäftigen?

MMag. Oppolzer: Für die zwanghafte Beschäftigung mit gesundem Essen gibt es seit 1997 einen eigenen Fachbegriff, nämlich die "Orthorexia nervosa". Ob eine Person psychisch krank ist, die sich unter allen Umständen z.B. laktosefrei, glutenfrei, rein biologisch-dynamisch oder frutarisch ernähren will und dafür massive Einschränkungen in Kauf nimmt bzw. viel Energie darauf verwendet, die als einzig richtig erkannte Ernährungsweise konsequent umzusetzen, kann wohl nur im Einzelfall beantwortet werden. Unter Fachleuten ist umstritten, ob es sich bei der Orthorexie wirklich um eine klinische Erkrankung handelt – und auch Betroffene sehen sich keineswegs als krank, schließlich ernähren sie sich ja besonders gesund. Klar ist aber, dass eine zwanghaft-rigide Einstellung zum Essen die Vorstufe zu einer Essstörung sein oder ihr nachfolgen kann.

Zur Person

MMag. Katharina Oppolzer ist Psychologin und Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision.

Hier kannst du dir Hilfe holen

Auf der Plattform www.bestHELP.at gibt es eine Vielzahl an ExpertInnenen, die sich auf das Thema Essstörungen spezialisiert haben und bei einer Online-Anfrage unverbindlich,anonym und kompetent Antworten und/oder Kontakte weitergeben können.

Hotline für Essstörungen

Die Essstörungs-Hotline 0800 20 11 20 ist eine niederschwellige, anonyme und kostenlose Telefonberatungsstelle, die jeden Werktag von Montag bis Donnerstag von 12 – 17 Uhr erreicht werden kann.

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