Selbstfindung

Warum haben heute immer mehr Menschen das Gefühl, ihr Leben sei furchtbar vernünftig und es fehle ihnen an Leichtigkeit, Ungezwungenheit?

Florian Fossel: Wir leben in einer Zeit, die uns zunehmend reglementiert: Man sagt uns, dass wir nicht ungesund leben dürfen, wir sollen nicht rauchen, nicht zu fett essen, wir müssen unseren Körper optimieren. Essen und Fitness sind längst auch dem Leistungsprinzip unterworfen und zur Mode oder Pflicht geworden. Letztens las ich eine Meldung, dass in England ein Bub von der Schule geflogen ist, weil seine Mutter ihm immer wieder Käsecracker mit in die Schule gegeben hat statt den geforderten gesunden Imbiss. Zusätzlich wird jedes Wort, jede Bewegung von uns aufgezeichnet und ausgewertet. All diese Einschränkungen und Vorgaben entmündigen die Gesellschaft. Seltsamerweise gibt es dagegen kaum Aufbegehren.


Das menschliche Hamsterrad.

Oje, schon beim Zuhören fühlen wir uns wie im Hamsterrad ...

Florian Fossel: Eben, dabei sind wir nicht dafür gemacht, permanent nur unsere Leistung zu steigern. Wir brauchen Zeit, um zu leben, zu genießen. Zeit, in der wir uns frei von Zwängen, Schuld und Ängsten ungestraft der Lust und Sinnlichkeit hingeben dürfen. Die Welt dreht sich auch ohne uns weiter. Es gibt einen alten Zen-Spruch, der das ganz gut beschreibt: "Sitting quietly, doing nothing. Spring comes, and the grass grows, by itself".

Kann man erkennen, ob und wann man ein bissl mehr Leichtigkeit im Leben braucht?

Florian Fossel: Für ein halbwegs zufriedenes Leben braucht es Liebes-, Arbeits- und Genussfähigkeit. Sollten wir feststellen, dass wir in einer oder mehreren dieser Eigenschaften gehemmt sind, werden wir merken,
dass etwas im Leben fehlt. Sind wir fähig in eine liebevolle Beziehung zu treten, ein ehrliches Interesse am anderen zu zeigen? Erleben wir den Job als persönlich befriedigende Leistung. Funktionieren wir also nicht einfach nur? Können wir auch andere kleine und große Freuden der Welt wirklich genießen? Haben wir Spaß am Leben?

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Wie lassen wir mal die Zügel locker?

Florian Fossel: Freiräume müssen wir in uns selbst schaffen: Wenn wir lernen, uns selbst zu lieben und anzunehmen, wird es uns einfacher fallen, die Anforderungen der Realität mit den inneren Bedürfnissen zu vereinen. Manchmal hemmt uns eine innere Bremse - wir projizieren teils unbewusste Zwänge und Ängste nach außen. Dann ist etwa gar nicht der Job "schuld" daran, dass man nicht entspannen kann, sondern die Ansprüche, die wir an uns selbst stellen. Wer Freiräume will, muss sich Zeit nehmen, in sich hineinhören und sich fragen: "Will ich das, was ich da mache, wirklich? Lebe ich meine Bedürfnisse, oder erfülle ich nur die Vorstellung anderer?" Je besser wir uns selbst verstehen, unsere Ängste, Motive und Bedürfnisse, umso mehr wird es uns möglich sein, ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu führen.

Mehr Spaß zu haben liegt allein in unserer Hand?

Florian Fossel: Ja, es liegt an einem selbst, wie man mit selbstauferlegten und äußeren Zwängen umgeht. Vielleicht könnte man statt "ausbrechen" auch "zu sich kommen" sagen. Zeitweise kann es auch genau das Gegenteil sein: ein Wegkommen von den strengen Anforderungen des eigenen Über-Ichs. Letztlich ist jedes Ausbrechen - ob Reisen, Partys, Job-Auszeiten - eine Suche nach sich selbst. Gut, manch einer hat die Fantasie, er suche und finde etwa auf Reisen die Erleuchtung. Doch da muss man bescheidener sein. Es geht einfach ums Sein und darum, menschliche Bedürfnisse zuzulassen. Oder wie Helge Schneider meint: "Ein bisschen mehr Spaß an der Freud."

Auszubrechen oder, wie Sie es nennen, "Freiräume" zu suchen, ist per se gut - und keine Flucht?

Florian Fossel: So ein Ausbruch ist nicht negativ, sondern kann sehr reinigend sein. Es stimmt ja, dass uns die täglichen Herausforderungen sowie die oft überbordenden Selbstansprüche oft sehr einengen. Selten bleibt Platz für Gefühle und Bedürfnisse. Deshalb ist so ein Ausbruch, bei dem Emotionen und Triebe freigesetzt werden, wo aber auch Raum für Stille und Lebenslust geschaffen wird, sehr
heilsam. Wie groß der Ausbruch sein muss, ist individuell: ob lange Reisen, der Rausch am Wochenende oder auch nur Zeit für ein Buch.

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Apropos Rausch: Spaßhaben und Maßlossein haben nicht gerade ein gutes Image in der Gesellschaft ...

Florian Fossel: Weil es Neid erzeugt, andere beim Spaßhaben zu beobachten.Die haben etwas, was ich bei mir nicht zulasse,die gönnen sich etwas, was ich auch gerne hätte, mir aber nicht zugestehe. Menschen, die sich dem Spaß hingeben,wird Verantwortungslosigkeit zugeschrieben. Das sind Regelbrecher, die einfach machen, was sie wollen, anstatt zu leiden wie ich. Man muss den Spaß der anderen entwerten, um die eigene Sehnsucht danach nicht zu stark zu spüren bzw. um sie verleugnen zu können. So entsteht auch eine Über-Moral, wie sie von manchen Institutionen gepredigt wird, die höhere Werte und Ziele vor den Genuss des Lebens stellen. Umgekehrt erzeugt es aus denselben Gründen Schuldgefühle, wenn wir uns ungebremst dem Genuss hingeben. Doch wie sang Nina Hagen: "Wenn du scharf bist, musst du rangehen!" Das Leben ist ganz einfach jetzt und will in vollem Umfang gelebt werden - und nicht in einer fantasierten Vorstellung, in der alles passt, wie man es sich ausmalt. Die Frage ist nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, sondern: Gibt es ein Leben vor dem Tod ...? Viele verpassen es im Zuge der Sachzwänge.

Das heißt: Jede(r) von uns sollte immer wieder kleine Ausbrüche wagen? Oder ist es auch okay, wenn man auf diese "guilty pleasures" verzichtet?

Florian Fossel: Selbstverständlich brauchen wir verschiedene Pleasures, wir sollen das Leben ja auch genießen. Es wäre schön, wenn wir diesen Genuss ohne guilt, ohne Schuld, genießen könnten. Aber genauso okay ist es, ein vernünftiges, geordnetes Leben zu führen. Das ist kein Widerspruch: Den täglichen Verantwortungen des Lebens als soziale Wesen nachzukommen, sollte im besten Fall auch als pleasure wahrgenommen werden. Und man muss sich nicht zwingen, ständig auszubrechen - die Gründe dafür sollten einem schon bewusst sein. Ständig den Ausbruch zu suchen, wird sonst zu einem Zwang, so wie jener, im Betrieb täglich die Leistung zu steigern.

Und was tun gegen das schlechte Gewissen, bei womöglich zu viel Spaß an der Freud?

Florian Fossel: Nachsicht haben mit sich selbst, auch die mütterliche, gewährende Seite in sich selbst zulassen. Und vielleicht noch ein Glas Champagner bestellen, das Über-Ich ist ja bekanntlich alkohollöslich und der Genuss soll ohne schlechtes Gewissen zelebriert werden.

 

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