"Psychische Erkrankungen sind keine Schande"

Anlässlich des Weltsuizidpräventionstag am 10. September appellierte Christa Rados, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychosomatik (ÖGPP), das Thema zu enttabuisieren.

Wie groß das Problem der Suizide in Österreich eigentlich ist, zeigt eine Gegenüberstellung mit der Entwicklung bei den Verkehrstoten. Zu Beginn der 1970er-Jahre war laut Gesundheitsministerium die Zahl an Verkehrsopfern mit 2.675 noch deutlich höher als jene der Suizide mit 1.789. Durch Bewusstseinsbildung und Verbesserung der Verkehrssicherheit wurden die Straßen immer sicherer, entsprechend entwickelte sich die Opferbilanz. Seit Mitte der 1980er-Jahre wurden bereits weniger Verkehrstote als Selbstmorde verzeichnet. Im Jahr 2015 war das Verhältnis deutlich umgekehrt: Es gab mit 1.251 Suiziden bereits rund dreimal so viele Suizide wie Verkehrstote (475 Personen).

"Leider sind Psychopharmaka nach wie vor mit Vorurteilen besetzt"


"Das Thema Suizid und psychische Erkrankungen im Allgemeinen müssen dringend enttabuisiert werden", sagte Rados gegenüber der APA. Im Gegensatz zu körperlichen Gebrechen, seien psychische Störungen oftmals noch mit einem Stigma versehen. Suiziden würden etwa oft schwere Depressionen vorausgehen, die in der Regel sehr gut psychiatrisch behandelt werden könnten. Neben einer Psychotherapie unterstrich Rados dabei auch die Wichtigkeit von Antidepressiva. "Leider sind Psychopharmaka nach wie vor mit Vorurteilen besetzt, dabei können Antidepressiva im Falle von Suizidalität Leben retten", sagte die Medizinerin.

Zentral ist die unaufgeregte Aufklärung der Bevölkerung. Medien sind aufgrund des sogenannten Werther-Effekts (Zunahme von Selbstmorden nach einer Berichterstattung, Anm.) bei Suiziden sehr zurückhaltend. Dies trug Rados zufolge aber möglicherweise dazu bei, dass das Thema völlig verdrängt wurde. Der Werther-Effekt tritt der Psychiaterin zufolge vor allem bei sensationsträchtigen und emotionalisierten Meldungen - etwa nach einem Freitod eines Prominenten - auf. Sachliche Berichte mit Lösungsvorschlägen seien hingegen extrem hilfreich für Menschen mit psychischen Problemen sowie deren Angehörige.

"Suizidalität entwickelt sich oft über längere Zeit"


Aufklärung ist auch ein zentraler Punkt, um Selbstmorde zu verhindern. "Suizidalität ist kein statischer Zustand, sondern entwickelt sich oft über längere Zeit", sagte Rados. Die Betroffenen pendeln dabei zwischen Am-Leben-Bleiben-Wollen und einem extremem Todeswunsch. Wird der Prozess rechtzeitig erkannt, sind die Behandlungschancen sehr gut.

Enge Angehörige sollten bei seelischer Verstimmung einfühlsam das Gespräch mit dem Betroffenen suchen - und bei Unsicherheit lieber einmal zu viel als zu wenig professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Feuer am Dach ist spätestens, wenn der Betroffene Selbstmordabsichten äußert. Das Gerücht, demzufolge "angekündigte Selbstmorde nicht stattfinden", ist kompletter Unsinn. "Ganz im Gegenteil, dann hat sich der Betroffene bereits längere Zeit damit beschäftigt", warnte Rados. Hier sollte umgehend bei einer Kriseninterventionsstelle Hilfe gesucht werden.

 

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