Lena Schaur liegt mit dem Rücken auf einem Sofa, mit einer Gitarre in der Hand und dem Kopf nach unten hängend und sieht direkt in die Kamera

Newcomerin Lena Schaur über den ESC-Vorentscheid und ihre Pläne danach

Wie der zweite Platz zum Startschuss wird

5 Min.

© Sigrid Seicht

Ein Auftritt, ein Song, ein Millionenpublikum: Beim österreichischen ESC-Vorentscheid wird es am Ende Platz zwei für Lena Schaur. Für die 23-jährige Musikerin aus Tirol fühlt sich das trotzdem weniger wie ein knapp verpasstes Ziel an als ein Startschuss. Ihr Song „Painted Reality“ trifft dabei einen Nerv. Darin geht es um die Version von uns, die wir nach außen zeigen, und jene, die wir lieber verstecken.

„Nach außen wirkt es oft so, als wäre man immer stark und laufe alles perfekt“, sagt Lena Schaur. „Aber innerlich kann es ganz anders aussehen.“ Vielleicht passt das gerade deshalb so gut in eine Zeit, in der alles gleichzeitig sichtbar und inszeniert wirkt. Sie selbst versucht, sich davon nicht zu sehr treiben zu lassen. Authentisch bleiben, sagt sie, sei wichtiger als makellos zu wirken. Im Gespräch erzählt sie, warum große Bühnen manchmal weniger nervös machen als intime Shows, weshalb Musik für sie immer auch ein Verarbeitungsprozess ist und warum es gerade in der Popwelt Mut braucht, nicht perfekt zu sein.

Lena Schaur singt auf der Bühne
© Fabio Peterle

Lena Schaur im Interview

Der ESC-Vorentscheid war für viele Ihr großer Moment. Wie hat sich dieser Abend für Sie auf der Bühne wirklich angefühlt?

Lena Schaur: Es war unglaublich aufregend. Ich war ja mit meiner Band dort, und wir hatten einfach eine richtig gute Zeit zusammen. Die Bühne war mega cool, wir haben den Moment sehr genossen. Natürlich waren wir auch unglaublich stolz über die zwölf Punkte von der Jury.

Sie wirken auf der Bühne extrem souverän – gleichzeitig beschreiben Sie sich selbst als sensibel und selbstkritisch. Wie gehen diese zwei Seiten bei Ihnen zusammen?

Ich glaube, das ist ganz normal. Jeder Mensch hat verschiedene Seiten in sich. Auf der Bühne fühle ich mich tatsächlich sehr selbstsicher – das ist nicht gespielt. Aber natürlich gibt es auch Momente, in denen ich mich unsicher fühle, vor allem wenn ich ins Grübeln komme. Ich glaube, beides darf einfach da sein.

Und was passiert, wenn der ganze Trubel vorbei ist? Wie haben sich die Tage und Wochen danach für Sie angefühlt?

Im Moment ist auf jeden Fall viel los. Ich war bei den Amadeus Awards eingeladen, und ansonsten stehen viele Interviews sowie Radio- und TV-Termine an. Gleichzeitig arbeiten wir schon wieder an neuer Musik und schauen, dass bald etwas Neues erscheint. Es geht also eigentlich gleich weiter.

„Painted Reality“ handelt davon, wie sehr wir versuchen, nach außen perfekt zu wirken. Hat sich Ihr Blick auf Social Media verändert, seit Sie selbst stärker in der Öffentlichkeit stehen?

Nach außen wirkt es oft so, als wäre man immer stark und laufe alles perfekt. Aber innerlich kann es ganz anders aussehen. Genau das wollte ich mit dem Song auch ausdrücken. Mir hat die Musik sehr geholfen zu verstehen, dass man nicht immer perfekt sein muss. Jeder Mensch hat Makel, und genau die machen uns auch aus. Natürlich lebt die Musikwelt auch von Glamour, aber ich versuche einfach, authentisch zu bleiben. Viele Menschen sehnen sich nach Echtheit. Gerade durch Social Media und auch durch Themen wie KI merkt man, dass Authentizität immer wichtiger wird. Am Ende macht uns genau das menschlich.

War es schwierig, mit so einem persönlichen Thema auf eine so große Bühne zu gehen?

Nein, schwierig würde ich nicht sagen. Ich habe inzwischen kein Problem mehr damit, Verletzlichkeit zu zeigen. Ich glaube, das gehört zur Kunst einfach dazu. Künstlerinnen und Künstler schreiben oft über sehr persönliche Dinge, und dadurch wird diese Verletzlichkeit am Ende eher zu einer Stärke.

Sie haben sich viele Instrumente und auch das Singen selbst beigebracht. Glauben Sie, dass genau dieses Autodidaktische heute Ihren Sound prägt?

Ja, das glaube ich schon. Vieles, was ich mache, passiert sehr intuitiv. Ich habe mir das Singen selbst beigebracht und hatte dabei immer ein Gefühl dafür, wohin ich musikalisch will. Dadurch versucht man auch weniger, etwas nachzumachen, sondern entwickelt eher seinen eigenen Stil.

Live zu spielen scheint ein großer Teil Ihres Lebens zu sein – von Hotel-Gigs bis zu Festivalbühnen vor zehntausend Menschen. Was lernt man über sich selbst, wenn man so unterschiedliche Publikumssituationen erlebt?

Ich finde, genau daraus lernt man am meisten. Man erlebt ganz verschiedene Publikumssituationen. Ich war zum Beispiel auch mit Josh. auf Tour, und jeden Abend war die Crowd anders. In einem Hotel spielt man eher im Hintergrund, in Madrid stand man komplett im Mittelpunkt. Diese Unterschiede helfen sehr, ein Gefühl dafür zu entwickeln.

Was macht Sie heute nervöser: ein riesiges Publikum oder ein ganz intimer Raum, in dem wirklich jeder zuhört?

Ganz klar kleinere, intime Shows. Viele Künstler:innen können das wahrscheinlich nachvollziehen. Wenn die Leute so nah sind und man die Gesichter direkt sieht, fühlt sich das manchmal sogar intensiver an als eine riesige Bühne.

Sie kommen aus Tirol, schreiben englischsprachige Songs und stehen plötzlich auf internationalen Bühnen. Fühlen Sie sich noch stark lokal verwurzelt oder gedanklich schon unterwegs Richtung Weltkarriere?

Ich bin auf jeden Fall sehr lokal verwurzelt. Tirol ist meine Heimat und wird das auch immer bleiben. Gleichzeitig denke ich natürlich auch international. Gerade weil ich auf Englisch schreibe, liegt dieser Gedanke nahe. Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich diese Offenheit bewahrt.

Viele Menschen haben Sie jetzt erstmals entdeckt. Was möchten Sie als Nächstes zeigen, das man von Lena Schaur vielleicht noch nicht kennt?

Auf jeden Fall neue Musik. Und natürlich viele neue Live-Shows. Der musikalische Faden, den ich mit „Painted Reality“ begonnen habe, wird sich weiterziehen. Es wird also nicht komplett etwas Neues, sondern eher eine Weiterentwicklung in diese Richtung.

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