Olivia Peter: Bitte keine Spielchen!

Ich kann mich nicht erinnern, je so viele Spiele gespielt zu haben wie im vergangenen Jahr. Damit bin ich vermutlich nicht allein. Mit meiner Verachtung für Spielanleitungen wohl auch nicht.

Olivia Peter Kolumne: Bitte keine Spielchen!

Gummihüpfen. Radfahren. Als imaginäres Pferd einen Parcours entlang galoppieren. Das waren in Kindertagen die Lieblingsspiele von Schwester und mir. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Es waren ihre Lieblingsspiele. Aber als kleine Schwester hatte ich nichts zu melden, sondern war wahlweise Pferd, Gummibandhalterin oder Radständer. Dass sich meine gesamte Familie um den Esstisch versammelte, um Brett-oder Kartenspiele zu spielen, hatte eher Seltenheitswert. Das wiederum war mehr meine Schuld als die meiner Schwester.

Warum? Weil ich ein typisches Kind war. Eines, das mit Verve das gesamte Spielfeld vom Tisch fegte, sobald es im Begriff war, zu verlieren. Ich weiß, kein sonderlich liebenswerter Charakterzug. Macht es irgendwas besser, wenn ich sage, dass ich das nicht immer gemacht habe?! Manchmal habe ich auch einfach nur geheult, geschmollt oder bin wortlos in mein Zimmer gestürmt. Geschummelt hätte ich gern - es scheiterte am Talent.

Wer braucht schon eine Spielanleitung?

Mit dem Alter hat sich das mit dem Verlieren gebessert. Deutlich gebessert. Das mit dem Schummeln übrigens auch. Ich würde mich mittlerweile als leidenschaftslos bezeichnen. Nicht im Leben, aber beim Verlieren eines Spiels. Wobei: Kommt darauf an, welches. Bei Wissensspielen zu verlieren schmerzt noch immer. Wenn ich bei Activity verliere, ist der*die Spielpartner*in schuld. Denn dieses Spiel wurde für meine (drei) Talente erfunden: Reden? Kann ich. Zeichnen? Kann ich. Pantomime? Ich bin in meinem Element! Aber bei allem anderen? Leidenschaftslos.

Dennoch gibt es eine Sache, eine einzige, die mich wahnsinnig macht. Wirklich wahnsinnig. Wenn man von mir verlangt, ein neues Spiel zu erlernen. Noch schlimmer: Wenn ich dafür - on top - eine Spielanleitung lesen oder aktiv beim Vorlesen selbiger zuhören muss. Das ist wie beim Kochen: Hat das Rezept mehr als fünf Zutaten? Dann koche ich es nicht! Ist ein Spiel komplexer als Mau Mau, Uno oder Fang den Hut? Dann spiele ich es nicht!

Game Over

Da habe ich die Rechnung aber ohne meine Nichten gemacht. Mehr Brettspiele in den Zimmern als Bücher. Die Spielesammlung wächst mit jedem Geburtstag - die Ansprüche an ihre Spielpartner*innen ebenfalls. Wir sitzen in familiärer Runde. Man versucht sich an einem neuen Spiel. Wir lesen geduldig die Spielanleitung. Na ja, die Große liest. Ich singe im Kopf: "Lalalala. Fad. Fad. Fad." Mache, was ich bei solchen Gelegenheiten immer mache: Ich werfe ein fideles "Fangen wir doch einfach mal an!" in den Raum.

Die Nichten - die im Gegensatz zu mir die Regeln kennen und auch der Meinung sind, man solle sie befolgen - erklären geduldig. Fahren für mich. Würfeln für mich. Sammeln Punkte für mich. Bis sich eine der beiden entnervt an die Stirn tippt und seufzt: "Ach, das Spiel ist zu schwer für Tante Olli!" Es ist die Kleine. Nicht die Große. Sie ist vier.

 

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