Maria Rauch-Kallat: "Die Hymne hat gezeigt, wie frauenfeindlich wir noch sind"

Maria Rauch-Kallat hat als Frauenministerin die Hymne umschreiben lassen, ihre eigene Partei hat sie dafür gehasst. Die WIENERIN war auf einen Spritzer mit einer Frau, die Anpassungsstörungen hat - zum Glück.

Maria Rauch-Kallat mit WIENERIN Chefredakteurin Barbara Haas im Kaffeehaus

Das Eiles kennen alle, PolitikerInnen wie JournalistInnen. Das alte Café an der Zweierlinie ist in Rufweite zweier politischer Zentren des Landes: des Wiener Rathauses und der ÖVP-Bundesparteizentrale. Maria Rauch-Kallat hat als ÖVP-Generalsekretärin im Eiles viel Zeit verbracht. Dementsprechend wohl fühlt sie sich auch heute und freut sich auf einen Sommerspritzer. Wir wollen über Frauen in den Medien reden, aber auch ein bisschen zurückschauen auf Maria Rauch-Kallat als eine Frau, die aufgrund ihrer behinderten Tochter Politikerin wurde. Was hat sie daraus gelernt, wie viel gleichberechtigter ist die Gesellschaft geworden - und kann sie mit dem "Christlich-Sozialen" von Sebastian Kurz heute überhaupt noch etwas anfangen? Maria und ich sind per Du, daher bleiben wir es auch in diesem Gespräch.

WIENERIN: Es gibt eine nie gehaltene Rede von dir. Es sollte deine letzte im Parlament sein, aber deine eigene Fraktion sabotierte dich: Die ÖVP hatte die gesamte Redezeit verbraucht. Du wolltest einen Antrag auf Änderung der Bundeshymne - verhindert werden konnte diese längst fällige Änderung aber trotzdem nicht mehr; am 1. Jänner 2012 war es dann so weit. Hat sich mit dem bisschen Sichtbarkeit in der Hymne das Leben von Frauen wirklich verbessert?

Maria Rauch-Kallat: Nein. Aber es hat deutlich gezeigt, wie viel Frauenfeindlichkeit in Österreich überhaupt noch herrscht. Nicht nur bei dieser Beschlussfassung, sondern auch später, als Andreas Gabalier die Hymne doch wieder anders gesungen hat, wurde sichtbar, wie stark tradierte Rollenbilder in Denken und Bewusstsein der Menschen verhaftet sind. Dass ein Wort wie "Töchter" so viel Entsetzen auslösen kann! Wie wichtig es war, lässt sich an einer ORF-Doku, die Lou Lorenz-Dittlbacher gemacht hat, feststellen: Da wurden Kinder zur Hymne interviewt - sie sagten, es wäre seltsam ohne Töchter, weil dann würde man ja glauben, dass es in Österreich keine Frauen gibt

In dieser Rede hast du auch deine Motivation erläutert, überhaupt in die Politik gegangen zu sein, nämlich wegen deiner blinden Tochter. Du wolltest ein faires Leben für sie und alle anderen Menschen mit Behinderung ermöglichen. Ist dir das gelungen?

Es ist viel weitergegangen, aber wir sind auch damit noch nicht am Ziel. Mir war es wichtig, dass behinderte Menschen ihre Anliegen im Parlament selbst vertreten können. Das ist bei den Grünen mit Theresia Haidlmayr schneller geglückt als in meiner Fraktion mit Franz-Joseph Huainigg, aber es ist geglückt.

Deine Tochter Claudia ist mit vier Jahren erblindet - was ist denn da eigentlich passiert?

Sie hatte eine Augenkrankheit von Geburt an, die nicht vererbbar ist, bei ihr aber seltsamerweise trotzdem vererbt wurde. Als sie vier war, war sie fast vollständig erblindet, doch mit Alternativmedizin und vielen Hilfsmitteln ist sie mit Schwarzschrift bis zur Matura gekommen, hat dann aber parallel auch die Blindenschrift erlernt.

Maria Rauch-Kallat auf einer Bank im Kaffeehaus, vor ihr ein Glas Weißer Spritzer

Das war bestimmt ein enormer Kraftakt für euch beide - bist du stolz auf sie?

Ja, sehr, denn sie hat ihren Willen durchgesetzt. Sie wollte auf ein normales Gymnasium und hat dann die pädagogische Akademie besucht - sie wollte unbedingt Volksschullehrerin werden. Das hat sie durchgezogen und hat sogar vier Jahre klassenführend sieben Kinder in Oberösterreich unterrichtet. Nur eines davon war blind, aber am Ende haben alle lesen und schreiben können. Aktuell hat sie einen Lehrauftrag an der Universität Passau und arbeitet gerade an ihrer Dissertation. Ich bin sehr stolz auf sie.

Sichtbarkeit war für dich ja immer eine treibende Kraft. Du hast vor 21 Jahren auch den Journalistinnenkongress ins Leben gerufen; heuer findet er am 14. November als Livestream statt. Ein Panel befasst sich mit dem männlichen Blick - in dem Fall ist der mediale männliche Blick gemeint, aber wie hast du als Politikerin diesen Blick wahrgenommen?

Der männliche wie auch der weibliche Blick auf Politikerinnen ist immer kritischer als auf Politiker. Daher haben es Frauen in der Öffentlichkeit einfach immer schwerer. Du wirst beurteilt und neigst dazu, diesem Anpassungsdruck zu erliegen, ohne es zu merken. Ich habe nach ein paar Jahren im Parlament gemerkt, dass sich meine Garderobe auf Blau, Grau und Schwarz reduzierte. Das hat mir niemand geraten, das habe ich automatisch gemacht. Ich habe es aber reflektiert und dann absichtlich bunte Ohrringe oder andere Statements gesetzt, um dieser Konformität entgegenzuwirken.

Der Titel des Kongresses lautet "Neues Spiel - neue Regeln: Wie Frauen von der Transformation profitieren". Durch Covid werden Frauen in allen Bereichen gerade wieder extrem zurückgedrängt, gerade im öffentlichen Bild der Medien. Fazit: Die Männer haben uns die Pandemie erklärt. Wie wird das besser?

Schau dir doch Claudia Reiterer vom ORF an - sie bemüht sich wirklich, gleich viele Frauen wie Männer auf die Bühne zu holen. Sie hält bewusst Ausschau nach Frauen. Und ja, das ist manchmal mühsamer, weil Frauen nachfragen, worum es geht, während Männer oft einfach mal Ja sagen. Das ist auch mein Appell an alle Frauen - egal, ob Journalistinnen oder Expertinnen: Nachdenken ist gut, aber nicht zu lange.

Mich interessiert noch deine Einschätzung zur türkisen ÖVP. Sebastian Kurz fährt einen harten Kurs in Sachen Integration, aber auch bezüglich Hilfe für geflüchtete Menschen - das zeigt etwa das klare Nein zu Kindern aus dem Flüchtlingslager in Moria. Ex-Raiffeisen-Boss Christian Konrad, der ja ein Traditions-ÖVPler ist, sagte dazu im Profil: "Ich glaube nicht, dass das, was Kurz macht, christlich-sozial ist."

Ich habe in der Flüchtlingsfrage Verständnis für alle Probleme und Moria ist leider nicht das gesamte Problem. Ich bin gespalten, was die Aufnahme unbegleiteter Kinder betrifft, denn Österreich hat seit 2015 viel getan. Und was man der ÖVP früher immer vorgeworfen hat, nämlich, dass die Obleute umfallen, das passiert jetzt nicht. Da steht jetzt einer und der steht auch zu seiner Meinung, die heißt: keine Anlasspolitik, sondern eine kontinuierliche Linie, die "Hilfe vor Ort" heißt. Aber noch einmal, ich bin gespalten, denn ich weiß, dass jedes Kind und jede Familie Hilfe braucht.

Der Journalistinnenkongress, initiiert von Maria Rauch-Kallat, findet heuer am 14. November 2020 als Digital-Event statt. Alle Infos zu Programm, Speakerinnen und Anmeldung auf www.journalistinnenkongress.at.

 

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