Magersucht: "Ich habe mich innerlich so tot gefühlt, dass ich im Bett lag und dachte, ich bin weg"

Lange Zeit ist die Magersucht Antonias Werkzeug, um Kontrolle zu bewahren. Es dauert viele Jahre, bis sie wieder aus der Krankheit herausfindet. Wir haben sie gefragt, was der Corona-bedingte Kontrollverlust mit ihr macht und wie Social Media Essstörungen beeinflussen.

Antonia

Antonia ist gerade vierzehn, als sie beschließt, nichts mehr zu essen. "Eine pubertierende Phase", diagnostiziert ihre Kinderärztin. Sowas komme bei jungen Mädchen schon mal vor. Es dauert, bis Antonias Eltern erkennen: Das hier ist ernst. Es folgen mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken und jahrelange Therapie. Irgendwann wird klar: Ums Dünnsein geht’s hier eigentlich gar nicht, sondern viel mehr um Kontrolle, Selbstwert und den Umgang mit Gefühlen. Heute, sieben Jahre später, geht es Antonia gut, sagt sie. Sie lebt in Köln, studiert, bloggt und arbeitet als Autorin. In ihrem neuesten Buch "Wie viel wiegt mein Leben?" (erschienen im Eden Books Verlag; erhältlich z.B. um 15,40 Euro auf thalia.at) verarbeitet sie die vergangenen Jahre und räumt mit gängigen Klischees über Magersucht auf.

Wir haben mit Antonia darüber gesprochen, wie sich die Pandemie auf ihre mentale Gesundheit auswirkt, welche Rolle soziale Medien spielen und wie man Menschen, die an einer Essstörung leiden, als Angehörige*r unterstützen kann.

WIENERIN: Wann hat sich dein Essverhalten erstmals verändert?

Antonia Wesseling: 2013 im Herbst – und zwar ziemlich schlagartig. Ich habe mich da richtig hineingestürzt. Ich habe überlegt, wie ich weniger essen kann, habe mich intensiv mit Kalorien und Abnehmen beschäftigt, ganz viel im Internet gelesen und das dann sehr schnell umgesetzt. Ich habe meine Mahlzeiten von heute auf morgen reduziert und ständig Sport gemacht.

Was glaubst du war der Auslöser dafür?

Im Nachhinein weiß ich, dass es mir nie darum ging, dünner zu werden, weil ich das schöner fand oder weil ich mich vorher immer zu dick gefühlt hätte. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Belastung für die Personen um mich herum bin, weshalb ich geglaubt habe, mich als Mensch reduzieren zu müssen. Bis zu diesem Zeitpunkt war Abnehmen für mich eigentlich nie ein Thema. Ich dachte, das ist etwas, was nur ältere Leute machen, aber nicht ich.

Was steckte da dahinter?

Vieles davon kommt aus der Kindheit. Ich dachte, dass ich gesehen werden muss, dass ich nicht wichtig bin und keine Aufmerksamkeit bekomme. Meine Mama hat zwar immer viel mit uns gemacht, mein Papa hat allerdings die meiste Zeit gearbeitet, weshalb ich habe immer das Gefühl hatte, ich gehe unter und sei ihm egal. Es war auf gewisse Art und Weise sicher ein Schrei nach Aufmerksamkeit und Liebe. Gleichzeitig war da auch diese Angst vor dem Erwachsenwerden. Ich dachte, dass ich auf mich allein gestellt gar nicht leben kann. Durch das Abmagern habe ich ausgedrückt: "Ich bleibe Kind, ich brauche euch".

Wann ist deinem Umfeld aufgefallen, dass du dich verändert hast?

Manchen recht bald. Ein paar Freundinnen haben mich darauf angesprochen. Allerdings mehr auf mein Verhalten als auf mein Aussehen. Sie haben gemerkt, dass etwas nicht stimmt und dass ich sehr viel über Essen gesprochen habe.

Eines Tages haben meine Lehrer*innen von der Klassenfahrt aus bei mir Zuhause angerufen, weil ich so wenig gegessen hatte und sie sich sorgten. Meine Eltern dachten zu dem Zeitpunkt, das wäre halt eine Phase. Meine Mutter wendete sich dann an meine Kinderärztin, die ihr sagte, sowas komme in der Pubertät schon mal vor. Im Gespräch mit mir redete ich meiner Mutter natürlich auch ein, dass alles okay wäre.

Das war es aber nicht …

Nein. Erst ein dreiviertel Jahr später hat meine Mutter gemerkt, dass die Sache wohl doch ernster ist. Sie hat mich dann nochmal darauf angesprochen – worauf es nur so aus mir rausflutete, weil ich zu diesem Zeitpunkt auch Hilfe wollte. Ich wollte, dass das Ganze aufhört und dachte: "Das ist der Moment, jetzt kann ich mich erleichtern".

Ich wollte zwar bis zu einem gewissen Grad wieder gesund werden, aber unterbewusst habe ich weiter an der Krankheit festgehalten.

von Antonia Wesseling

Du warst anschließend mehrfach in der Klinik. Wirklich geholfen haben dir deine ersten Aufenthalte aber nicht, oder?

Ich hatte das Gefühl, dass der Fokus falsch gesetzt wurde. Die ganze Zeit ging es nur darum, dass ich wieder mehr esse. Mein Problem war aber nicht, dass ich keinen Appetit mehr hatte. Das gestörte Essverhalten war nur Symptom von etwas viel Tieferem. Ich habe meine Ängste auf den Körper projiziert. Ich dachte, wenn ich meinen Körper reduziere, dann bin ich für andere Menschen erträglicher. Ich war fest davon überzeugt, dass ich als Mensch zu viel bin und dachte, wenn ich äußerlich ganz zart bin, kann ich nicht mehr so eine Belastung sein. Das wurde dort allerdings nie richtig behandelt. Keiner hat sich gefragt, warum ich das mache – das war für mich fatal. Ich glaube das war auch der Grund, weshalb ich so lange nicht loslassen wollte.

Die Essstörung loslassen?

Genau. Ich wollte zwar bis zu einem gewissen Grad wieder gesund werden, aber unterbewusst habe ich weiter an der Krankheit festgehalten. Ich wusste, sie gibt mir etwas, das ich brauche. Das ist dieser 'Krankheitsgewinn'. Ich glaube, das ist etwas, das Außenstehende oft nicht nachvollziehen können. Von außen sieht man nur den ausgemergelten Körper, die Todesgefahr – aber man sieht nicht, was betroffene Personen durch diese Essstörung bekommen. Sich damit zu beschäftigen, ist essenziell, um helfen zu können.

Was hat dir die Essstörung neben Aufmerksamkeit noch 'gegeben'?

Ich hatte immer ein starkes Problem mit meinen Gefühlen, in der Hinsicht, dass ich Gefühle sehr intensiv wahrnehme und sehr emotional bin. Ich hatte als Kind oft Wutausbrüche, habe häufig rumgeschrien und mich nicht richtig unter Kontrolle gehabt. Dieses Bedürfnis "Ich brauche Kontrolle" hat sich auf meine Essstörung verlagert. Ich wusste: Wenn ich die Kontrolle über mich, meine Gefühle nicht habe, brauche ich sie irgendwo anders.

Durch meine Krankheit konnte ich meine Gefühle betäuben, da die Essstörung einen mit der Zeit träge im Körper und im Kopf macht. Es ist fast als wäre man auf Drogen – irgendwie benebelt. Ich habe dieses "zu viel sein" endlich nicht mehr empfunden. Zumindest eine Weile, denn früher oder später kommt die Aggressivität zurück und wird durch die Essstörung sogar noch schlimmer.

Was hat dir letztlich geholfen?

Das Wichtigste war, herauszufinden, wofür die Krankheit in meinem Leben steht, was sie mir gibt und warum ich sie nicht loslassen kann. Anschließend galt es zu schauen, wie ich diese Bedürfnisse, die die Essstörung ja auf gewisse Art und Weise befriedigt hat, anders erfüllen kann. Wie kann ich anders mit meinen Gefühlen umgehen? Viel zu lange dachte ich, ich muss meine Gefühle betäuben – das ist natürlich Schwachsinn. Denn in Wahrheit sind Gefühle ja nichts Gefährliches, sondern etwas Gutes und Natürliches. Gefährlich war nur mein Umgang mit ihnen. Auch der Abstand von Zuhause hat geholfen, um zu lernen, dass ich auf eigenen Beinen stehen kann.

Du sagst, dir war es wichtig, die Kontrolle zu haben. Wie nimmst du den Kontrollverlust, den wir durch Corona aktuell alle erleben, wahr? Wie wirkt sich die Situation auf deine mentale Gesundheit aus?

Was ich bisher am belastendsten wahrgenommen habe, war der soziale Rückzug. Seit meiner Essstörung habe ich auch mit Depressionen zu kämpfen, weshalb es schwierig war, ständig Zuhause sitzen zu müssen und keine Menschen treffen zu können. Wenn ich merke, es geht mir mental nicht gut, gehe ich normalerweise in die Stadt und treffe Leute. Manchmal reicht es schon, meine gewohnte Umgebung zu verlassen, hinaus zu gehen und das Leben zu beobachten: die Sonne, den Himmel, die Menschen und so ein bisschen abgelenkt zu sein.

Früher, in sehr schweren Phasen, hat es mir geholfen, mit meiner Mutter draußen zu spazieren oder in den Supermarkt zu gehen – andere Menschen zu sehen und zu merken, "ich bin noch am Leben". Denn teilweise habe ich mich innerlich so tot gefühlt, dass ich in meinem Bett lag und dachte, "ich bin weg". Wenn ich dann in der Stadt war und Menschen um mich herum gesehen habe, hat mich das beruhigt. Das ist während der Ausgangsbeschränkungen schon hart gewesen, zu wissen, "wenn ich jetzt rausgehe, ist da niemand, draußen ist alles leise und tot". Das war kein schönes Gefühl. Vor allem, weil ich allein wohne und ich mich doch hin und wieder einsam gefühlt habe. Zum Glück bin ich aber mittlerweile viel stabiler, sodass ich bisher ziemlich gut klar gekommen bin und Corona für mein persönliches Leben bislang nicht als so große Einschränkung erlebt habe.

'Instagram macht Magersucht' – das halte ich für sehr einfach gedacht.

von Antonia Wesseling

Was war deine Motivation, ein Buch über deine Erkrankung zu schreiben?

Zum einen, um mit dem Thema abzuschließen, zum anderen, um Leuten zu zeigen, was wirklich hinter so einer Krankheit steckt. Es hat mich wütend gemacht, dass Leute Essstörungen heutzutage immer auf Social Media schieben. "Instagram macht Magersucht" – das halte ich für sehr einfach gedacht. Ich wurde magersüchtig, obwohl mir Schönheitsideale komplett egal sind und ich mein ganzes Leben lang schlank gewesen bin. Wenn Social Media wegfallen würde, wären die Probleme immer noch da. Dann würde es vielleicht nicht zu einer Magersucht kommen, sondern zu einer Depression. Letztlich geht es darum: Jemand versucht, mit seinen Problemen umzugehen und sucht sich eine Schutzstrategie. Bei mir war die Schutzstrategie die Essstörung. Es hätte genauso gut eine Drogenabhängigkeit oder eine andere psychische Krankheit sein können.

Anm: Studien wie jene der King University zeigen, dass sich soziale Medien sowohl positiv als auch negativ auf unsere Körperwahrnehmung auswirken können, je nachdem welche Inhalte Nutzer*innen ansehen. Tendenziell führt der regelmäßige Konsum sozialer Medien dazu, sich häufiger mit anderen zu vergleichen und den eigenen Körper abzuwerten. Bei Personen mit entsprechender Veranlagung können Instagram & Co auch psychische Erkrankungen auslösen oder diese verstärken, wie eine Untersuchung zu Essstörungen der gemeinnützigen Organisation Project Now gezeigt hat.

Glaubst du, dass Social Media auch helfen können, eine Essstörung zu überwinden?

Ich denke, dass es dem*r ein oder anderen helfen kann, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen – letztendlich muss man aber sehr stark filtern, wem man folgt oder mit wem man interagiert. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Recovery-Seiten, wie es sie zum Beispiel auf Instagram gibt, einen nur noch tiefer in die ganze Sache hineinziehen. Deshalb finde ich es sinnvoller, nur Menschen zu folgen, die den Weg aus der Magersucht bereits geschafft haben und nicht solchen, die gerade selbst noch mittendrin stecken oder gerade dabei sind, wieder abzustürzen. Instagram-Seiten zu Mental Health oder Achtsamkeit können hilfreich sein. Auch kann man sich über Therapieansätze austauschen: Was hat anderen geholfen? Welchen Weg sind andere gegangen?

Wie kann man als Angehörige*r helfen?

Ich finde es wichtig, die betroffene Person nicht auf die Krankheit zu reduzieren, denn auf diese Weise gibt man der Essstörung nur noch mehr "Futter". In Gesprächen halte ich es für sinnvoll, Aussehen und Gewicht gar nicht zu kommentieren. Andernfalls bekommt der*die Betroffene das Gefühl, "andere Leute sehen nur meinen Körper und interessieren sich gar nicht dafür, wie es mir wirklich geht".

Lieber die Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die nichts mit der Krankheit zu tun haben. Zum Beispiel auf Hobbys oder irgendetwas, das dem Menschen wichtig ist. Auch finde ich, dass man bei Magersucht über den Tellerrand schauen muss und versucht, zu verstehen, warum der*die Betroffene nichts isst und welchen "Gewinn" er*sie durch die Krankheit hat. Das Wichtigste ist, eine Essstörung nicht primär als "Problem mit dem Essen" zu sehen, sondern als Ausdruck für etwas Tieferes. Nur den Körper zu behandeln wird nämlich nichts bringen.

 

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