Kinderlos: Wieso Frauen die Wahl haben müssen

Frauen, die sich gegen Kinder entscheiden, werden in unserer Gesellschaft immer noch hart verurteilt. Oft werden Kinder für Frauen nicht als Wahl dargestellt, sondern als Pflichtaufgabe. Das Projekt We Are Childfree möchte damit aufbrechen.

Kinderlos: Wieso Frauen die Wahl haben müssen

Wir sind kinderlos. Das sagt Zoe Noble ganz offen und stolz heraus und spricht mit ihrer Initiative eine ganze Menge Frauen an, die sich bisher von der Gesellschaft nicht gesehen und akzeptiert fühlten. Die Initiative besteht aus einem Podcast, einer Website und einer Instagram-Seite. Auf diesen Plattformen stellt sie kinderlose Frauen und deren Leben vor und zeigt, wie erfüllt auch dieses sein kann. Fast 14.000 Menschen folgen ihr aktuell auf Social Media. Täglich bekommt sie zig Nachrichten, von Frauen, die ihre persönlichen Erlebnisse teilen und sich bedanken, dass sie das Thema aufgreift. Zoe Noble erzählt uns von dem Weg, bis sie sich stolz als kinderlose Frau bezeichnen konnte.

Wie kam es zu der Plattform We are childfree?

Zoe Noble: Ich arbeite als Fotografin und war vor vier Jahren auf der Suche nach einem Projekt, das mir persönlich etwas bedeutet. Als Frau, die sich dazu entschieden hat, keine Kinder zu bekommen, musste ich mich vielen Kommentaren und viel Verurteilung stellen. Ich dachte mir, ich könnte dagegen etwas tun. Ich wollte Frauen wie mich fotografieren und zeigen, dass wir keine kalten, depressiven, karriere-süchtigen Katzen-Frauen sind. Es war mir wichtig, zu zeigen, dass wir alle unterschiedlich sind. Wir haben unterschiedliche Gründe, Leben und Erfahrungen. Nach einem Jahr reiner Fotografie entschied ich, dass das mehr sein könnte. Damit kam die Idee, dass es ein Podcast werden könnte. Als ich das Thema erstmals der Welt vorstellte, bekam ich so viele Rückmeldungen von Frauen aus der ganzen Welt, die mich darum baten, dass ich sie fotografieren solle. Der Podcast bietet nun die Möglichkeit, ihnen eine Stimme zu geben und ihre Geschichte zu erzählen.

Auf Instagram fällt auf, dass viele Frauen ihre Geschichte mit dir und der Welt teilen möchten. Du selbst schreibst auf deiner Website, dass du lange nicht offen gesagt hast, dass du keine Kinder möchtest. Warum nicht?

Ich wusste immer, dass ich keine Kinder in meinem Leben sehe. Mitte zwanzig heiratete ich und Menschen fragten mich danach selbstverständlich, was würde der nächste Schritt sein. Als diese Fragen anfingen, reflektierte ich genauer, wie ich mir mein Leben vorstellte. Ich konnte mir keine Kinder vorstellen, aber ich sagte auf die Frage trotzdem immer: Vielleicht. Erst in meinen Dreißigern reflektierte ich den Grund dafür und merkte: Ich wollte die Wahrheit nicht sagen, weil kinderlose Frauen abnormal dargestellt werden. Es heißt, sie hassen Kinder. Und als ich anfing, es auszusprechen, waren das genau die Kommentare, die ich bekam. Ich glaube, Angst war der Hauptgrund, wieso ich so lange nicht meine Wahrheit gesagt habe. Und mir fehlten Role Models. Ich kannte keine kinderlosen Frauen, deren Leben großartig aussah. Erst in den letzten fünf Jahren wurden zum Beispiel kinderlose Stars gezeigt, die ein gutes Leben führen und darüber sprechen.

Gab es auch positive Reaktionen?

Seit ich das Projekt gestartet habe auf jeden Fall. Es ist ein wahnsinnig gutes Gefühl, zu merken, dass ich nicht allein bin. Nichts ist falsch mit mir. Wir sind darauf konditioniert, eine Familie als Norm anzusehen und erst, wenn wir Frauen sehen, die es anders machen, merken wir, dass es mehr Möglichkeiten gibt. Das wird uns von klein auf antrainiert. Es ist wie in der Matrix. Wenn du einen Schritt nach draußen machst und dich umsiehst, merkst du, dass die gesamte Werbung mit Familien spielt, dass wir das überall sehen und zeigen.

Warum glaubst du, dass die Entscheidung, keine Kinder zu haben, immer noch so oft negativ kommentiert wird?

Ich glaube, viele Menschen möchten, dass du denselben Weg gehst, den sie gegangen sind, damit ihr Weg sich als richtig erweist. Andere sehen die Entscheidung, es anders zu machen, als persönliche Kritik. Viele Menschen glauben, unsere Entscheidung ist eine Reaktion auf ihre. Aber das ist nicht der Fall. Und andere sind einfach darauf konditioniert, dass ein glückliches Leben so aussieht. Das haben sie gelernt. Mann, Haus, Auto, Kind. Und ein enger Freund oder Familienmitglied, das sich negativ äußert, glaubt vielleicht wirklich, dass du ohne Kinder ein trauriges, deprimierendes, einsames Leben haben wirst.

Ich habe eine Zwillingsschwester mit einem kleinen Sohn. Als ich ihr erstmals erzählte, dass ich keine Kinder möchte, hat sie es nicht begreifen können. Für sie war ein Kind das wichtigste Ziel, in ihrem Leben. Sie hat es nicht nachvollziehen können. Ihre Prioritäten waren ganz anders. Jetzt, da sie die Geschichten von Frauen meines Projektes gelesen hat, fängt sie an es zu verstehen.

Wie geht es dir mit deinem Neffen?

Als mein Neffe auf die Welt kam und ich mit ihm gespielt habe und ihn gehalten hat, hat sie mich gefragt: Bist du dir sicher? Du bist so gut mit ihm. Da ist diese Annahme, dass eine kinderlose Frau keine gute Mutter wäre. Und ich glaube es ist wichtig zu zeigen, dass wir Frauen viele Facetten haben. Ich liebe es, eine Tante zu sein, aber ich möchte keine Mutter sein.

Wen möchtest du mit deiner Arbeit erreichen?

Vor allem ist meine Arbeit für die Frauen, die sich allein gefühlt haben und die Geschichten lesen und verstehen müssen, dass sie nicht allein sind und nichts mit ihnen falsch läuft. Ich möchte aber alle Frauen ermutigen, zu zeigen, wer sie sind. Der Fokus liegt darauf, ein authentisches Leben zu leben. Sei es mit oder ohne Kinder. Es geht nicht darum, dass wir Kinder hassen oder die Entscheidungen von Eltern verurteilen. Es geht darum, dass Frauen selbst entscheiden können, was sie möchten, ohne dass es ein Stigma darum gibt.

Kinderlosen Frauen wird oft vorgeworfen, dass sie selbstsüchtig und egoistisch sind, wenn sie sich gegen Kinder entscheiden. Männer müssen sich diesen Vorwürfen seltener stellen. Woran liegt das?

Ich glaube, es liegt daran, dass Frauen als fürsorglich und aufopfernd dargestellt werden und es die Norm ist, dass wir Opfer für unsere Kinder oder Partner*innen bringen. Wenn du dich nun gegen diese Eigenschaften stellst, die die Gesellschaft dir vorgegeben hat, ist die Frage: Wie kannst du nur? Du wählst dich selbst anstelle deines Kindes oder Partner*in? Wir haben nicht das Recht, uns selbst und unsere Bedürfnisse zu priorisieren. Und kinderlose Frauen entscheiden sich für sich selbst. Sie stellen sich gegen das Bild, dass Frauen ihr Leben geben sollten, um sich um andere zu kümmern. In den Augen der Gesellschaft ist das unsere Aufgabe. Deswegen triggert diese Entscheidung so viele Menschen.

Dir ist es wichtig, dass bewusste Entscheidungen getroffen werden. Egal wie diese aussehen. Was meinst du damit?

Mein Ziel ist es nicht, jemandem zu sagen, dass er*sie keine Kinder bekommen soll. Wir brauchen Kinder. Es ist nötig, dass die Bevölkerung wächst. Aber warum pushen wir so stark, dass jede*r ein Kind haben soll? Wieso sagen wir zwei, drei Kinder sind die Norm? Ich finde, ganz wichtig ist die Frage: Haben Menschen nur Kinder, weil sie keinen anderen Weg zu leben kennen oder weil sie unbedingt Kinder möchten? Ich wurde für meine Entscheidung verurteilt, ich werde niemanden verurteilen für die Entscheidungen, die er*sie trifft. Aber jede*r sollte seine Entscheidung informiert treffen. Ich finde, es gibt so viele Geheimnisse rund um das Leben von Frauen. Sowohl das Leben mit Kindern als auch das ohne. Wir müssen viel ehrlicher sein, wenn wir möchten, dass Frauen die Wahl haben. Welche Vorteile haben Kinder? Welche Nachteile? Welche Momente als kinderlose Frau sind hart?

 

Aktuell