Ist die Welt durch Covid-19 im Massentrauma?

Ein Trauma, das die ganze Welt ergreift. Dem müssen wir uns dank Covid-19 gerade stellen. Es wird als das größte Massentrauma der Geschichte gesehen. Aber was bedeutet das?

Kollektives Trauma

Massentrauma. Ein Begriff der wahrscheinlich vielen nichts sagt, aber der aktuellen Situation einen Namen gibt. Massentrauma beschreibt ein Trauma, das eine große Menge an Menschen gleichzeitig erlebt. Wir erleben gerade das erste globale Massentrauma seit dem zweiten Weltkrieg. Mehr als zwei Millionen Leben haben wir verloren, fast jedes Land auf der Welt ist betroffen. Aber ist das bereits Grund für ein Trauma?

Veränderung der Sicht

Trauma kann als ein Bruch in der "Bedeutungsgebung" verstanden werden, sagt David Trickey, Psychologe und Vertreter des UK Trauma Council gegenüber der BBC. Wenn "die Art und Weise, wie wir uns selbst sehen, die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, und die Art und Weise, wie wir andere Menschen sehen", durch ein Ereignis schockiert und umgestoßen werden - und eine Lücke zwischen unseren "Orientierungssystemen" und diesem Ereignis entsteht -, entsteht ein Trauma, das oft durch anhaltende und schwere Gefühle der Hilflosigkeit vermittelt wird. Und genau das ist passiert. Die Art, wie wir die Welt sehen, wurde verändert. Grenzen wurden geschlossen, Ländervergleiche herangezogen. Andere Menschen waren nicht mehr wertfreie Fremde, sondern potenzielle Gefahren. Mögliche Virusträger. Freund*innen gerieten aneinander, weil der Umgang mit der Pandemie so unterschiedlich war.

Die ganze Welt

Während des ersten Lockdowns im März 2020 war es einerseits erschreckend, andererseits beruhigend zu sehen, dass gerade die ganze Welt die Luft anhält. Dass Menschen in England genauso Sauerteigbrot zu backen versuchen wie wir in Österreich oder in Amerika. In den Medien ging es lange Zeit kaum um die psychischen Folgen der Pandemie, noch weniger wurden Wörter wie Trauma oder Massentrauma in den Mund genommen. Irgendwann ging es dann um Depressionen, Ängste, Einsamkeit und Stress. Vergleicht man die Berichte, die Themen und Probleme, sieht man, dass diese auf der ganzen Welt gleich sind. Alle empfinden dasselbe, alle stehen vor denselben Problemen.

Wenn wir es in Teile zerlegen und diesen Namen geben, heißen sie Traurigkeit, Verwirrung, Reizbarkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit.

von Esther Perel

Trauer, Verwirrung, Einsamkeit

Esther Perel greift in ihrem Podcast How’s Work? genau diese Beschreibung der aktuellen Situation auf und bezieht sich auf den Stress, den gerade viele Menschen empfinden: "Wir neigen dazu, es Stress zu nennen, aber es ist viel multidimensionaler. Wenn wir es in Teile zerlegen und diesen Namen geben, heißen sie Traurigkeit, Verwirrung, Reizbarkeit, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Einsamkeit. All das muss benannt werden. Wenn wir es Stress nennen, geht es nur noch um Selbsthilfe und Meditation. Ein Großteil der Selbstfürsorge, die in einer Zeit kollektiver Erfahrung aber nötig ist, besteht darin, die Ressourcen anderer Menschen anzuzapfen und diese gemeinsam zu erfahren." Doch gerade das war im letzten Jahr schwer möglich.

Ungelöste Trauer

Weiter erklärt sie, dass wir gerade einen Verlust empfinden, den wir nicht richtig betrauern können, weil er nicht greifbar ist. Sie erklärt: "Ambiguous Loss ist ein Begriff, der eine Situation von ungelöster Trauer beschreibt. Wir empfinden eine gewisse Art von Trauer um eine Welt, die noch so physisch vorhanden ist, aber nicht der ähnelt, die wir kennen. Man kann sie nicht vollständig betrauern, aber man weiß, dass ein Gefühl der Trauer da ist." Darunter fällt auch eine Trauer um die Welt, die man kannte, um die Pläne, die man gemacht hatte, um die Hochzeiten, die abgesagt wurden, die Jahrestage, die nicht einmal wahrgenommen wurden. Es sind all diese kleinen Verluste, die mit dem Gefühl der kollektiven Trauer verbunden sind. Doch laut Esther Perel trauern wir aktuell um noch mehr: "Nicht nur die Trauer über die Todesfälle, sondern auch über den Tod, der in uns ist. Für fühlen uns innerlich wie äußerlich isoliert. Es fehlt die Neugier, das Ungewisse, die Spontanität, die Fantasie, das Erkunden in uns."

Unsichtbare Gefahr

Psycholog*innen und Wissenschaftler*innen bezeichnen die aktuelle Situation als perfekte Feldstudie zum Thema Massentrauma. Sowohl Menschen, die das Virus hatten, als auch die, die es nicht hatten, mussten sich mit einer unsichtbaren Gefahr auseinandersetzen. Anders als in einem Krieg oder bei einem Naturunglück ist die Gefahr nicht sichtbar, nicht greifbar. Unsere Welt sieht äußerlich noch ähnlich aus wie vorher, doch plötzlich kann eine Geburtstagsfeier zur Gefahr werden. Das belastet und ist unverständlich. Viele bemerken, dass sie in gewisser Weise ihren Rhythmus verloren haben, ein Jahr wie im Nebel durchlebt haben und kein Zeitgefühl mehr haben. Und während es wichtig wäre in einer Zeit des kollektiven Traumas zusammen zu kommen, ist genau dass auch das, wovon die Gefahr ausgeht.

Man hat eine Linse, durch die man die Welt, sich selbst und andere Menschen sieht. Und Ereignisse werden diese Linse färben. Selbst wenn diese Ereignisse aufgehört haben, bleibt bei manchen Menschen eine gefärbte Linse zurück.

von David Trickey

Gefärbte Linsen

Hinzu kommt, dass bereits Kinder diesem Problem ausgesetzt sind und die Gefahr besteht, dass die Pandemie langfristig ihre Wahrnehmung der Welt verändert. David Trickey erklärt: "Sie könnten eine Sicht auf die Welt entwickeln, die ziemlich erschreckend ist. Sie wissen: 'Meine Eltern kommen nicht zurecht; die Welt ist unsicher; und die Leute, die auf uns aufpassen sollten, machen ihren Job nicht.' Und das führt, wenn wir nicht aufpassen, zu einer permanenten Färbung unserer Sicht der Dinge. Ich betrachte es oft als eine Linse. Man hat eine Linse, durch die man die Welt, sich selbst und andere Menschen sieht. Und Ereignisse werden diese Linse färben. Selbst wenn diese Ereignisse aufgehört haben, bleibt bei manchen Menschen eine gefärbte Linse zurück."

An Menschlichkeit klammern

Esther Perel gibt als Hilfsmittel in dieser Krise des Massentraumas ein Konzept mit, das sie tragischer Optimismus nennt. Tragischer Optimismus beschreibt die Möglichkeit, Hoffnung und Sicherheit zu finden, trotz des Verlustes und der Trauer. Dabei soll man bestehende positive Momente wahrnehmen, ohne das Geschehen auszuklammern oder zu verdrängen. Sie gibt den Tipp, sich in dieser Zeit noch stärker menschlich zu vernetzen, sowohl beruflich als auch privat. Zum Beispiel bei Meetings am Beginn vor allem persönliche Fragen zu stellen: Musst du dich um jemanden kümmern? Hast du jemanden verloren? Fällt dir die Decke auf den Kopf? Seid ihr allein und was vermisst ihr am meisten? Sie empfiehlt, die aktuelle Phase nicht als "Business as usual" abzutun und persönliche Befindlichkeiten nicht anzusprechen bzw. zu ignorieren. Nur durch das Wahrnehmen der Situation und der Verluste könnten wir als Gemeinschaft durch dieses kollektive Trauma kommen. Vielleicht mehr als alles andere bestehen die dauerhaften sozialen Gefahren eines Massentraumas im Vergessen. Wenn es unverarbeitet, undiskutiert, vielleicht sogar aktiv verdrängt wird, bleiben Menschen gestört und ungeheilt zurück.

 

Aktuell