Ingrid Brodnig über ihr Buch "Hass im Netz"

Warum James Blunt über einen Schmäh auf Kostens seines linken Hodens lachen kann und was man gegen den Hass im Internet noch so tun kann. profil-Journalistin und Buchautorin Ingrid Brodnig im Gespräch mit der WIENERIN.

Hass im Netz. Was tun? Ingrid Brodnig sagt: Lachen. Unter anderem. Und fordert ein Emoji, das ausdrückt, wenn man sich verletzt fühlt. Was noch? Facebook & Co wird es irgendwann auf die Nerven gehen, wenn auf ihren Netzwerken so viel Hass zu lesen ist - ist nämlich nicht gut fürs Image. Die WIENERIN traf die Journalistin und Autorin von "Hass im Netz", Ingrid Brodnig, zum Interview. Offline. Spannend.

Ingrid, Hassposter haben sich einen fixen Platz in der Netz-Debatte gemacht – zeigt die Online-Welt wirklich die übelsten Seiten der Menschheit?

Ingrid Brodnig: Ich glaube das beschreibt es sehr gut, warum das Internet teilweise so frustrierend ist. Man sieht Facetten von Menschen, die sonsten verborgen bleiben würden. Ich hab für mein Buch viel recherchiert und es gab Phasen, wo ich extrem viele Hasspostings gelesen habe - das fand ich wirklich lähmend. Da möchte man sich am liebsten ganz aus diesen Diskussionsräumen zurückziehen. Häufig heißt es ja: Ach, lass sie halt schimpfen oder vielleicht ist es gut, wenn sich Leute auskotzen können. Aber ich glaube nicht. In uns allen stecken ja Aggressionen und es ist wichtig, dass wir wütend sein können. Aber im Laufe der Zeit hat unsere Gesellschaft Sicherheitsmechanismen entwickelt, damit wir unsere Aggression – auch wenn wir sie spüren – nicht immer zeigen. In sehr vielen offline Situationen ist man ja grantig oder würde dem anderen gerne etwas Deppates sagen, aber wir halten und zurück, weil wir wissen, das wird von der Gesellschaft sanktioniert. Mit nonverbalen Signalen. Das Problem ist: Im Internet fallen genau diese nonverbalen Signale weg, vor allem der Augenkontakt, der extrem Empathie fördernd ist. Und darum glaube ich nicht, dass Menschen reifen würden am „Auskotzen“ sondern es einen Rückschritt hin zu einer noch gewaltlastigeren Kommunikation bedeuten würde.

Trolle leben von Schadenfreude
und sind Sadisten

Du hast selbst Standard-Kampfposter getroffen, die waren scheinbar ganz lieb und differenziert: Was geht bei denen ab?

Ich möchte unterscheiden zwischen drei unterschiedlichen Gruppen, die online auffallen. Das eine sind Menschen, die - weil sie anonym und unsichtbar - enthemmter sind. Viele der User, die ich getroffen habe, würde ich in diese Gruppe einteilen. Es gibt dann noch zwei andere Gruppen, die einen sind die Trolle, die leben wirklich davon, dass sie Leute auf die Palme bringen. Die freuen sich daran, wenn sich Leute erregen, - mit viel Schadenfreude. Und die dritte Gruppe, die habe ich fürs Buch entworfen, nenne ich Glaubenskrieger. Diese Gruppe ist von einer Weltsicht total überzeugt und das Problematische daran ist, sie sehen das auch nicht mehr in Relation. Und es gibt auch Erklärungen, warum das so ist. Wir Menschen sind generell manchmal Glaubenskrieger und manchmal unsachlich im Sinne dessen, dass wir alle Informationen höher gewichten, die unserem Weltbild entsprechen, das nennt sich der confirmation bias, aber es gibt hier eben Gruppen, die das extrem zeigen, die sich auch nicht mehr von Fakten, die ihnen widersprechen, beeindrucken lassen. Und diese Gruppe ist jene, die derzeit im Internet für das größte Problem sorgt - das sehen wir in der Flüchtlingskrise.

Sind das Verschwörungstheoretiker oder halten sie sich für gscheiter oder besser als alle anderen?

Ich bin draufgekommen, dass es ein paar Dinge gibt, die sowohl Verschwörungstheoretiker als auch Hassgruppen gleich anwenden. Einmal eine unbeirrbare Überzeugung und ihr Glaube, etwas verstanden zu haben, was der Rest der Menschheit nicht verstanden hat. Die Verschwörungstheoretiker zb sagen, sie haben erkannt, dass die Medizin die Menschheit mit Impfungen eigentlich krank machen will. Das ist deren totale Überzeugung und manch ein wütender rechter Poster ist der Überzeugung, dass gerade eine gezielte Umvolkung oder ein Austausch der Bevölkerung stattfindet in der Flüchtlingsthematik. Und dazu kommt auch noch der Heldenmythos, sie sehen eine Bedrohung und sich gleichzeitig selbst als Held.

Was ist das Heldentum dabei?

Dass sie etwas erkannt haben, was der Rest der Bevölkerung in ihren Augen noch nicht verstanden hat.

Das reicht schon zum Held?

Weil sie dagegen ankämpfen. Wenn man ganz genau zuhört und mitliest , erkennt man, dass sie sich tatsächlich bedroht fühlen und auch wirklich glauben, dass etwas passieren wird und es ist ihre Pflicht so hart zu diskutieren, denn sie müssen die Bevölkerung ja wach rütteln.

Immer tiefer in mein Sorgen hineinklicken

Wie gefährlich ist diese Echo-Welt wirklich? Die Echo-Kammer...?

Die Echokammer ist das Ding, der das alles ermöglicht. Es gibt ja viele Menschen, die sind zweifelnd oder beunruhigt oder und das Internet bietet mir die Möglichkeit, um mich immer tiefer in diese Wut hineintreiben lassen. Sagen wir als Beispiel: Mir behagt die Situation mit den Flüchtlingen nicht und ich fange an, Gruppen zu liken wie „Islam gehört nicht zu Österreich“. Bald kriege ich immer mehr Nachrichten, die meine Ängste bestätigen, ich werde also in dieser Sorge immer weiter angetrieben. Und diese Echo-Kammer führt dazu, dass ich wenig Gegenstimmen höre. Und hier treten die Glaubenskrieger in Erscheinung, die in Diskussionen sehr scharf sind. Die Grenze ist total schleichend, es gibt User, die plappern die harte Rhetorik anderer nach, lassen sich von der Wut anstecken und dann gibt es diese User, die geben diese Tonalität vor, die sind Botschafter ihrer eigenen Weltüberzeugung.

Sind das die paar Prozent Psychopathen, die es auf der Welt gibt und die jetzt eben bessere Kommunikationskanäle haben?

Ich habe keine Zahlen, aber es wird dann problematisch, wenn ich die Richtigstellung nicht mehr akzeptieren kann. Dazu gibt es in den USA extrem gute Forschung. Ein Beispiel: über Barack Obama hieß es immer wieder, dass er Moslem sei. Und es gibt erschütternd hohe Zahlen, wie viele Amerikaner das glauben obwohl es wirklich widerlegt ist, es gibt keinen Zweifel mehr, dass Obama Christ und nicht Moslem ist. Viele Republikaner aber lassen sich nicht davon abbringen, weil wenn sie mit der Falschmeldung konfrontiert werden, sagen sie: Eh klar, die left wing liberal media muss das ja so sagen. Und das ist ein klassischer Mechanismus. Ich erreiche Menschen dann nicht mehr wenn sie alles was als Gegenargument vorgebracht wird, als Bestätigung ihrer Weltsicht verstehen.

Ist das eine krankhafte Ausprägung?

Das kann ich nicht beurteilen, aber bei Trollen etwa gibt es eine auffällig hohe Tendenz zum Sadismus, das zeigt eine kanadische Studie. Man kann es nicht jedem Troll unterstellen, aber Sadismus ist ja, dass sich jemand freut, wenn anderen Menschen Leid geschieht. Und bei den Glaubenskriegern würde ich nicht von krankhaft reden, aber es ist jedenfalls demokratieschädigend. Weil unsere Demokratie davon lebt, dass – auch wenn ich etwas anderes sehe – noch für Fakten zugänglich bin, die meiner Meinung widersprechen.

Jeder User kann selbst seinen Hass steuern

Du sprichst über fehlende Empathie im Netz, es gibt den Enthemmungs-Faktor. Nun wird der Anteil der Debatten-Kultur im Netz täglich größer. Wie wird sich das verändern? Und was wären Lösungen?

Ich glaube, dass wir uns in einer sehr entscheidenden Phase befinden, weil immer mehr Menschen bewusst wird, dass wir online ein Problem haben. Wir sind in einer Phase, in der wir merken, dass es entweder total grob und verroht wird online oder wir müssen etwas tun. Je heftiger die digitale Debatte wird, desto mehr wird das bewusst werden. Drei Ebenen auch der Lösung sehe ich hier. Erstens: der einzelne digitale Nutzer. Der fühlt sich oft ziemlich machtlos, aber jeder hat einen gewissen Handlungsspielraum. Zweitens: die politische Ebene. Ich finde es gut, dass es in Österreich etwa einen Cybermobbing Paragraphen gibt, weil damit Fälle greifbar werden. Und Drittens: die technische Ebene, denn die wird oftmals unterschätzt. Facebook und Google geben uns die Räumlichkeiten vor und die Tools, mit denen wir uns ausdrücken können. Lange Zeit war es einfach kein Thema, was man tun kann um sich schützen zu können. Auch um sagen zu können. Das kränkt mich gerade was du machst. Und viele Firmen leiden ja schon darunter, weil es viel Druck bedeutet und weil sie diese vielen Hasskommentare auch bearbeiten müssen.

Will Facebook echt nur die Wutbürger?

Reden wir über Facebook – erst im Februar hat Mark Zuckerberg in Berlin Schelte für sein schlechtes Monitoring in der Flüchtlingsfrage bekommen. Aber ist das Leiden echt schon so groß?

Wenn auf Seiten wie Facebook ständig so viele Hasspostings stehen, kriegt die Seite ein Problem, weil man den Hass mit dem Netzwerk verbindet. Facebook hat nichts davon, wenn nur noch die Wutbürger dort unterwegs sind. Ich glaube, sie tun sich schwer harte Schritt zu setzen und die ausreichenden Kapazitäten in ihr Moderatorenteam hineinzusetzen, aber es gibt schon Schritte, wo man sieht, dass sich Facebook Gedanken macht. Ein Beispiel, das zwar alle lächerlich finden, ich aber nicht. Facebook hat Reactions eingeführt, man kann also mittlerweile nicht nur liken, sondern auch differenzieren, welche Emotion man damit verbindet. Wow, haha, traurig usw. Das ist gut, es klingt zwar trivial, aber wir müssen versuchen online Tools zu entwickeln, die stärker Emotionen ausdrücken. Hass tut sich deshalb so leicht, weil andere Emotionen nicht so sichtbar sind, wie „das tut mir weh“. So einen Button bräuchten wir.

Du siehst aus wie mein linker Hoden

Auch Humor kommt in deinem Buch vor - was ist das denn für eine Strategie?

Humor zeigt, dass der Hass nicht trifft. Man biegt ihn sozusagen, Humor hat die Möglichkeit Emotionen umzudrehen - das sehe ich als Chance für die digitale Debatte.

Wie könnte das aussehen?

Mein Lieblingsbeispiel ist jenes des britischen Pop-Musikers James Blunt. Er wird fast schon traditionell geliebt oder gehasst, emotionalisiert also sehr. Ein Hater schrieb ihm: "James Blunt sieht aus wie mein linker Hoden." daraufhin antwortete Blunt: "Dann solltest du besser zum Arzt gehen." Der Hater war so verblüfft, dass er seine Strategie komplett drehte und schrieb: "James Blunt ist ab sofort mein liebster Celebrity- und ich wünschte, ich hätte seine Pfiffigkeit!"

"Hass im Netz", Ingrid Brodnig,

Verlag Brandstätter www.brandstaetterverlag.com

 

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