Im Zweifel für den Gummi

Männer, die bei One-Nights-Stands lieber kein Kondom tragen wollen, sind eh eine Randerscheinung, oder? Unsere Autorin erlebt das anders und meint: Ich kann diese Ausreden nicht mehr hören!

Kondome verwenden Männer

"Na gut", sagt er und verdreht leicht die Augen während er das Kondom aus seiner unordentlichen Schublade kramt. Wenn ich mit einem Mann einen One-Night-Stand habe und ihn frage, ob er denn eh ein Kondom verwendet, kenne ich kein anderes Szenario. Es ist es völlig egal, ob dieser Mann Anfang, Mitte, Ende zwanzig oder älter ist, ein "Bad Boy" oder "Eh-ein-Lieber" - die Situation ist immer die gleiche: Bei One-Nights-Stands Kondome verwenden? Nur, wenn du unbedingt magst.

Nur dieses eine Mal

Mittlerweile mache ich mir ja schon ein Spiel aus der Sache. Warte bis zum letzten Moment, ob er nicht doch zu Sinnen kommt und das Kondom auspackt. Damit ich zumindest einmal nicht diejenige sein muss, die die Spielverderberin ist. Die, die nicht „spontan“ genug ist, um es nicht doch „ohne“ zu machen. Denn, was macht das eine Mal schon aus? Trotzdem werde ich in den meisten Fällen enttäuscht. Zum Sinneswandel kommt es nicht. Und ich weiß: Es ist eben nicht nur dieses eine Mal. Wenn er es bei mir schon so versucht, wird es bei den letzten fünf Frauen nicht anders gewesen sein. In diesem Moment ist der Spaß für mich irgendwie wieder fast vorbei. Er ist frustriert, weil er jetzt doch nicht den ganz großen Spaß haben kann und ich bin es auch, weil mir dieses Verhalten einfach nur noch zu wider ist. Und irgendwie fühlt es sich auch einfach nicht sehr nach konsensuellem Sex an, wenn in Mann dich nicht fragt, ob es „auch ohne Kondom ok ist“ - bevor er seinen Penis in dich rammt. Warum muss ich als Frau ständig die Spaßbremse spielen, warum kann es nicht einfach ein gemeinsames Einverständnis darüber geben, dass man beim Sex mit fremden Personen ein Kondom verwendet?

Kein Einzelfall

Man könnte jetzt meinen, ich hätte mit meinen nächtlichen Eroberungen auch einfach Pech gehabt, halt mehrmals hintereinander mit einer Quote von knapp 100 Prozent. Fair enough. Das Problem ist nur: Ich bin kein Einzelfall und wenn ich mich so umhöre, geht es jeder einzelnen Single-Frau in meinem Umfeld gleich. Wenn eine dann doch einmal den Überredungskünsten eines Typen nachgibt, schimpfe ich mit ihr. Vor allem aber ärgere ich mich. Weil es manche Männer dann eben doch schaffen. Für ihre Ausreden sind sich diese Männer für nichts zu schade. „Ich war eh lange in einer Beziehung“, „Ich kann nur ohne“, „Ich lass mich eh regelmäßig testen“, „mein Schwanz ist zu groß“, you name it, ich habe sie schon alle gehört. Vor allem letztere Ausrede ist nicht nur ziemlich lahm, sondern auch faktisch (in den allermeisten Fällen) einfach falsch. Eine Studie der U.S. Food and Drug Administrationkam zu dem Schluss, dass der Grund, warum Kondome bei Männern so unbeliebt sind, nicht der ist, dass sie „zu klein“ sind – sondern genau im Gegenteil: laut deren Erkenntnissen war die Standardgröße von Kondomen nämlich meist zu groß für den durchschnittlichen Penis und kam deswegen nicht so gut an.

Und ganz ehrlich, liebe Männer? So gut eure Ausrede auch sein mag - kein Vorwand dieser Welt schützt mich oder euch vor Geschlechtskrankheiten. Und mich vor einer Schwangerschaft schon gar nicht. Trotzdem sind diese triftigen Gründe im Moment des Affekts nie gut genug, um es nicht trotzdem einmal ohne Kondom zu versuchen. Statistisch gesehen, stecken sich täglich ein bis zwei Person in Österreich mit HIV/AIDS an. Ich möchte nicht wissen, wie viele von ihnen "nur dieses eine Mal" kein Kondom verwendet haben.

Ist Gesundheit wirklich nicht wichtig genug?

Ich frage mich dann immer, was im Kopf eines Mannes vorgeht, dem es in diesem Moment einfach egal ist, ob er sich mit etwas ansteckt oder nicht. Ob das vermeintlich bessere Empfinden (Newsflash: das ist eigentlich auch nur Kopfsache) wirklich so wichtig ist, dass man es ohne groß nachzudenken über die eigene Gesundheit stellt. Was mir aber eigentlich viel mehr Sorgen bereiten sollte: der mangelnde Respekt vor meiner Person. Es mag in Ordnung sein, mit seinem eigenen Gewissen zu vereinbaren, sich diesem Risiko auszusetzen. Der anderen Person aber das gleiche zuzumuten und noch mehr – auch noch Überredungsversuche dahingehend zu starten, ist nicht nur widerlich, sondern kratzt ganz schön am sexuellen Einverständnis. Und bis wir uns gesellschaftlich nicht mal über diesen Minimalkonsens einig sind, brauchen wir auch nicht zu glauben, dass Frauen Recht gegeben wird, wenn sie einen Mann wegen „Stealthing“ anzeigen.

Seitdem ich die „Stealthing“-Vorfälle kenne, erwische ich mich manchmal dabei, während dem Sex noch einmal nachzusehen, ob er das Kondom eh nicht weggetan hat. Oder denke darüber nach, ob er mir Bescheid geben würde, wenn es unabsichtlich runtergerutscht ist. Wieso auch sollte ich einem Fremden vertrauen, wenn ich davor noch mit ihm über die Sinnhaftigkeit eines Kondoms per se diskutieren musste? Noch mehr frage ich mich aber: In was für einer Welt leben wir, in der ich mir über solche Dinge überhaupt Gedanken machen muss? Es mag viele Männer geben, die anders sind. Ich habe sie aber noch nicht kennengelernt. Und das ist beängstigend genug.

Und was tun wir dagegen?

Wie viele Mädchen werden sich in Zukunft noch mit solchen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten herummühen müssen? In der Politik kann ich jedenfalls lange nach Bemühungen suchen, dieses elementare sexuelle Wissen unter Jugendlichen zu verbessern.

Ein kürzlich von der Regierung beschlossene Abschaffung der externen schulischen Aufklärung könnte nun sogar zu einer Verschlechterung des Wissens und dem Verständnis unter Jugendlichen beitragen, befürchten viele ExpertInnen. Sexuelle Aufklärung ist in diesem Land, das eben wegen dieser schlechten sexuellen Bildung eine der höchsten Abtreibungsraten Europas aufweist, wohl nicht wichtig genug. Und wenn es der Politik egal ist, warum sollte es dann in der Gesellschaft so viel anders sein?

 

Aktuell