"Ich will, dass Menschen netter zu uns sind!"

Die 24-jährige ausgebildete Tanzassistentin Johanna Ortmayr kämpft für die Rechte von Menschen mit Downsyndrom. Völlig normal, dass sie deswegen auch mit dem Bundespräsidenten Tee trinkt.

Johanna Ortmayr

Den Fehler machen wir gleich am Anfang unseres Treffens mit Johanna Ortmayr: sie im ersten Sympathieüberschwang ungefragt zu duzen und dann auch noch zu bemuttern („Wo ist deine Haube? Wart, ich helf dir aus dem Mantel!“). Gut gemeint, aber ganz und gar nicht gut gemacht! Erwachsene mit Downsyndrom (kurz: DS, auch Trisomie 21) sind keine Kinder. Der Bitte von Johanna Ortmayr
kommt die WIENERIN gerne nach: „Nehmt uns für voll! Gebt uns die Zeit, die wir brauchen, aber stresst uns nicht – wir können das doch!“ Geduzt wird dann natürlich doch noch, und zwar in alle Richtungen. Johanna Ortmayr ist 24 Jahre alt und die erste „Betroffene“, die zur Präsidentin des österreichischen Downsyndrom-Verbandes gewählt wurde (im Herbst 2018) – ein Ehrenamt, das sie nicht nur selbst sehr erfreut, sondern ihr auch Treffen mit hochstehenden Persönlichkeiten wie Alexander Van der Bellen ermöglicht. Direkt nach dem Plauscherl mit der WIENERIN ist Frau Ortmayr
mit dem Bundespräsidenten verabredet, in der Hofburg will sie in ihrer Funktion als Präsidentin u. a. das Thema „arbeitsrechtliche Gleichstellung von Menschen mit DS“ ansprechen. Also schnell noch die verrutschte Brille zurechtgerückt und etwas Lippenstift aufgelegt. Berührungsängste hat sie keine, schon gar nicht mit einer Kamera. Johanna Ortmayr fühlt sich vor der Linse von WIENERIN-Fotografin Petra Rautenstrauch pudelwohl. Die vielen Jahre als Tänzerin bei der wunderbaren inklusiven Ich bin O.K. Dance Company haben ihr das nötige Selbstvertrauen gegeben, ihr Potenzial einem Publikum sichtbar zu machen. Sie orientiert sich nicht an Defiziten und Normabweichungen, sondern daran, was möglich ist, wenn man versucht, es zu erreichen. Gerade von dieser Haltung kann sich jede/r ein Scheibchen abschneiden – egal ob mit oder ohne DS.
Manchmal verschluckt Johanna beim Sprechen Silben, artikuliert sich undeutlich oder wiederholt Formulierungen – inhaltlich kommt sie aber trotzdem auf den Punkt.

WIENERIN: Wie war der Moment, als du Präsidentin des österreichischen Downsyndrom-Verbandes geworden bist? Schließlich bist du die erste „Betroffene“, die gewählt wurde – du hast Geschichte geschrieben.
Johanna Ortmayr: Das hat sich sehr gut angefühlt. Obwohl ich denke, dass ich Menschen mit DS sehr gut vertreten kann, gibt es auch ein paar, die eifersüchtig sind und nicht verstehen, warum ich gewählt wurde. Toll ist auch, dass eine Frau ins Präsidentenamt gewählt wurde. (Anmerkung: Vizepräsident ist ein Mann, der 21-jährige Salzburger Michael Sebald, auch er ein Betroffener.)

Was sind deine Anliegen als Präsidentin?
Ich darf mich dafür einsetzen, dass man uns endlich zuhört. Ich darf meine Meinung sagen und die von anderen Menschen mit DS vertreten. Ich darf sagen, dass wir schlaue und glückliche Menschen
sind. Menschen mit Downsyndrom sind normal und wollen auch so akzeptiert und wahrgenommen werden. Wir brauchen keinen Sonderstatus. Wichtig ist auch, dass wir manchmal etwas mehr Zeit brauchen, um Abläufe einzustudieren. Wir wollen eben keinen Stress haben. Die Menschen sollen darauf Rücksicht nehmen, Menschen mit DS nicht zu stressen.

Deiner Erfahrung nach können sich also Menschen mit DS im Augenblick noch immer nicht ausreichend Gehör verschaffen?
Nein. Es gibt Menschen, die denken anders als wir und sagen hinter unserem Rücken Sachen, die nicht so schön sind. Das soll nicht so sein. 

Wie reagierst du, wenn dich jemand bemitleidet?
Ich bemitleide ihn einfach zurück!

Womit kann man dich so richtig verärgern?
Wenn mich jemand verarscht.

Du triffst jetzt gleich den Bundespräsidenten. Was bedeutet das für dich?
Ich bin sehr aufgeregt. Ich fühle mich geehrt.

Was erwartest du vom Bundespräsidenten?
Dass er uns und unsere Rechte unterstützt.

Du sprichst oft von Gleichstellung und Gleichberechtigung für Menschen mit DS. Betrifft das die Arbeitswelt?
Richtig. Das heißt aber auch, dass Menschen einfach mehr mit uns mitfühlen sollen und damit einverstanden sind, dass wir dies und das machen dürfen. Und dass die Menschen netter zu uns sind.

Bist du eine Kämpferin?
Ja, das bin ich. Soll ich euch das einmal zeigen? (Johanna Ortmayr nimmt eine Kampfpose ein, ballt die Fäuste.) Nicht, dass ihr euch erschreckt!

Machst du anderen Mut?
Ja, das mache ich. Viel Mut sogar.

Johanna Ortmayr Präsidentin des österreichischen Downsyndrom Verbandes

Wie sieht der Alltag von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung oder Lernschwäche aus? Wie kann man euch am besten unterstützen? Du wirkst ja sehr autonom …
Menschen mit DS brauchen in manchen Bereichen Unterstützung, etwa beim Organisieren. Ich habe wegen meiner Lernschwäche eine Betreuerin, sie heißt Marlies. Sie unterstützt mich ein- bis zweimal die Woche bei Terminen, im Haushalt, generell in allem. Auch meine Mutter unterstützt mich.

Immer mehr Menschen mit DS können heute mit sehr wenig externer Hilfe selbstständig sein, etwa in einer WG wohnen. Was bedeutet autonomes Wohnen für dich persönlich?
Der Anfang war etwas schwierig für mich. Bei mir fühlt es sich noch frisch an. Schließlich wohne ich erst seit einem Monat zusammen mit meiner besten Freundin Swatina (der Hamburger Schauspielerin und Tanzassistentin Swatina Wutha, die 2017 als erste Debütantin mit DS den Opernball eröffnet hat, Anm.) in einer Zweier-WG im fünften Bezirk; davor habe ich bei meiner Mutter gewohnt. Inzwischen finde ich es aber sehr gut. W

Wie funktioniert euer Zusammenleben? Passt die eine auf die andere auf? Ist die eine etwas schlampiger als die andere?
Schlampiger? Nein, das kann man nicht sagen (kichert). Dafür gibt es manchmal Phasen, wo wir auch streiten. Aber Streit mit Swati mag ich gar nicht. Sie ist ein Vorbild für mich und meine beste Freundin.

Du bist auch berufstätig und verdienst dein eigenes Geld. Fünfmal die Woche arbeitest du bei der Lebenshilfe Wien und verrichtest dort verschiedene Tätigkeiten.
Ich mag die Arbeit. Ich arbeite auch sehr gern in der Werkstatt, wo ich Räume für Seminare herrichte und Tische und Gläser für die Teilnehmer vorbereite.

Diese Woche hast du dein Diplom erhalten. Damit gehörst du zu den ersten Absolventen der 2017 für Menschen mit Lernschwierigkeiten ins Leben gerufenen Ausbildung zur TanzassistentIn. Du bist jetzt offiziell dafür geschult, Kinder und Jugendliche im Tanzen zu unterrichten. Wie fühlt es sich an, jemand anderem etwas erfolgreich vermitteln zu können?
Sehr gut. Als Tanzlehrerin kann ich zeigen, was ich draufhabe. Es wäre mein absoluter Traumjob, an einer Schule Tanz zu unterrichten.

Und das natürlich in einem korrekten Anstellungsverhältnis …
Richtig!

Magst du es beim Tanzen lieber klassisch – oder doch modern, zum Beispiel Hip-Hop?
Ich tanze generell gern.

Mit dem Diplom als Tanzassistentin hast du dein Hobby zum Beruf gemacht. In den letzten Jahren hast du bei den Produktionen der Ich bin O.K. Dance Company auch einige Hauptrollen getanzt. Wie
fühlt es sich für dich an, auf einer Bühne zu stehen?

Auf der Bühne fühle ich mich wie ein Superstar. Genauso habe ich mich gefühlt, als ich Präsidentin geworden bin.

Für alle, die noch nie auf einer Bühne gestanden sind: Wie fühlt sich Applaus an?
Applaus fühlt sich echt super an. Es wird dir warm ums Herz …

In letzter Zeit achtest du genau auf deine Ernährung …
Ich esse zurzeit nicht so viel Zucker, weil ich mehr aufpassen soll. Ich hatte eine spezielle Ernährungsberatung für Menschen mit Downsyndrom. Zum Beispiel sind gesunde Öle sehr wichtig.

Das Thema der gesunden Ernährung verbindet Frauen mit und ohne DS, oder?
Und Männer.

Du hast recht! Möchtest du den WIENERIN-Leserinnen noch etwas ausrichten?
Gern! Bitte schaut auf eure Ernährung – und bleibt so, wie ihr seid!

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