Haha, dann werden wir eben alle dick

Zwei Extreme beherrschen die Social Media Feeds der Corona-Krise: Machst du noch Home-Workouts oder lachst du schon über deinen dicken Bauch? Witze über die Abkehr von Schönheitsnormen können befreiend sein - oder sie zementieren diskriminierende Strukturen weiter ein.

Am Anfang war der Handstand, dann kam 'Too Hot To Handle'. Jenen, die privilegiert genug sind, um sich nicht um Geld, Gewalterfahrungen oder Gesundheit sorgen zu müssen, blieb im Lockdown die schwierige Entscheidung: Soll man diese unverhoffte Zeit 'sinnvoll' nutzen? Oder ist schon wieder Zeit für einen Snack zum Trash TV?

Eine Flut an Postings in den Social Media Feeds der letzten Wochen scheint zu versichern: Nach der Selbstisolation werden zwei Arten von Menschen in die reale Welt zurückkehren. Da wären auf der einen Seite die Guten, die sich wochenlang in Selbstdisziplin geübt haben. Die durch in Live-Videos dargebotenen Home-Workouts ihre Körper gestählt und sich rundum selbst optimiert haben. Sie können inzwischen sekundenlang auf Händen balancieren. Und die Anderen. Die sich der Trägheit hingegeben haben. Zu Beginn vielleicht noch zaghaft, dann bestärkt durch die Gewissheit, dass eine Pandemie ein guter Grund für einen Rückzug vom Alltagsstress ist. Das wäre fast schon eine revolutionärer Akt, bliebe nicht die in unzähligen Memes wiederholte Pointe: Sie essen zu viel und sind fortan 'fett'. Aber, so versichert der Humor in Zeiten von Corona beinahe versöhnlich: Schirch werden eh alle sein. Dafür sorgen schon geschlossene Kosmetikunternehmen, von Friseur*innen bis zum Nagelstudio.

Wer schön ist, hat es leichter im Leben

Diese Angst vor der 'Hässlichkeit' fußt auf realen Mechanismen. "Wer als schön gilt, findet leichter einen Job, hat mehr Erfolg beim Dating, verdient mehr, kurz: hat eindeutig Vorteile in vielen Lebensbereichen", bestätigt Elisabeth Lechner. Die Kulturwissenschaftlerin forscht an der Universität Wien zu den komplexen gesellschaftlichen Strukturen, die Schönheitsideale hervorbringen. Das hört auch während einer Pandemie nicht auf, wenn mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung von Ausgangsbeschränkungen unterschiedlicher Ausmaße betroffen ist. "Man würde meinen, dass Schönheitsarbeit abgesagt wäre, wenn die Gesellschaft auf eine 'systemrelevante' Stufe zurückgefahren wird und Schönheit – sichtlich nicht 'systemrelevant' – kein oder zumindest deutlich weniger externer Wert zukommt. So einfach ist es aber nicht", sagt Lechner. "Ein Leben lang wurden wir sozialisiert mit Idealbildern von graziler, weiblicher Schönheit. Wir alle haben Dickenhass und eine Abscheu vor Körperbehaarung internalisiert. Diese tief verankerten Bilder lassen uns natürlich trotz Pandemie nicht einfach so los."

Wie sich Selbstisolation und Quarantäne auf Selbstbild und Schönheitsdruck auswirken, lässt sich empirisch noch nicht sagen. Feststeht aber, dass Social Media das Körperbild nachhaltig beeinflusst - im Guten wie im Schlechten. Noch nie war die Bandbreite sichtbarer Körper so divers wie heute. Bewegungen wie Body Positivity und Body Neutraliy, die einen Zugang zu Schönheit jenseits der gesellschaftlich akzeptierten Norm 'dünn-hellhäutig-rasiert' propagieren, haben durch soziale Medien eine breite Bekanntheit erreicht. Das erweitert die wahrgenommene Realität und: empowert. Eine australische Studie aus 2019 belegt, dass selbst eine kurze Auseinandersetzung mit bodypositiven Instagramposts das eigene Körperbild und die Laune im Vergleich zu idealisierten Darstellungen verbessert. Gleichzeitig bringen sie User*innen dazu, noch mehr über ihre Körper und ihr Aussehen nachzudenken, als sie das ohnehin schon tun, und fördern den Vergleich mit Anderen. 2018 fanden Wissenschaftlerinnen der York Universitätheraus, dass sich junge Frauen schlechter in ihren Körpern fühlen, nachdem sie Fotos von als attraktiver empfundenen Frauen in sozialen Medien gesehen hatten. Andere Studien belegen noch drastischere Auswirkungen der Netzwerke. Sie können Essstörungen verschlimmern, Depressionen oder Angststörungen hervorrufen oder forcieren, und an eine Realität glauben lassen, die so nur in sorgfältig kuratierten Feeds existiert. Das "echte Leben" kann im Vergleich meist nur verlieren.

Man lacht darüber, dass wir alle mit Monobrauen und mehr Gewicht aus der Quarantäne kommen werden und verschafft sich dadurch Erleichterung. Im Prinzip belegen solche Postings nur, dass wir in einer zutiefst lookistischen Gesellschaft leben, in der Menschen aufgrund ihres Aussehens beurteilt werden und dass für Menschen, die als "hässlich" gelten, negative Konsequenzen zu erwarten sind.

von Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner

Schönheit hat auch während der Coronakrise keine Pause

Die Corona-Krise treibt diese Selbstdarstellung zu neuen "wunderlichen Blüten", wie Lechner es nennt. Celebrities wie Bella Hadid, Eva Mendes oder Julia Roberts werden für ihren Mut gefeiert, sich in Zeiten von Social Distancing auf Fotos ohne Make-Up zu zeigen. "Dabei wird außer Acht gelassen, dass das 'I woke up like this' dieser Berühmtheiten oft trotzdem auf dem Tragen von nude Foundation und Unmengen nicht mehr direkt sichtbarer Schönheitsarbeit (wie chirurgischen Eingriffen, Botox, etc.) beruht", kritisiert die Expertin. Die User*innen sehen nur ein vermeintlich perfektes Bild, das erneut bestätigt: Schönheit ist wertvoll.

Die Reaktionen auf diese Übermacht der Körperbilder könnten auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein. Die einen ahmen nach, die anderen machen Witze. Letztlich geht es aber immer um den Wert der Schönheit. "Beide Zugänge sind Ausdruck der neoliberalen Leistungsgesellschaft, in der von uns allen ständig gefordert wird, uns in alle Richtungen zu optimieren, um in einem System 'produktiv' zu sein, das ultimativ auf unserer Ausbeutung fußt", erklärt Lechner. Ob man dieses Dogma nun verfolge, oder sich darüber lustig mache - wer mitmacht, habe verstanden: Das ist das Gebot der Stunde.

Moment: Ist Schirchsein jetzt lustig?

Die vielen Witze aber, die sind neu. "Nichts hat mich in den letzten Wochen so sehr fasziniert wie die viral gegangenen Posts zu Schönheitsarbeit", sagt Lechner. In einem Posting werde etwa auf humoristische Art empfohlen, sich die Augenbrauen abzurasieren, falls das Zuhausebleiben schwer fällt. "Es wird suggeriert, dass die Erfahrung das Haus ohne Augenbrauen zu verlassen, so beschämend und schrecklich sein muss, dass man dann wohl freiwillig daheim bleibt und den Kontakt zu anderen meidet." Als Witz kann das eine gute Bewältigungsstrategie in der Krise sein. Gerade Menschen, die in Kurzarbeit und Home Office mehr Zeit haben, weil sie keine 'systemrelevanten' Berufe oder Betreuungspflichten haben, fehle oft die gewohnte Routine - und dazu gehört auch Schönheitsarbeit. Humor kann hier helfen, ist aber nicht immer unproblematisch.

Self-deprecating humor heißt die Art von Humor im Englischen, mit der sich Witzeerzähler*innen selbst herabsetzen. Einer Studie der Universität Granada aus 2017 zu Folge sind Menschen, die Witze über sich selbst machen, generell glücklicher, sozialer und haben mehr Selbstvertrauen. Führungskräfte, die Witze auf ihre eigenen Kosten machen, werden laut einer 2013 im Fachmagazin Leadership & Organization Development Journalveröffentlichten Studie als vertrauenswürdiger und sympathischer wahrgenommen. Self-deprecating Humor soll außerdem attraktiv machen, belegt eine Studie der University of Albuquerque 2008. Das gilt allerdings nur, wenn die Betroffenen sowieso schon hoch angesehen ist. Menschen mit niedrigem Status können durch diese Art von Humor noch weniger attraktiv erscheinen.

Selbstironie schützt nicht vor Fatshaming

Genau das ist das Problem: Self-deprecation kann auch als Zustimmung der Betroffenen gewertet werden, dass sie von jenen, die einen höheren Status haben, ausgelacht werden dürfen. Forscher*innen belegten das bereit in den 1990ern, die Ergebnisse bestätigten sich in weiteren Studien aus 2004 und 2008. Wer Witze über ein Thema erzählt, sagt nämlich auch: Dieses Thema ist es wert, dass man sich darüber lustig machen kann. Die tasmanische Comedienne Hannah Gadsby spricht in ihrem Netflix-Special Nanette genau darüber: "Versteht ihr, was self-deprecation bedeutet, wenn es von jemanden kommt, der ohnehin schon eine Minderheit ist?Es ist nicht Demut. Es ist Demütigung. Ich erniedrige mich selbst, um sprechen zu dürfen." Humor, und besonders solcher, der mit Tabus bricht, kann Spannungen lösen und den Zusammenhalt zwischen Erzähler*in und Zuhörer*in fördern. Es bleiben dennoch die Fragen: Wer profitiert? Wer bekommt die Deutungshoheit? Wer hat die Macht?

"Man lacht darüber, dass wir alle mit Monobrauen und mehr Gewicht aus der Quarantäne kommen werden und verschafft sich dadurch Erleichterung. Im Prinzip belegen solche Postings nur, dass wir in einer zutiefst lookistischen Gesellschaft leben, in der Menschen aufgrund ihres Aussehens beurteilt werden und dass für Menschen, die als 'hässlich' gelten, negative Konsequenzen zu erwarten sind", sagt Lechner. "Da hilft auch die Selbstironie nicht. Wenn marginalisierte Gruppen, wie dicke Menschen, in Postings öffentlich beschämt und als Worst Case Szenario dargestellt werden, werden diskriminierende Strukturen aufrecht erhalten, die es eigentlich zu bekämpfen gilt."

Aus der 'Hässlichkeit' eine Chance machen?

Noch nie war Schönheitsarbeit so präsent in sozialen Medien wie jetzt. Noch nie haben so viele Menschen, für die das sonst zum Alltag gehört, gleichzeitig über Wochen auf Friseurbesuche, Nagelstudio und Waxing verzichtet und ihre Körper wieder ohne kosmetische Veränderungen erlebt. "Egal ob wir uns nun die Nägel lackieren, die Beine rasieren, uns schminken oder nicht. Die Bedeutungen, die wir all diesen Praktiken beimessen, sind momentan vieldeutiger, bewusster und offener", sagt Lechner. Sie hofft auf eine Richtungsänderung. "Wenn wir bewusst hinhören, genau hinsehen und in uns hineinfühlen gehen wir vielleicht mit einem anderen Schönheits- und Körperbewusstsein aus dieser Krise und trauen uns danach offener gegen die Schönheitsindustrie aufzutreten." Oder kurz gesagt: "Riot! Don’t Diet!"

 

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