Gastbeitrag: Das N-Wort im Burgtheater und warum Kunst das nicht darf

Darf im Namen der Kunst ein degenerierendes Wort in der ganzen Stadt plakatiert werden? Aktivistin Denise Langmann über eine vielleicht gut gemeinte, aber trotzdem falsche Auseinandersetzung.

Am 2. Oktober 2018 fand die Premiere der deutschen Version von Bernard-Marie Koltés‘ Theaterstück „le combat de n***** et le chiens“ (dt. „Kampf des N*** und der Hunde“) am Wiener Akademietheater statt. Das 1980 verfasste Stück enthält ein Wort, von dem im Jahr 2018 wohl jede Person mit dem kleinsten Fünkchen an Bewusstsein für ihre Umwelt weiß, dass es absolut zu vermeiden ist, wenn mensch nicht selbst der konstruierten Gruppe angehört, die dieser Begriff meint. Das Burgtheater verwendete das Wort unzensiert, plakatierte es übergroß in ganz Wien. Die Folge: Protestaktionen, starke Kritik und Rassismusvorwürfe dem Burgtheater gegenüber. Dieses reagiert darauf mit der Möglichkeit, das Thema im Rahmen eines Publikumsgesprächs am 15. Oktober öffentlich zu diskutieren.

Gut gemeint? Um welchen Preis?

Während sich die Aktivist*innen vor dem Akademietheater auf die Diskussion vorbereiten, sehen sich im Haus vier Personen der Gruppe das Stück an. Unter ihnen auch Persy-Lowis Bulayumi, er ist stellvertretender Obmann der Initiative für ein diskriminierungsfreies Bildungswesen (IBD). Er wirkt erschöpft und schildert seine Eindrücke: „Sie [das Burgtheater, die Kurator*innen] wollen den Leuten über Rassismus etwas beibringen, erfahrbar machen. Aber sie verstehen nicht, dass das ständige Reproduzieren von dem, was sie als Vergangenheit ansehen, für uns [Betroffene, schwarze Menschen] ein Messerstich ist, der die ganze Zeit ins Herz geht. Du sitzt da drinnen und hast Panik.“ Das Problem sei nicht das Zeigen des Stückes an sich, sondern dass jegliche Expertenbegleitung (wie es etwa immer noch bei sogenannten verbotenen Filmen aus der NS-Zeit der Fall ist) oder eine anfängliche Rede, ein Hilfestellung zum richtigen Verständnis des Inhalts, fehlt.

Am folgenden Publikumsgespräch nehmen Regisseur Miloš Lolić, Dramaturgin Eva-Maria Voigtländer und die Schauspieler*innen Philipp Hauß, Ernest Allan Hausmann, Stefanie Dvorak und Markus Meyer teil. Als eine junge Schwarze Frau die Frage an das Team stellt, wieso denn unbedingt das N-Wort verwendet, ausgeschrieben und (von weißen Personen) ausgesprochen werden muss, verlassen die ersten Theatergäste das Publikumsgespräch. Lolic meint, der künstlerische Gebrauch des N-Wortes sei gerechtfertigt, da es ja im Alltagsgebrauch nicht (mehr) verwendet werde – eine Aussage, die er dann im späteren Verlauf der Diskussion negiert getätigt zu haben. Das Team (Schauspieler*innen und Regie) betont während der Diskussion unermüdlich, wie sehr man sich im Vorhinein damit auseinandergesetzt habe: Berater wären herbeigezogen, der Titel und die Verwendung des N-Wortes besprochen und abgewogen worden; es sei keine leichte Entscheidung gewesen. Was das Burg-Team als Argument für ihren guten Willen sprechen lassen will, sehen Betroffene im Publikum ganz anders.

Warum Kunst das nicht darf

Das N-Wort hat eine unvorstellbar grausame Geschichte, ist unlösbar verbunden mit Schmerz und Trauma. Die bewusste Entscheidung, das Stück so zu übersetzen, das Wort auch noch auszuschreiben und in Wien zu plakatieren und damit in Kauf zu nehmen, dass tagtäglich tausende Menschen es sehen, ohne einen Kontext dazu geliefert zu bekommen, hat nichts mit künstlerischer Freiheit oder der Dekonstruktion von Rassismen zu tun.

Marginaliserte Gruppen, wie People of Color, Frauen und LGBTQIA+ Personen leisten täglich enorme emotionale Arbeit. Indem das Burgtheater das N-Wort in ganz Wien plakatiert, erwarten sie von schwarzen Menschen nicht nur, dass sie „um der Kunst Willen“ emotionale Arbeit leisten, indem sie diesem Begriff ausgesetzt werden. Es verlässt sich auch auf die unbezahlte Aufklärungsarbeit durch PoC, wie Persy in einer Reflexion des Abends zusammenfasst: „Die Dramaturgin sagte mir am Schluss [der Diskussion] auch, dass das Zielpublikum ein weißes war/ist. Das Problem: Wirklich verstanden wird das Stück nur, wenn wir anhand unserer persönlichen Erfahrungen weißen Theaterbesucher*innen erklären, was die einzelnen Szenen bedeuten.“

Dass degradierende und negativ konnotierte Bezeichnungen für marginalisierte Gruppen, wie zum Beispiel das N-Wort für Black People of Color, ausschließlich von Betroffenen als subversive Handlungen und Selbstbezeichnungen verwendet werden sollen, zeigen Phänomene wie die Slut-Walks in den USA, Bewegungen wie #blacklivesmatter, #metoound viele andere. Von einer renommierten Institution wie dem Burgtheater kann dieses Bewusstsein durchaus erwartet werden. Plakatierung von Abwertung und Inkaufnahme von Retraumatisierung von Betroffenen für ein bisschen mehr PR? #nichtmituns

Über die Autorin

Denise Langmann ist 23 Jahre alt, queer und Aktivistin (zum Status des links-linken Gutmenschen fehlen leider noch ein paar Level). Sie studiert Englisch und Philosophie an der Universität Wien und arbeitet als Nachhilfelehrkraft. Denise beschäftigt sich mit intersektionalem Feminismus, schreibt über den Alltag als Betroffene von psychischen Erkrankungen und liefert gerne Einblicke über das Leben mit dem süßesten Hund der Welt (für Parteilichkeit wird von der Redaktion keine Verantwortung übernommen).

Anmerkung: In der Beschreibung des Stückes auf der Website des Burgtheaters erklärt man die Umsetzung des Stückes wie folgt:

„In der deutschen Übersetzung des Stücktitels Combat de nègre et de chiens steht das Wort „N****“, das im heutigen Sprachgebrauch wegen seiner diskriminierenden und beleidigenden Funktion gemieden wird. In diesem Kontext haben wir uns entschlossen, dieses Wort grafisch abzusetzen, um uns davon zu distanzieren, es aber dennoch auszuschreiben. In diesem Wort kommt zum Ausdruck, dass es in Koltès’ Stück weniger um Hautfarben und mehr um Unterdrückung und Ausbeutung geht. Diese Machtstrukturen, die hinter dem Wort stehen und die bis heute fortbestehen, werden im Stück offengelegt und dekonstruiert. Mit dem Gebrauch dieses Wortes im künstlerischen Kontext soll der Schandfleck der europäischen kolonialen Vergangenheit und seiner postkolonialen Gegenwart verhandelt werden, anstatt ihn mit einer Titeländerung zu verdecken.“

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