"Frauen ist es wichtiger, gut im Bett zu sein als sich gut im Bett zu fühlen."

Bei Sex geht es nie nur um Sex, sondern immer auch um Rechte, Rollen und letztlich Macht – und die haben in Hetero-Beziehungen immer noch Männer.

Warum sie will, was er will

Frauen kommen bei Heterosex deutlich seltener zum Orgasmus als Männer. Das weiß man und hat einen Namen: Orgasm Gap – quasi der Gender Gap im Schlafzimmer. Und der rührt nicht etwa aus biologischen Hintergründen oder davon, ~dass sich Frauen beim Sex nicht so leicht fallen lassen können wie Männer~. Die Antwort sitzt tief, in jahrhundertelanger Unterdrückung der weiblichen sexuellen Selbstbestimmtheit und Freiheit.

Frauen haben heute mehr Freiheiten und Rechte als je zuvor, wachsen aber noch immer in einer Welt auf, in der der männliche Blick wichtiger als der weibliche Wille ist. Sandra Konrad ist Diplompsychologin und Autorin. In "Das beherrschte Geschlecht" (Piper Verlag, € 12,40) hinterfragt sie den Stand der weiblichen Selbstbestimmung und entlarvt bis heute wirksame Geschlechterklischees.

Eine Studie (>>> WIENERIN berichtete) hat kürzlich gezeigt, dass ein Großteil der Frauen beim heteronormativen Sex nicht aus Lust, sondern eher aus Frust stöhnt, um den männlichen Liebhaber in seinen Fähigkeiten im Bett zu bestätigen und ihn schneller zum Orgasmus zu bringen. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis? Sind Sie überrascht?

Nein, denn zur weiblichen Sozialisierung gehört auch im 21. Jahrhundert, Männern Lust und Befriedigung zu verschaffen. Die Frau von heute soll sexy sein und sexuell aktiv - und zwar genau in dem Maß, in dem der Mann davon profitiert. Dazu gehört dann auch, beim Sex laut zu stöhnen, um dem Mann zu signalisieren, dass er ein toller Liebhaber ist. Weitaus dramatischer finde ich, dass der eigene Orgasmus Frauen oft unwichtiger ist, als der des Mannes – der gehört nämlich traditionell zum Sex einfach dazu. Die eigene Befriedigung wird (freiwillig) hintangestellt.

Wie schätzen die Situation ein: Wie viel stöhnen Frauen aus Selbstbestimmtheit und Lust heraus? Wie viel aus dem Gefühl heraus, es tun zu müssen, weil man es durch (male gaze) Pornos so gelernt hat?

Im Idealfall ist Stöhnen ein authentischer Ausdruck der eigenen Lust, aber es gibt auch andere Gründe: Eine junge Frau, die ich im Rahmen der Recherche für mein Buch interviewt habe, erzählte mir, dass sie dachte, lautes und durchgehendes Stöhnen ihrerseits gehöre zum Sex dazu, weil sie es in Pornofilmen so gesehen hatte. Erst, als ihr Freund sagte, dass ihr Stöhnen ihn verunsichere, weil es sich unecht – und wie im Porno – anhöre, wurde ihr bewusst, dass sie versuchte, einem Bild zu entsprechen und ihm zu gefallen. An diesem Beispiel sieht man, wie stark Bilder und Geschichten wirken und dass wir unser Verhalten oft unbewusst an vorgegebene gesellschaftliche Scripte anpassen. Und im Porno gibt es eben Bilder von gefälligen Frauen, die Botschaft lautet: "Sie will, was er will und sie macht, was er will". Pornos, (die von jungen Frauen auch zu Weiterbildungszwecken geschaut werden), tragen dazu bei, dass Frauen eher Lustspenderin und Befriedigungsgehilfinnen sind, als selbst auf ihre eigenen Kosten zu kommen. Anders gesagt: Vielen Frauen ist es wichtiger, "gut im Bett" zu sein, als sich gut im Bett zu fühlen.

Hat sich das auch bei der Recherche zu Ihrem Buch "Das beherrschte Geschlecht - Warum sie will was er will" gezeigt?

Die meisten Frauen, mit denen ich für mein Buch gesprochen habe, beschrieben sich als sexuell befreit und selbstbestimmt, verhielten sich aber absolut angepasst, norm- und regelkonform. Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass viele von ihren Bedürfnissen weit entfernt sind, dass sie ihren Körper nicht mögen (oder sich für ihn schämen) und dass sie wenig Zugang zu ihrer eigenen Lust und Befriedigung haben. Besonders erschreckend ist, wie viele kein Gefühl für ihre eigenen Grenzen haben. Immer wieder erzählten mir Frauen, dass sie erst im Nachhinein merkten, dass sie über ihre Grenzen gegangen waren und sich schlecht fühlten, oder sich schämten, weil sie überhaupt eine Grenze hatten. Das Tabu des 21. Jahrhunderts ist für Frauen nicht Sex, sondern Grenzen zu haben.

Kann man als Frau in einem patriarchalen System denn überhaupt sexuell selbstbestimmt und sexuell frei aufwachsen?

Man muss auf jeden Fall darum kämpfen. Und verstehen, dass es einen Unterschied zwischen sexueller Freiheit und Selbstbestimmung gibt. Sexuelle Freiheit ist das, was die Gesellschaft uns erlaubt. Sexuelle Selbstbestimmung ist das, was wir mit dieser Freiheit anstellen. Wir müssen den Raum also ausfüllen und genau schauen, was wir wollen – und was nicht. Aber es ist nicht einfach, denn Frauen haben heute zwar mehr Freiheiten und Rechte als je zuvor, aber sie wachsen noch immer in einer Welt auf, in der sie lieber gefallen als bestimmen wollen. Und der männliche Blick ist immer noch wichtiger als der weibliche Wille.

Es fängt beim weiblichen Körper an, (der oft als Baustelle verstanden wird): Schon 12-jährige Mädchen machen Diäten, weil sie Dünnsein mit Beliebtsein gleichsetzen und später gibt es dann Brustvergrößerungen, Botox-Behandlungen und sogenannte Vaginalverjüngungen. Wir sollten auch nicht übersehen, dass über weibliche Sexualität immer noch hart geurteilt wird – wenn sie sich nicht an die Normen halten, werden Frauen als Schlampe und nuttig oder als prüde und verklemmt beschimpft. Es gibt einen Abgrund aus Scham und Beschämung, in den Frauen leicht rutschen können. Also ist es sicherer, sich außerhalb von Liebesbeziehungen an gängigen Normen auszurichten, als an den eigenen Bedürfnissen.

Wissen Frauen heute noch, was ihnen wirklich Spaß macht oder wird alles/vieles überschattet von der internalisierten männlichen Lust?

Was ich immer wieder höre ist, dass es vielen Frauen schwerfällt, sich zuzumuten, also ihre Wünsche zu äußern. Das ist bedauerlich, aber nicht wirklich verwunderlich, denn Frauen wurden die längste Zeit in ihrer Lust und Sexualität unterdrückt und es scheint, als ob diese erlernte Anpassungsfähigkeit schließlich in die emotionale DNA der Frau übergegangen ist. Frauen haben ziemlich gut verinnerlicht, was von ihnen erwünscht und erwartet wird. Und die Frauen, die proaktiv und fordernder in ihrer Sexualität sind, erfahren oft Ablehnung, weil sie dem weiblichen Ideal nicht entsprechen und Männer verunsichern. Mit fortschreitendem Alter und in intimen Liebesbeziehungen gelingt es vielen Frauen jedoch zunehmend besser, ihre Bedürfnisse zu erspüren und zu formulieren.

Welchen Appell haben Sie an Frauen, die sich ein selbstbestimmteres und sexuell freieres Leben wünschen?

Ich denke, es beginnt damit, sich darüber bewusst zu werden, dass wir alle geprägt sind von Normen und Regeln, denn erst, wenn wir die gesellschaftlichen Fesseln erkennen, können wir uns auch von ihnen lösen. Solange sexuelle Selbstbestimmung lediglich ein Imageprodukt ist, das stolz mit sich herumgetragen wird, wir aber die Freiheit nicht mit eigenen Wünschen und Grenzen auffüllen, bleibt sie ein leeres Versprechen.

Konkret würde ich mir wünschen, dass Frauen an intimen und gesellschaftlichen Drehbüchern aktiver mitschreiben und nicht nur die ihnen zugewiesene Rolle übernehmen. Das setzt jedoch voraus, dass Frauen mehr Zugang zu ihren Bedürfnissen und ihren Grenzen haben und sich trauen, sich zuzumuten mit dem, was sie wollen, aber auch mit dem, was sie nicht wollen.

Wie geht das? Wie findet man heraus, was man wirklich will?

Die eigenen Bedürfnisse erfahren wir auf einer persönlichen, sinnlichen, körperlichen Ebene, indem wir nachspüren: Welche Berührungen mag ich? Was fühlt sich gut an und was nicht? Will ich weitermachen oder brauche ich eine Pause oder möchte ich gerade alles abbrechen? Es geht darum, sich selbst die Erlaubnis zu geben, sich wohlzufühlen.

Starre Rollenbilder sollten von uns allen hinterfragt werden, weil sie uns allen schaden und unfrei machen – sowohl Frauen als auch Männer. Männer stehen gerade vor der Aufgabe, sich der eigenen Privilegien bewusst zu werden und Machtverhältnisse zu schaffen, die ausgeglichener sind. Weibliche Lust und sexuelle Selbstbestimmung bedeutet Autonomie: Es geht also auch um Macht und bisher werden machtvolle Frauen als nicht besonders attraktiv gezeichnet und wahrgenommen, natürlich auch deshalb weil sie bestehende Strukturen in Frage stellen und das Patriarchat herausfordern.

Auf gesellschaftlicher Ebene ist es wichtig, immer wieder deutlich zu machen, dass sexuelle Selbstbestimmung erst dann erreicht ist, wenn sie keine Konsequenzen mehr für die Frau hat. Wirkliche Freiheit besteht für Frauen erst dann, wenn sie genauso leicht "Nein" wie "Ja" sagen können. Und wenn sie weder für ihr Ja noch für ihr Nein beschämt oder bestraft werden.

 

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