Frauen berichten über Gewalt im Kreißsaal während Geburt

Eine Patientin und ehemalige Ärztin berichten anonym über gewalttätige Vorkommnisse während ihrer Geburt.

(Warnung: Dieser Artikel enthält möglicherweise verstörende und gewaltvolle Inhalte.)

Vor einigen Wochen startete die WIENERIN anlässlich des Artikels "Gewalt im Kreißsaal: Ein Tabuthema, über das wir sprechen müssen" einen Aufruf an ihre LeserInnen: Anonym konnten Mütter, die gewaltvolle Erfahrungen während der Geburt ihrer Kinder erlebten, ihre Berichte der WIENERIN zukommen lassen. Binnen weniger Tage kamen dem Aufruf gleich dutzende Frauen nach, alle erzählten sie von verstörenden Ereignissen während der Geburt. Zwei dieser Geschichten möchten wir an dieser Stelle mit der WIENERIN-LeserInnenschaft teilen.

Die Mutter: "Mein Arzt, der auf Frauen mit kurzen Kitteln stand"

"Leider zähle auch ich zu den Frauen, die Gewalt während und nach der Geburt erleben musste. Es ist mir ein großes Anliegen, meine Erfahrungen zu teilen, um bei all jenen Frauen, die in Zukunft Kinder gebären werden, ein besseres Bewusstsein bezüglich dieses Themas zu schaffen.

Die Gewalt, die ich erfahren musste, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Ich befand mich in einem Ausnahmezustand - wie es wohl jede Frau in dieser Situation ist. Der zuständige Arzt stellte sich bei mir vor, als ich in dem Kreißsaal ankam. Als er mich untersuchte, schickte er alle Anwesenden aus dem Raum - und offenbarte mir in diesen Minuten, wie schön er Frauen mit kurzen Kitteln findet. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich keine Wehen mehr. Ungefragt wurde ich an den Tropf gehängt. 14 Stunden später, erblickte meine Tochter das Licht der Welt - ich ging durch die Hölle.

Nach der Geburt musste ich genäht werden. Vom gleichen Arzt wie oben erwähnt. Ich hatte Wahnsinns-Schmerzen beim Nähen der Wunde und ich spürte, dass etwas nicht stimmen konnte. Ich rief nach der Hebamme, die nach einiger Zeit auch kam. Dann ging alles ganz schnell. Sie verwies den Gynäkologen aus dem Kreißsaal, und ich hörte die beiden vor der Türe diskutieren. Eine junge Ärztin betrat den Raum, und bat mich höflich darum, ob sie noch einmal einen Blick auf die Wunde werfen darf. Sie musste die Nähte vollständig aufmachen und noch einmal nähen, mit der Begründung, dass ich mein Leben lang Probleme damit gehabt hätte. Ich war wie gelähmt, ließ alles über mich ergehen, und betete zu Gott, dass alles bald ein Ende haben wird.

Ich habe mir damals geschworen, dass ich nie mehr ein Kind in diesem Krankenhaus auf die Welt bringen werde. Aus diesem Grund, kam unsere zweite Tochter zuhause auf die Welt. Das war bisher die beste Entscheidung meines Lebens.

An alle Frauen, denen ich von Herzen nur das Beste wünsche: HABT DEN MUT, EUCH ZU WEHREN! Ich wünsche mir, dass viele Frauen über Gewalt im Kreißsaal berichten - damit so etwas Furchtbares so schnell wie nur irgendwie möglich ein Ende hat!"

Die Ärztin: "Ich habe wegen der grenzüberschreitenden Handlungen an Gebärenden aufgehört als Ärztin zu arbeiten"

"Ich bin froh, dass über das Thema Gewalterfahrung während der Geburt gesprochen wird. Ich habe meinen Job als Ärztin vor Jahren an den Nagel gehängt, absolvierte eine weitere Ausbildung. Ausschlaggebend war das hilflose Miterleben von herabwürdigenden und grenzüberschreitenden Handlungen an Gebärenden in meiner Zeit als Turnusärztin. Diese waren im Kreißsaal omnipräsent trotz sonst überwiegend engagierter und kompetenter Betreuung der SpitalspatientInnen. KollegInnen schwiegen offiziell, um nicht selbst unter Druck zu geraten, machten teilweise nach anfänglicher Selbstüberwindung mit.

Neben den gebärenden Frauen wurde unverhohlen über ihr Alter, die zugehörigen oder nicht vorhandenen Kindesväter debattiert. Die Art, mit Wehenschmerz umzugehen, wurde zwischen tapfer ("das hat Frau zu ertragen") und hysterisch ("die schreit uns den ganzen Kreissaal z'samm' ") kategorisiert, ethnische Herkunft wurde in Beziehung zur "Schreifreudigkeit"gesetzt.

Frauen über 30, egal ob Erstgebärenden oder Mehrfachgebärenden, wurde erklärt, sie seien spätgebärend und bräuchten nicht noch einmal schwanger wiederzukommen. Gewichtszunahmen, Schwangerschaftsstreifen, Hammerzehen, be- oder enthaarte Beine bzw Scham, nichts war sicher vor diesen Kommentaren. Je nach Persönlichkeit litten die Frauen, reagierten ängstlich, resignativ oder aggressiv. Besonders bei letzterem Verhalten drohte ihnen von Personalseite die Zuschreibung "hormonell", "derzeit nicht zurechnungsfähig" zu sein und unter Beobachtung zu stehen, um rechtzeitig die Entwicklung einer postpartalen Psychose oder gar Depression zu bemerken.

So sich die Frauen hier noch einigermaßen zur Wehr setzten, war dies bei "medizinischen" Handlungen anders. Gebärende wollten keine Dammschnitte, lehnten den Einsatz von Saugglocken ab oder aber sie verweigerten das sogenannte "Kristellern" (vorzugsweise ein großer starker Mann, Pfleger oder Arzt, legt sich ruckartig zur Unterstützung der Austreibung des Kindes während einer Presswehe quer über den Oberbauch der Frau). Leiser und verzweifelter kam Widerstand gegen manuelle Dehnung der Gebärmuttermünder (oft ohne Vorankündigung durchgeführt oder deklariert als "wir helfen Ihnen jetzt ein bisschen"). Der Einsatz wehenfördernder oder -hemmender Mittel war stark abhängig von der diensthabenden Schwester bzw. vom Klinikalltag ("Kollision" mit Dienstübergaben, Frühstück im Dienstzimmer, Pizza im Nachtdienst, Feiern usw). Frauen hatten keinerlei Mitspracherecht beim Einsatz dieser Handlungen oder Mittel. Als Gebärende galten sie als teilentmündigt, da unter "Hormoneinfluss".

Damals war ich 26 Jahre alt. Als ich mit 40 selbst durch ICSI schwanger wurde (mein Ehemann hatte an einem Malignom gelitten, vor der Behandlung Sperma tiefgefroren, nach ein paar Jahren und halbwegs gesicherter Genesung kam es zur Babywunschbehandlung), holten mich die alten Erfahrungen ein. Meine Sorge, keine "Stimme" während des Geburtsvorganges zu haben, war groß. Eine Privatklinik als Ausweg war wegen der jahrelang hohen Kosten der Behandlung des Mannes und des laufenden Kredits für das Wohnhaus nicht realistisch.

Hier ein kleiner Auszug meiner persönlichen Erfahrung:
* "Hausgeburt in Ihrem Alter riskiert Kindstod"
* "ich / wir empfehlen eine Sectio (=Kaiserschnitt), wenn Sie auch Nummer sicher gehen wollen"; "planbar, sauber, das alte Gewebe wird nicht weiter belastet"
* "wo ist die Schere?" (gemeint war das Instrument für Dammschnitt)
* nach verbal bestimmter und betont höflicher Gegenwehr "glaubst, wir haben Zeit für solche Spärenzchen? Da könnt' ja jede kommen ..." (Erklärung: manueller Dammschutz braucht Erfahrung, Zeit und ein wenig Kraft)
* "Pass auf, was du sagst, des is a Ärztin"
* "... alle müssen Kinder kriegen um jeden Preis "
* "der Staat zahlt eh, wenn's der Mann net schafft ... " (gemeint war die überstandene Krebserkrankung des Kindsvaters)
* "du gehst nimmer auf's Klo, du kriagst jetzt a Kind"
* "die wehrt si' immer no'; schick ihren Mann um an Kaffee und hol den Dr. XY"
* zum Arzt: "reden's mit dem Mann, Sie müssen kristellern; die will kan Dammschnitt, es muss was weitergehen"
* "wenn ma ihr a 'Fenta' geben, dann is'S vielleicht ruhig?" (Fentanyl ist ein Schmerzmittel, opioatverwandt)
* Arzt sprach mit Mann, Krankenschwester dehnte manuell den bereits 9cm weit offenen Muttermund (Arzt zu Mann: "es ist zu Ihrem Besten!")
* Arzt liegt mit 120kg Körpergewicht quer über mir, während ohne meine Draufsicht meiner Tochter eine Saugglocke auf den Hinterkopf gesetzt wird
* hektische Schreie des Personals wie "Ziagsts!" oder "Geht schon, schiab an!"
* Tochter schiesst förmlich raus, kein Gleiten wie geburtsüblich
* Kommentare wie "die is aber glitschig, san alle ICSI so?", "na, aber weniger G'wicht haben die meisten, sie ja a nur 3,20kg!", "Na Zwerg, schau ma amol, was die erwartet im Leben"
* "die schnauft komisch, des is a Hypoxie (=Sauerstoffmangel)!?"
* Tochter hatte wohl aufgrund der medizinischen Intervention zur protrahierten Geburt nicht genügend Fruchtwasser aus dem Mundraum im Geburtskanal ausgepresst und es in die Lunge, wohl verunreinigt durch die in meinem Kot vorhandenen Darmbakterien
* eine entzündliche Reaktion mit Fieber war die Folge, Bakterienkultur wies Escherichia coli nach (Bakterien des Darmraumes)
* Tochter war folglich 10 Tage auf der Neonatologie

Dort kam endlich Unterstützung und Verständnis, obwohl andere Babys viel mehr zu kämpfen hatten. Heute ist "die Hypoxie", meine Tochter, 14 Jahre alt, hat einen ausgetesteten IQ von 150 und studiert nebenbei.

Kind gab es kein weiteres, da nach einer Fehlgeburt die Aussage des Arztes "lassen'S das gut sein, Sie haben ein Kind, fordern Sie das Schicksal nicht heraus" schlussendlich unsere Oppositionskräfte aufgrund unserer Vorgeschichte überstieg. Heute bereuen wir das.

Oft schäme ich mich für meinen ehemaligen Berufsstand. Vorkommnisse dieser Art ziehen tatsächlich engagierte und hochkompetente Personen aus Pflegeberufen und Ärzteschaft in Misskredit und belasten das Vertrauensverhältnis zwischen PatientInnen und Personal, was wiederum dem Immunsystem schlecht bekommt.

Liebe Grüße an die Redaktion,
von Frau mit Erfahrung"

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