Flüchtlingslager in Griechenland: “Sogar Kinder unternehmen Selbstmordversuche”

Flüchtende Menschen gar nicht erst ins Land lassen -  das ist die Idee vieler europäischer Regierungen, auch der österreichischen. Für die Menschen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln bedeutet diese Herangehensweise: menschenunwürdige Zustände, wie die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen kritisiert.

Nicht einmal in afrikanischen Lagern sei die Situation so schlimm wie auf den griechischen Inseln, erzählt Apostolos Veizis, medizinischer Leiter der Hilforgansiation Ärzte ohne Grenzen Griechenland im Ö1 Morgenjournal. Seit dem Inkrafttreten des EU-Türkei-Abkommens werden Menschen auf den griechischen Inseln festgehalten, manche seit 2016. Im Camp Moria auf der griechischen Insel Lesbos leben 9.000 Menschen, davon 3.500 Kinder. Ausgelegt sei der Ort für 2.000 Personen. Auf einem Quadratmeter würden zwei bis drei Menschen leben. Die sanitären Einrichtungen sind nicht auf die Anzahl der BewohnerInnen ausgelegt - auf eine Toilette kommen 73 Menschen. Das hat dramatische Auswirkungen auf  das Leben der BewohnerInnen - vor allem auf Frauen und Kinder. 

Kein Schutz vor sexuellen Übergriffen für Kinder und Frauen

"Frauen kommen zu unserer Klinik und bitten für sich selbst um Windeln, aus Angst, dass sie vergewaltigt werden, wenn sie in der Nacht auf die Toilette gehen", erzählt Veizis. "Kinder schlafen im Freien, ohne irgendeinen Schutz." Besonders viele Kinder würden unter gesundheitlichen Problemen leiden, Unterstützung und Hilfe gebe es zu wenig - mit erschreckenden Konsequenzen: "Sogar Kinder begehen Selbstmordversuche."

 

Für Veizis sind die griechische und europäische Politik Schuld an den menschenunwürdigen Zuständen in den Lagern. Die Situation sei auch auf den anderen Inseln dramatisch. An fehlenden Möglichkeiten liege das nicht, meint Veizis. Europa mache die Situation absichtlich schwierig, um andere Menschen abzuschrecken. EuropäerInnen sollten die Camps in Lesbos, Samos, Chios, Leros und Kos besuchen sollten - so wie sie Ausschwitz besuchen.

"Leid, Tod und Gewalt"

In den Lagern hätten die Menschen kaum noch Hoffnung. "Ich habe meine Kinder vor den Bomben in Aleppo geschützt, aber hier in Europa kann ich sie nicht vor sexuellen Übergriffen schützen", habe ihm ein Syrer erzählt. Manche würden sagen: "Wir würden lieber nach Syrien zurückgehen und in Würde sterben." Für Veizis ist die Sache klar: Der EU-Türkei-Deal habe Leid, Tod und Gewalt gebracht.

 

"Es geht um die Umsetzung, nicht um das Abkommen", entgegnet Gerald Knaus, Vorsitzender der Europäischen Stabilitätsinitiative und ein Vordenker des Türkeiabkommens. Die Zahlen der ankommenden Flüchtlinge, sowie die Anzahl der Todesfälle seien gefallen, die langsamen Asylverfahren in Griechenland seien das Problem: "Es werden im Monat 25 Menschen von den Inseln in die Türkei zurückgeschickt, weil die Verfahren zu langsam sind." Knaus bestätigt aber, dass es auf den griechischen Inseln eine Krise gibt. 

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