Ein Arzt klagt an: "Bei Endometriose wird kollektiv weggeschaut."

Prim. Dr. Jörg Keckstein beschäftigt sich seit 30 Jahren mit Endometriose und hat als einer der Ersten in Österreich ein zertifiziertes Endometriosezentrum aufgebaut.

Wie fühlt sich Endometriose wirklich an? Wir haben mit Kathrin Steinberger gesprochen, die eine lange Leidensgeschichte hinter sich hat. Hier gibt es ihren Erfahrungsbericht.

Gibt es neue Erkenntnisse zu Endometriose?

Jörg Keckstein: Es gibt eine Theorie, dass ­sie durch eine funktionelle Störung der Gebärmutter ausgelöst wird, also dass zu starke und zu häufige Kontraktionen der Gebärmutter während, aber auch außerhalb der Regel Endometriosezellen in den Bauchraum streuen. Das könnte auch erklären, dass man bei vielen Patientinnen am Anfang der Erkrankung noch nicht sehr viel erkennt, die Beschwerden aber schon da sind.

Wodurch werden die Schmerzen verursacht?

Schmerz entsteht, wo Nerven sind, und im Becken sind ex­trem viele davon. Durch die Wucherungen können auch andere Organe wie etwa Eierstöcke und Eileiter betroffen sein. (Menstruations-)Blutansammlungen im Eierstock verursachen Schmerzen und eventuell ungewollte Kinderlosigkeit. In seltenen Fällen sind auch Darm, Blase oder Harnleiter betroffen.

Was würden Sie einer Frau mit starken Regelschmerzen raten?

Wenn die Schmerzen im Laufe der Jahre immer schlimmer bis unerträglich werden, ist das nicht normal. Regelschmerzen werden als notwendiges Übel abgetan und die Frauen trauen sich gar nicht mehr, darüber zu reden. Es gibt viele nicht dia­gnostizierte Endometriosepatientinnen – zum Teil aufgrund der Nichtwahrnehmung durch Eltern, aber auch aufgrund fehlender Information der Ärzte. Irgendwann reden dann auch die Patientinnen nicht mehr darüber.

Wie viel Schmerz ist normal?

Gibt es überhaupt „normale“ Schmerzen? Die Gebärmutter ist ein Muskel und die Kontraktionen können manchmal sehr schmerzhaft sein. Frauen und Mädchen sollten lernen, Vertrauen in ihren Körper zu haben. Wenn man das Gefühl hat, es stimmt etwas nicht oder die Schmerzen werden zu stark, sollte man mit einem Spezialisten ausschließen, dass eine Krankheit dahintersteckt.

Welche Rolle spielt die Pille bei Endometriose?

Das Auftreten der Endometriose und auch die Aktivität sind von der hormonalen Steuerung abhängig. Jede Hormongabe beeinflusst die Endometriose in ihrer Symptomatik und auch im Wachstum. Ob sie z. B. unter der Einnahme der Pille nicht wächst, weiß man nicht genau. Man kann die Aktivität und damit die Symptome aber wesentlich reduzieren.

Warum gibt es kein Medikament gegen die Krankheit?

Endometriose ist Schleimhaut der Gebärmutter, die außerhalb der Gebärmutter wuchert. Gäbe es ein Medikament, dass diese Endometriose zerstört, würde dies ja auch die Schleimhaut in der Gebärmutter betreffen und die gesunden Organe wesentlich beeinflussen. Das macht die Krankheit so komplex.

Bleibt für betroffene Frauen mit Kinderwunsch also nur noch die OP?

Die OP ist eine schon lang etablierte Methode, Endometriose zu beseitigen bzw. zu zerstören. Da ­insbesondere bei Kinderwunsch die Organe nur bedingt radikal operiert werden können, müssen wir aber oft Kombinationstherapien einsetzen.

Welche Folgen hat die Krankheit für Frauen?

Wenn eine Frau immer Schmerzen beim Geschlechtsverkehr hat, was bei Frauen mit Endometriose sehr häufig vorkommt, wie wird sich ihr Frauenbild entwickeln? Das kann ihre Einstellung zur Sexualität und zu ihrem Körper stark verändern! Bei vielen Krankheitsgeschichten zeigt sich, dass nicht die Krankheit alleine, sondern der Verlauf das Problem ist. Ich hatte Patientinnen, die waren schon in psychiatrischer Behandlung und hätten eigentlich nur operiert werden müssen.

Wie ist es möglich, dass nach 150 Jahren Frauen noch immer nicht besser aufgeklärt werden?

Das ist leider ein kollektives Verkennen einer Frauenkrankheit. Das mag an den unterschiedlichen Erscheinungsformen der Endometriose und der Tatsache, dass es auch symptomlose Endometriose gibt, liegen. Ich beschäftige mich seit über 35 Jahren mit der Krankheit und glaube, dass wir noch viel in die Ausbildung und Information der Kolleginnen und Kollegen investieren müssen. Die Endometriose erfordert Erfahrung und individuelle Behandlungskonzepte. Deswegen haben sich auch zertifizierte Endometriosezentren etabliert.

Man hört als Frau oft, das müsse man aushalten …

Warum und wann sollte ein Schmerz normal sein? Bei Männern gibt es das nicht. Ich kenne keine Männerkrankheit, wo man sagt, der Schmerz sei normal.

Informationen zu Prof. Keckstein und dem Endometriosezentrum unter lkh-vil.or.at

 

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