Frau mit dunkelroten Lippen und Mullet sitzt am Boden

Clean Girls sind out, jetzt sind die Messy Girls da

What a mess!

6 Min.

© Pexels/The Earthy Jay

Seit dem Aufkommen des Clean-Girl-Trends gibt’s natürlich auch einen Gegentrend: die Messy Girls – also diejenigen, die nicht schon um vier Uhr morgens aufstehen, um sich einer 30-Steps-Morgenroutine à la Cassie aus Euphoria hinzugeben, sondern auch mal im Make-up von gestern rausgehen. Bisher standen diese auf den sozialen Medien eher als rebellische Minderheit im Schatten der hellstrahlenden Clean Girls, die sich durch zarte Farbpaletten, gesunden Lifestyle und einen minimalistischen, gepflegten Look definieren – doch das Blatt wendet sich: Perfektion ist jetzt langweilig. Oder zumindest so auszusehen, als würde man danach streben.

Was ist der Messy-Girl-Trend?

Die Y2K-Nostalgie hat uns nun in die frühen 2010er-Jahre geführt, als Fashionikonen noch auf Tumblr und nicht auf TikTok geboren wurden – Jenny Humphrey aus Gossip Girl lässt grüßen. Der chaotische Indie-Sleaze-Look – der sich durch das bunte Mischen verschiedenster Jahrzehnte, Muster, trashiger Accessoires und einer hedonistischen Lebenseinstellung auszeichnet – vermischt sich mit Tumblr-Ästhetik und einem Hauch Grunge und bringt dabei Nieten, Leder und verschmiertes Augen-Make-up zurück. Hobo-Bags, weiche Lederboots, schwarze Skinny-Jeans, ein Off-Shoulder-Statement-Shirt und chunky Schmuck: Je mehr Olsen-Twins und Post-Disney Miley Cyrus, desto besser. Die Leichtigkeit des „Out of bed“-Looks wird mit kühlen, dunklen Tönen und stimmungsmachender elektronischer Musik zum Marker einer Zeit, die uns zu lange ausgelaugt hat und in der wir jetzt unsere Stimme zurückerlangen.

Wenn Perfektion zu langweilig wird

Wenn KI-„Fotoshootings“ die Timelines füllen und eigentlich eh schon klar ist, dass jegliche Bilder und Videos auf den sozialen Medien mit diversen Filtern bearbeitet werden, wird Perfektion zur Massenware. Und damit schlichtweg eines: öde. Auf Instagram sieht man das gleiche Gesicht scheinbar Dutzende Male, die gleichen Körper, die gleichen Haare. Der unnatürliche Instagram-Look ist übersättigt. Nachdem lange Zeit nach einem gesunden und möglichst dezenten Idealbild gestrebt wurde, schlägt der Gegentrend jetzt wie eine Wucht ein. Der Zeitgeist wendet sich wieder hin zu Authentizität, zu Imperfektionen und zu Individualität.

Auf TikTok ging vor kurzem der „Wabi-Sabi“-Trend viral, der Imperfektionen auf eine positive Art und Weise in den Vordergrund stellt. „Ich mag, dass meines ein bisschen asymmetrisch ist. Es hat Wabi-Sabi“, sagt eine niedliche Stimme aus dem Off, während ein Video mit vermeintlichen Makeln, wie schiefen Zähnen oder einer großen Nase, präsentiert wird. Wabi-Sabi ist ein japanisches Konzept, das sich auf die Schönheit von Imperfektion fokussiert. Nach Unmengen an scheinbar perfekt bearbeiteten Bildern ist Wabi-Sabi ein klares Statement, das Natürlichkeit in den Vordergrund stellt und Menschlichkeit belohnt.

Nachdem die letzten Jahre von strikten Ästhetiken wie Old Money und Clean Girls geprägt waren, dürfen wir jetzt also wieder aufatmen. Und laut sein! Das lange homogenisierte Verständnis von minimalistischer Schönheit wird durch Messy Girls aufgebrochen – frei nach dem Motto: „Mehr ist mehr.“ Der maximalistische und imperfekte Look bietet einen Ausbruch aus starren Normen und eine erfrischende Abwechslung zur tristen Lage, in der wir uns als Gesellschaft befinden. Wir machen uns nicht länger klein, sondern blühen auf und bieten der Welt die Stirn.

Brat Summer und verschwitzte Nächte

Erst vorletztes Jahr hat Charli XCX mit ihrem Album „Brat“ den ganzen Sommer geprägt. Giftiges Grün, weiße Tanktops, Low-Waist-Jeans, Piercings und zerzauste Haare. Party wieder salonfähig machen, das hat sie geschafft. Die Pandemie hat immerhin vielen Jugendlichen ihre ersten Feiererfahrungen verwehrt – und ja, die Ausrede gilt immer noch! Der Trend zeigt klar: Wir wollen wieder fühlen, schwitzen, die Nächte durchmachen. Damit einher gehen allerdings auch exzessiver Alkohol– und Drogenkonsum sowie die ein oder andere Zigarette. Selbstzerstörung statt Selbstoptimierung also. So brat! Ein kritischer Blick ist deshalb umso wichtiger: Auch als Messy Girl geht Gesundheit vor. Immerhin ist Tanzen auch ein Workout!

Auch andere Künstler:innen sind am Revival der Messy Girls beteiligt: So zum Beispiel Electroclash-Artist The Dare, der in seinem Hitsong „Girls“ sogar die Pobehaarung seiner besungenen Mädels in den Himmel lobt. Elektronische Musik boomt: Neben einem Crystal-Castles-Revival steigen auch neue Musiker:innen wie The Hellp, 2hollis oder Snow Strippers in den Elektro-Starhimmel auf.

So geht der Messy-Girl-Look

Mühelos cool auszusehen, ist harte Arbeit! Neben den bereits genannten Fashion-Pieces machen insbesondere Accessoires, Make-up und Frisur einen Großteil des Looks aus. Besonders beliebt sind Messy-Buns à la Pamela Anderson in den 1990ern sowie offene, ungestylte Haare. Die am besten lang und dunkelblond bis schwarz! Auch kontrastreiche Strähnchen können ein edgy Blickfang sein.

Beim Make-up ist quasi alles erlaubt – gerne allerdings in kühlen Tönen. Denk an die Frosty-Lips der 1990er, kühle, schimmernde Lidschatten und pastellige Rosa- und Blautöne. Auch das Smokey Eye ist beliebt; am besten an Tag zwei! Bröckelnde Mascara und verlaufener Eyeliner ist nicht nur okay, sondern sogar erwünscht. Ein richtiger Hingucker sind außerdem metallische Augenmake-ups, einmal querbeet mit dem Finger aufgetragen. Sehr ausgefallene Looks gibt’s hier aber nicht: Die bereiten schließlich zu viel Mühe. Lippen erstrahlen in matten barely-there Nude-Tönen, auch eine vampy dunkelrote Lippe passt zum Look. Dünne Augenbrauen feiern ebenfalls Comeback, sind allerdings kein Muss. Hauptsache keine Clean-Girl-Soap-Brows! Lass die Härchen also nach Lust und Laune gedeihen.

Ebenfalls zu sehr Clean-Girl-Connection: filigraner Goldschmuck. Zum messy Look passen lange Ketten, kleine Ohrstecker in vielen Ohrlöchern, klobige Ringe und ein kuratierter Armreif-Stack. Natürlich alles in Silber. Aber ein Messy Girl darf natürlich auch ihre Metalle mixen – who cares? Alles mit Nieten und Ösen ist prima! Bleib aber weg von Taschen, die zu viel statische Struktur aufweisen. Slouchy Bags und patiniertes Leder passen besser zum Laissez-faire-Stil. Dazu noch Boots, eine kurze schwarze Jeans-Shorts, ein scheinbar von Motten zerfressenes Top und eine zerrissene Strumpfhose – tada! Du bist offiziell der Albtraum eines jeden Clean Girls.

Ob messy oder clean – seien wir Real Girls

Auch wenn der Messy-Girl-Look mit seinen Laufmaschen, Bed-Hair und verschmierten Augenlooks oftmals nicht weniger inszeniert ist, als es bei Clean Girls der Fall ist, sind wir froh, nicht mehr so tun zu müssen, als wären wir immer perfekt. Dieser Trend erlaubt es uns, wir selbst zu sein. Mit allen vermeintlichen Fehlern und Macken, die uns ausmachen. Wie bei allen Dingen ist allerdings die Balance entscheidend. Ob Pilates im Make-up vom Vorabend oder Matcha von McDonalds – lassen wir die Schubladen ein für alle Mal hinter uns und werden wieder eins: Real Girls!

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