Aufklärungsarbeit: Warum wir über über die Klitoris reden müssen

Sexualpädagogin Hanna Rohn im Interview über das Schattendasein der Klitoris und die Wichtigkeit von Aufklärung für unsere Gesundheit.

sexuelle-gesundheit-klitoris-sprache (c) Nina Lerch

WIENERIN: Wieso ist Aufklärung wichtig für unsere Gesundheit?

Hanna Rohn: Unwissen macht abhängig, deshalb ist es extrem wichtig, über den eigenen Körper Bescheid zu wissen. Wer sich kennt und Körperteile auch benennen kann, ist gestärkt gegen Missbrauch. Man kann darüber reden, was passiert, und hat Worte dafür. Für Mädchen und für erwachsene Frauen ist das eine Gesundheitsfrage. Wenn ich zur Frauenärztin gehe und genau sagen kann, wo das Problem liegt und was ich empfinde, kann sie mich eher unterstützen. Die richtigen Worte zu etablieren ist sehr wichtig.

Was brauchen wir für eine gesunde sexuelle Entwicklung?

Jugendliche und Kinder werden besonders über Medien und das Internet täglich mit dem Thema Sexualität und mit sexualisierten Bildern konfrontiert. Eines der wichtigsten Dinge, die man machen kann, ist, ihnen die Möglichkeit zu geben, darüber zu reden. Wir alle sollten uns und unseren Körper mit seinen Funktionsweisen gut kennen und ihn auch entdecken dürfen, ohne uns dafür schämen zu müssen. Dazu gehört eben auch, alle Geschlechtsteile zu kennen und benennen zu können. Es ist doch widersinnig, dass die Klitoris als so wichtiges Organ für die sexuelle Entwicklung von Frauen so ein Schattendasein führt.

Sind Mädchen heute gut aufgeklärt oder besteht da noch Nachholbedarf?

Grundsätzlich variiert das sehr stark und hängt von Eltern, Lehrerinnen und Lehrern und dem Umfeld ab. Oft haben Mädchen von Dingen zwar gehört, können das Wissen aber nicht anwenden oder mit dem Alltag verbinden. Über Medien und Internet trudeln Informationen ein, es werden Fragen gegoogelt. Aber die Kinder erhalten oft nicht die richtigen Informationen, sondern Mythen, Halbwahrheiten und Pornografie. Für Mädchen ist das sehr schwierig, weil Pornografie auf einen männlichen Blick ausgerichtet ist und teilweise sehr gewaltvolle Bilder zeigt. Und da haben Mädchen oft das Gefühl, dass Sexualität nichts für Frauen ist. Weibliche Lust ist kein großes Thema, männliches Begehren hingegen findet in der medialen Darstellung sehr offen statt.

Ist Selbstbefriedigung in Ihren Workshops Thema?

Es ist das größte Tabuthema überhaupt, und wenn es dann aufkommt, herrscht viel Unsicherheit. Burschen haben es da sicher leichter, weil ihr Geschlechtsorgan für sie sehr sichtbar ist, und weil sie es einfach von klein auf jeden Tag auch in nicht sexuellen Kontexten, also etwa auf der Toilette, in der Hand haben. Allein dadurch haben sie eine andere Beziehung zu ihrem Geschlechtsteil. Mädchen haben es da mit ihrer Klitoris nicht so leicht. Zudem glauben viele Mädchen, sie müssten sich etwas einführen, um sich selbst zu befriedigen. Sie wissen nicht, dass sich viele Frauen ganz anders selbst befriedigen, weil es eben die Stimulation der Klitoris ist, die ihnen Lust bereitet. Es ist nicht in ihren Gedanken vorhanden, dass man sich weder Gegenstände noch die Finger einführen muss, wenn man das nicht will. Auch das kommt von dem starken gesellschaftlichen Fokus auf Sex als vaginale Penetration.

Wie thematisieren Sie das Thema Lust und warum ist es wichtig, dass Mädchen und Frauen Zugang zu ihrer Lust haben?

Ich finde es ganz wichtig, um irgendwann einmal eine tiefe und selbstbestimmte Sexualität leben zu können. Das ist ein großer Teil des Lebens und ein wichtiger Teil der körperlichen und emotionalen Gesundheit. Jede Frau darf wissen, was sie möchte, was ihr gut tut und Spaß macht. Nur dann hat sie Wahlfreiheit und kann selbst entscheiden.

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