Altersforscher: Wie wir bald alle 120 Jahre alt werden

Innerhalb des letzten Jahrhunderts hat sich unsere Lebenserwartung mehr als verdoppelt. Bald kommen noch ein paar Jahrzehnte dazu – denn der Alterungsprozess steht kurz davor, entschlüsselt zu werden.

Werden wir bald 120 Jahre alt?

Wer von Ihnen will 120 Jahre alt werden?“ Kaum jemand im Vortragssaal hebt die Hand. „Lassen Sie mich die Frage anders stellen: Wer von Ihnen will 120 Jahre alt werden und sich dabei so fühlen wie jetzt?“ Alle Hände schnellen nach oben. „Genau!“ David Sinclair nickt zufrieden. Die Szene stammt aus einem Vortrag im Rahmen eines Frontiers-Talks Anfang des Jahres (hier das Video dazu). Der Vortragende, David Sinclair, ist Biologe und Professor für Genetik in Harvard und laut Time Magazine einer der derzeit 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Seine Forschung zu Alterungsprozessen stellt gerade alles, was wir über unsere Gesundheit zu wissen glaubten, auf den Kopf.

Laut Sinclair können wir schon bald älter werden als je zuvor und dabei auch noch lange gesund bleiben. Gerade ist sein Bestseller Das Ende des Alterns erschienen. Darin beschreibt er ausführlich, welche bahnbrechenden Erkenntnisse er und sein Team in Harvard gewinnen konnten. Sie entdeckten unter anderem epigenetische Strukturen, die die Aktivität der Gene beeinflussen und so den Alterungsprozess aufhalten können. Je älter wir werden, desto mehr Schaden nimmt unser Genom. Diese Schäden unserer DNA-Stränge lassen uns altern und machen uns anfälliger für Krankheiten. Als Epigenom bezeichnet man die Gesamtheit jener pulsierenden „Schalter“, die unsere Gene aktivieren bzw. inaktivieren. Werden die falschen Gene abgeschaltet, schädigt dies den Organismus. Findet man die richtigen, warten Jugend und Gesundheit. Klar ist: Was David Sinclair derzeit in allen relevanten wissenschaftlichen Fachzeitschriften weltweit publiziert, könnte die Welt verändern. Wir haben ihn gefragt, wie das alles enden wird.

Wie definieren Sie Gesundheit?


David Sinclair: Gesundheit ist, wenn man nicht über seinen Körper oder Geist nachdenken muss, sondern sich komplett auf andere Dinge konzentrieren kann, weil man keine Schmerzen oder sonstigen gesundheitlichen Probleme hat.

Sie sagen, man müsse Altern als Krankheit sehen. Warum?

Weil es unsere Gesundheit ständig reduziert und die Hauptursache ist, warum wir überhaupt krank werden. Wir leugnen immer noch, dass Krebs etwas anderes ist als Altern. Aber Krebs ist Altern, Herzkrankheiten sind Altern. Und es betrifft uns alle.

Altern ist eine Krankheit. Wir müssen endlich anfangen, das zu begreifen.

von David Sinclair

Sie arbeiten an Methoden, die uns langsamer altern lassen, uns vielleicht sogar jünger machen, und testen Ihre Medizin bereits an sich und Ihrer Familie. Zugelassen ist sie aber noch nicht. Haben Sie keine Angst vor Nebenwirkungen?

Meine Frau und mein Vater haben sich als Wissenschaftler dazu entschieden, die Medizin zu testen, ich mache also keine Versuche mit ihnen. Die beiden können die Fachartikel lesen und richtig interpretieren und sich entscheiden, diese Art der Medizin zu probieren. Das ist der entscheidende Faktor. Und nein, bisher sehen wir keine Nebenwirkungen. Im Gegenteil, mein Vater fühlt sich wie 30, obwohl er über 80 ist; er reist um die Welt und ist beruflich noch mal neu durchgestartet. Ich selbst habe die Resultate an den Labormäusen gesehen und will jetzt auch wissen, was es mit mir macht.

Grob gesagt wirken Ihre Moleküle ähnlich wie Fasten und Sport. Aber viele Menschen sind faul und leben im Überfluss. Dürfen wir uns auf eine Anti-Aging-Pille freuen, dank der wir irgendwann nichts mehr für unsere Gesundheit tun müssen?

Es geht weniger um Bequemlichkeit als um völlig neue Therapieansätze für Menschen, die Hilfe brauchen. Es mag sein, dass viele Menschen faul sind, aber manche sitzen im Rollstuhl oder können sich aus anderen Gründen nicht bewegen und sich um ihre Gesundheit kümmern. Sie brauchen medizinische Unterstützung. Wir arbeiten nicht nur an der Verhinderung von Alterungsprozessen, sondern auch daran, dem Körper zu helfen, sich zu regenerieren und zu heilen. Damit stoppt man auch Krankheiten. Wenn Sie Ihr Augenlicht aufgrund eines Unfalls verlieren oder Ihre Wirbelsäule verletzt ist, wäre es doch toll, wenn man das wiederherstellen könnte. Wir haben das zum Beispiel im Labor bei Mäusen geschafft, deren Augenlicht fast weg war.

Wissenschaft verändert die Welt – darauf sollten wir uns als Gesellschaft vorbereiten.

von David Sinclair

Der Geisteswissenschaftler Yuval Harari hat gesagt, wir entwickeln uns vom Homo sapiens langsam zum Homo deus, also zum göttlichen Menschen. Arbeiten Sie an der Bestätigung dieser Theorie?

Ich arbeite daran, den Menschen das bestmögliche Leben zu ermöglichen. In 100 Jahren werden die Menschen auf uns genauso zurückschauen wie wir heute auf Menschen vor 100 Jahren. Damals starben Menschen an Herzfehlern, Krebs, Lungenentzündungen – sogar ein simpler Schiefer hätte uns töten können, und es gab nichts, was man dagegen tun konnte. Ich denke, in 100 Jahren werden die Menschen sagen: Unglaublich, dass man damals akzeptiert hat, mit 70 schon alt zu sein!

In Ihrem Buch schreiben Sie über die Vorteile von Biohacking. Haben Sie keine Angst vor der totalen Überwachung des menschlichen Körpers und davor, dass wir in Wahrheit nur Gesundheit gegen Freiheit tauschen?

Natürlich müssen unsere Daten sicher sein. Aber die Belohnung dafür, unseren Körper überwachen zu können, ist so viel größer als alle Bedenken. Ich trage etwa einen Ring, der meine Körperfunktionen ständig überwacht. Ich kenne meinen Herzschlag, meine Bewegung, meine Schlafenszeiten, wann mein Blutzucker niedrig ist, wann ich essen sollte und wann nicht. Und das in jeder Minute des Tages. Das ist eine Welt, in die die Menschen langsam hineinwachsen. Ihr Arzt wird bald genauso viel über Sie wissen wie Ihr Mechaniker über Ihr Auto.

Was macht man mit Konzernen, die diese Daten ausnutzen und damit Geschäfte machen wollen? Ist die Zweiklassengesellschaft da nicht bereits programmiert?

Diese Zweiklassengesellschaft gibt es schon jetzt. Manche Menschen wissen viel über ihren Körper und optimieren ihn auf Basis dieser Daten. Andere sitzen den ganzen Tag zu Hause und rauchen. Ich will niemandem etwas aufzwingen – jeder Mensch sollte so leben können, wir er möchte, und keinen Tag länger leben müssen, als er das will. Aber ich denke, jeder sollte zumindest die Wahl haben. Dafür braucht es personalisierte Medizin, die für alle zugänglich ist. Sie ist die Zukunft.

Wenn man sich die Welt heute ansieht, bekommt man das Gefühl, noch mehr Menschen würden dem Planeten nicht gerade gut tun.

Diese Bedenken sind berechtigt, aber müssen so nicht zutreffen. Es gibt Berechnungen, die zeigen, dass, wenn Menschen nur zehn Jahre länger produktiv und gesund bleiben, es Billionen weltweit spart. Dieses Geld könnte man in Forschung und Entwicklung investieren, man könnte das Artensterben beenden und den Kampf gegen den Klimawandel unterstützen. Es ist auch eine gesellschaftliche Entscheidung, welchen Weg wir gehen wollen. Wenn wir nichts tun, müssen wir uns um immer mehr kranke, alte Menschen kümmern. Mein Buch beschreibt die Vision einer besseren Zukunft. 

Das klingt alles sehr utopisch. Sie schreiben davon, dass alle Menschen Zugang zu bestmöglicher medizinischer Versorgung haben sollten, aber derzeit haben nicht einmal alle Menschen Zugang zu medizinischer Basisversorgung. Woher wissen wir, dass Gesundheit und ein langes Leben nicht zur Elitensache werden?

Jede neue Technologie hatte zu Beginn damit zu kämpfen, dass man ihr vorwarf, nur für Reiche gemacht zu sein. Das war mit Computern, Flugzeugen, aber auch mit Antibiotika so. Und jetzt haben die meisten Menschen einen Supercomputer in der Hosentasche. Viele Therapien sind ja nur deshalb so teuer, weil sie nur wenige Menschen brauchen. Wenn wir Altern endlich als Krankheit begreifen, von der wir alle betroffen sind, können Ärzte etwas dagegen verschreiben und Versicherungen dafür zahlen. Die Technologien, an denen ich arbeite, kosten ein paar Cent pro Tag, werden also für jeden Menschen leistbar sein und die Gesellschaft nicht spalten.

Ihre Forschungen könnten unsere Welt für immer verändern. Denken Sie gesellschaftspolitische Faktoren in Ihrer Arbeit mit?

Ja, alle Wissenschaftler sollten das tun und sich nicht in ihren Laboren verkriechen. Sie sollten diskutieren, kommunizieren, schreiben, argumentieren, debattieren und lehren. Wissenschaft verändert die Welt; darauf sollten wir uns als Gesellschaft vorbereiten. Ich bin in ständigem Austausch mit Politikern und Ökonomen, um auf schwierige Fragen elaborierte Antworten zu finden.

Die Menschen länger gesund zu halten ist kein neues Problem, sondern die Lösung.

von David Sinclair

In welchem Alter sollten wir mit der Anti-Aging-Medizin starten, um möglichst alt zu werden?

Wann sollten wir anfangen, Sport zu machen und uns gesund zu ernähren? Ich weiß es nicht, aber je früher, desto besser. Wir altern ja schon ab dem Moment, wo wir auf die Welt kommen. Jemand, der 30 Jahre alt ist, könnte auf jeden Fall damit starten, genauso wie mit Sport und gesunder Ernährung. Ich habe das gemacht und bereue es kein bisschen.Wenn man nicht krank wird, braucht man auch keine Therapien.

Wenn wir alle gesund alt werden, woran sterben wir denn dann?

Gute Frage – an denselben Dingen wie jetzt auch, nur schneller und weniger qualvoll. Wir werden weiterhin tödliche Schlaganfälle, Herzinfarkte oder Organversagen bekommen, zumindest zeigen das die Laborstudien an Mäusen. Aber der Punkt ist: Wir brauchen ein Umdenken. Ärzte beschäftigen sich jetzt damit, was uns im Endeffekt umbringt, anstatt zu verstehen, was uns zu dem Punkt bringt, an dem wir sterben. Und das ist das Alter. Wir sollten endlich aufhören, diese Fakten zu ignorieren. Die Menschen länger gesund zu halten ist kein neues Problem – es ist die Lösung für bestehende Probleme.

Buchtipp: Die Erkenntnisse aus Das Ende des Alterns: Die revolutionäre Medizin von morgen von David Sinclair werden zu Recht als Gesundheitsrevolution bezeichnet. Sehr lesenswert! Dumont-Verlag, € 26,80.

 

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