Alexandra Wachter: "Kaum eine Frau sagt voller Stolz: 'Ich bin eine Quotenfrau' - und genau da liegt der Haken"

Alexandra Wachter liefert starke Argumente für die Frauenquote

Hätte man mich vor etwas mehr als zehn Jahren gefragt, ob wir eine Frauenquote benötigen, ich hätte es nicht beantworten können. Damals war ich 20 Jahre alt, meine Tochter hatte gerade ihren ersten Geburtstag gefeiert, ich hatte andere Sorgen. Einmal so weit kommen, dass ich mir überlegen muss, ob ich es in eine Führungsposition schaffe? Undenkbar.

In der Schule waren noch alle gleich, zumindest machte es den Anschein. Allen Schülerinnen und Schülern wurde vermittelt, dass man es durch harte Arbeit, Leistung und Fleiß nach oben schaffen kann. Und zu einem gewissen Teil stimmt das auch: Wer fleißig ist, die richtigen Chancen bekommt und sich positionieren kann, kommt weiter. Allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt. Dann kommen die Führungsebenen, und aus anfangs völlig unerklärlichen Gründen steigen die Kollegen auf und die Kolleginnen bleiben zurück.

Der Moment, in dem einem dieser Fakt bewusst wird, kommt meist ziemlich unvermittelt. Aber schauen Sie sich doch mal in Ihrer Firma um: Wie viele Frauen sind in Führungspositionen? Gibt es auf allen hierarchischen Ebenen gleich viele Frauen wie Männer? Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist das nicht so - zumindest ganz sicher nicht im Topmanagement. Warum ich das weiß? Weil das absolut jede empirische Evidenz belegt und jede noch so neue Erhebung zutage bringt.

Zahlenspiele

Ein paar Beispiele: Laut dem jährlich erscheinenden Frauen Management Report der Arbeiterkammer liegt der Frauenanteil in der Geschäftsführung der Top-200-Unternehmen in Österreich bei lediglich acht Prozent. Das bedeutet, dass die Geschäftsführungspositionen zu 92 Prozent von Männern besetzt sind. Und an diesem Wert ändert sich auch seit vielen Jahren kaum etwas.

Ähnlich sieht es in den Vorstandsetagen aus: 7,9 Prozent der Vorstandspositionen sind mit Frauen besetzt, 92,1 Prozent mit Männern. Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache. Ohne eine Quote und eine Verpflichtung wird sich nichts ändern. Das zeigt sich auch deutlich an den Aufsichtsräten, denn dort gibt es seit 2018 die Verpflichtung einer 30-Prozent-Quote, und so ist der Frauenanteil von 19 auf 27 Prozent gestiegen. Die Quote wirkt also.

Dennoch ist die Skepsis einer verpflichtenden Frauenquote gegenüber groß. Das Wort ist negativ konnotiert - kaum eine Frau sagt voller Stolz: "Ich bin eine Quotenfrau." Und genau da liegt der Haken. Denn wie sollen wir eine gewachsene patriarchale Struktur durchbrechen, wenn niemand dagegen aufsteht? Warum sollte sich etwas am Status quo ändern, wenn es keine gesamtgesellschaftliche Forderung dahin gehend gibt?

Eines steht fest: An der Ausbildung und der Intelligenz der Frauen liegt diese ungleiche Situation in den Führungspositionen nicht, das zeigen die Hochschulabschlüsse: Laut der letzten Erhebung der Statistik Austria haben die Frauen die Männer überholt: 16,4 Prozent der Frauen zwischen 25 und 64 Jahren verfügen über einen Hochschulabschluss, bei den Männern sind es 15,3 Prozent.

Die Teilzeitfalle

Folgt die Frage nach der Vereinbarkeit zwischen Job und Familie. Hier wissen wir, dass fast jede zweite Frau in Österreich in Teilzeit arbeitet. Warum das so ist? Weil Frauen noch immer den Großteil der unbezahlten Arbeit leisten! Eine ILO-Studie im Mai 2019 hat gezeigt, dass Frauen im Schnitt - und zwar vor Corona - täglich 266 Minuten für unbezahlte Arbeit, also für Hausarbeit, Pflege und ehrenamtliche Arbeit, aufwenden, Männer nicht einmal die Hälfte, nämlich 108 Minuten pro Tag. Rechnet man die Lohnarbeit dazu, dann kommen Frauen auf 55 Arbeitsstunden pro Woche, Männer auf 49.

Die Folge der Teilzeitarbeit: einerseits eklatante Pensionsunterschiede -laut Statistik Austria erhalten Frauen um bis zu 50 Prozent weniger Pension als Männer und haben damit ein viel höheres Risiko für Altersarmut -, andererseits die Gehaltsschere, die laut Eurostat noch immer bei 19,3 Prozent liegt. Für diesen Vergleich werden die durchschnittlichen Bruttojahresbezüge der Vollzeitbeschäftigten in Österreich herangezogen.

Mutterschaft und Geld

Noch eine Zahl, die uns beschäftigen sollte: Frauen bezahlen einen hohen monetären Preis, wenn sie Kinder bekommen. Das belegt die 2019 erschienene Studie Child Penalties, die die Gehälter von Frauen und Männern nach der Geburt des ersten Kindes verglichen hat. Die Conclusio: Männer haben in Österreich keine finanziellen Einbußen durch ein Kind, Frauen verdienen zehn Jahre nach der Geburt eines Kindes noch immer im Schnitt um 51 Prozent weniger als vor der Geburt.

Schieflage und Forderungen

Fazit: Frauen sind besser ausgebildet, leisten mehr, verdienen weniger und sind in den Führungsetagen kaum vertreten.

Was sollten uns nun all diese Zahlen sagen? Richtig: dass die Schieflagen eklatant sind und -und das ist die wichtigste Erkenntnis -dass wir etwas dagegen tun können und müssen. Wir können beispielsweise eine verpflichtende Quote einfordern. Genau das macht das Frauennetzwerk Medien mit der Kampagne #ReframingQuotenfrau. Initiiert durch ProQuote Medien in Deutschland, wurde die Initiative nach Österreich getragen -inzwischen haben sich rund 100 JournalistInnen für die Quote ausgesprochen. Ihre Fotos und Zitate werden auf Social Media gepostet und zeigen auf, dass es so nicht weitergehen kann und darf.

Auf den Punkt bringt es die Profil-Kolumnistin und jahrelange Vorstandsfrau des Frauennetzwerks MedienElfriede Hammerl: "Wer Quotenfrauen verhindert, fördert den Quotenmann." Denn auch, wenn die Diskussion um die Frauenquote schon so sehr nervt: Sie ist die einzige Lösung, um endlich mehr Gerechtigkeit, mehr Diversität, mehr Repräsentation und damit letztlich auch mehr wirtschaftlichen Erfolg in die Entscheidungsgremien zu bringen. Also, worauf warten wir?

Job
 

Aktuell