© Elisabeth Eder
Dass sich Insekten in einer Großstadt mehr Grünflächen und Trinkstationen wünschen würden, ist nichts Neues. Wie Marie-Therese Böcksteiner diese Wünsche umsetzt, jedoch schon: Balkonita verwandelt Balkone in Wohlfühloasen für Schmetterlinge, Hummeln und Bienen und verbindet so Biodiversität mit Ästhetik. Ob Beratung, Planung oder Gestaltung – Balkonita verschafft den Balkonen in Wien und im Wiener Umkreis ein insektenfreundliches Upgrade.
Gründerin Marie-Therese Böcksteiner im Gespräch
Wie kam dir die Idee, Balkone insektenfreundlich zu gestalten?
Marie-Therese Böcksteiner: Bei einer Führung im Schmetterlingshaus mit der dortigen Chefgärtnerin Renate Kröll kam mir durch ein Gespräch über Schmetterlinge in der Stadt und deren Mangel an Nahrung und Wasser eine Idee: Durch kleine „Tankstellen“ auf Balkonen können sie sich am Weg zu größeren Habitaten wie dem Wiener Wald oder dem Prater mit Nektar und Wasser stärken.
Warum hast du dich entschieden, deine Leidenschaft für nachhaltige Balkongestaltung zu deinem Beruf zu machen?
Als mir klar wurde, wie wichtig es für Insekten ist, dass auch kleine Flächen wie Balkone und Terrassen begrünt werden, wusste ich: Ich muss das umsetzen. Es gibt niemanden, der Balkone nach diesem Konzept anbietet. Meine Vision, alle Balkone insektenfreundlich und nachhaltig zu begrünen ist so stark, dass ich nicht anders kann, als jeden Tag weiter daran zu arbeiten, dieses Ziel zu erreichen.
Welche Herausforderungen hast du auf dem Weg in die Selbstständigkeit erlebt, und wie hast du diese gemeistert?
Ich habe mich in den letzten 15 Jahren sehr intensiv und tiefgehend mit Pflanzen, Boden, Ökologie und Insekten beschäftigt, aber nicht damit, wie ein Unternehmen geführt wird. Deswegen wollte ich als ersten Schritt in die Selbstständigkeit einen Meister der Garten- und Landschaftsgestaltung absolvieren. Damit meine Vision auch wirklich leben kann, wollte ich mich mit einem Studium der Betriebswirtschaft mit Fokus auf Marketing und Sales noch breiter aufstellen. In diese Ausbildung und das Entstehen von Balkonita habe ich alle meine Reserven investiert und bin ein gewisses Risiko eingegangen, weil ich eine Marktnische gefunden hatte und nicht wusste, ob mein Konzept angenommen wird. Da hatte ich schon immer wieder Zweifel, aber aus heutiger Sicht, weiß ich, dass es sich ausgezahlt hat und das Thema noch viel mehr Anklang findet, als erwartet.

Wie schaffst du es, Biodiversität und Ästhetik miteinander zu verbinden?
Ich habe ein Balkonita-Biodiversitätsmodell entworfen. Ich verwende überwiegend heimische Wildpflanzen und wähle Arten, die für Insekten nützlich und nahrhaft sind. Ich arbeite mit einer ganzjährigen Blühfolge und einer Vielfalt an Pflanzenstrukturen und Blütenformen, um sowohl ästhetische als auch ökologische Vielfalt zu schaffen. Nach einem ausführlichen Erstgespräch kann ich die Gestaltung nach dem jeweiligen ästhetischen Geschmack anpassen: buschig-wild, klar strukturiert, elegant-luftig, bunt, ruhig etc.
Wie reagieren deine Kund:innen auf das Konzept, nicht nur für sich selbst, sondern auch für Insekten zu gestalten?
Meine Kund:innen sind immer sehr begeistert von der Idee, nicht nur ästhetische und funktionierende Pflanzen für einen Standort zu kombinieren, sondern auch einen wertvollen Beitrag für die Natur zu schaffen. Sie lieben es, wenn plötzlich Schmetterlinge oder verschiedenste Arten von Wildbienen kommen, die fröhlich vor sich hin summen. Viele nutzen den Balkon auch zur Entspannung im Homeoffice zwischen stressigen Meetings. So eine Beobachtung, wenn eine Hummel von Blüte zu Blüte fliegt, lässt den Stresspegel sofort sinken.
Was sind die häufigsten Missverständnisse, denen du begegnest?
Viele fragen mich, ob ihr Balkon zu klein für eine Bepflanzung sein könnte. Aber jeder Balkon kann artenreich bepflanzt werden, auch mit wenig Platz. Ich höre öfters, dass in Wien keine Hummeln oder Schmetterlinge mehr gesehen werden, aber mit den richtigen Pflanzen kann man sie anlocken. Für meine Kund:innen ist es eine große Freude, wenn dann die ersten Besucher kommen. Ein weiteres Missverständnis betrifft schattige Balkone. Viele denken, dass bei diesen Lichtverhältnissen nichts wächst. Aber diese können besonders elegant, edel und auch vielfältig bepflanzt werden.
Hast du Tipps für Menschen mit sehr kleinen Balkonen oder schwierigen Lichtverhältnissen?
Für kleine Balkone würde ich einen Strauch und einen kleinen Trog mit einer Bepflanzung anwenden. Eine kleine Wasserstelle darf natürlich auch nicht fehlen. Es könnte zum Beispiel ein roter Holunder, mit Lungenkraut, Akelei, Staudensilberling, Sterndolde, Fingerhut (Achtung: giftig) und eine Waldschmiele verwendet werden. Also Pflanzen, die im Schatten oder Halbschatten geeignet sind. Man kann sich auch gute Inspiration im Wald oder an schattigen oder lichtarmen Wegrändern holen.
Welche Rolle spielen Workshops in deinem Konzept, und was lernen die Teilnehmer:innen dort?
Workshops helfen, einen grünen Daumen zu entwickeln und für schwierige Standorte wie Balkone gewappnet zu sein. Im Zuge des Workshops kann auch der eigene Balkon geplant werden. Man kann quasi selbst Balkonita werden. Zudem soll der Workshop Menschen verbinden, um sich auszutauschen und vielleicht auch Gießgemeinschaften bei Urlauben bilden zu können. Pflanzen sind sehr emotional; man sieht zu wie sie wachsen, man pflegt sie, man leidet mit ihnen, wenn es ihnen nicht gut geht. Der Austausch mit Gleichgesinnten bietet Freude, Unterstützung und Gemeinschaft.
Was bedeutet für dich persönlich eine Wohlfühloase auf dem Balkon?
Meine persönliche Wohlfühloase bedeutet eine Vielfalt an Pflanzen und summenden Insekten. Es soll sich jedes Tier wohlfühlen, von der Fliege bis zur Fledermaus. Ich liebe unterschiedliche Gerüche am Balkon, deshalb habe ich an allen Stellen unterschiedliche Duftpflanzen, die auch für Bestäuber interessant sind. Ich liebe Ruhepausen in der Hängematte oder am Liegestuhl und dreh sie mir in die Richtung, in der es für mich gerade etwas (ent)spannendes zu Riechen oder Beobachten gibt. Zu sehen, wie unterschiedliche Tiere auf meiner Wohlfühloase Futter finden und wie sich Pflanzen im Wind bewegen, bedeutet Glück, Entspannung und Genuss.