40 Jahre Haft wegen einer Fehlgeburt: Die unglaubliche Geschichte der María Teresa Rivera

María Teresa Rivera ist der "erste Abtreibungsflüchtling der Welt". In ihrem Herkunftsland El Salvador werden Schwangerschaftsabbrüche bestraft - auch, wenn es keine sind. Sie selbst wurde nach einer Fehlgeburt wegen Mordes verurteilt. Heute kämpft sie mit aller Kraft gegen restriktive Abtreibungsgesetze.

Schmerz. Wut. Trauer. Hilflosigkeit. All diese Gefühle empfand María Teresa Rivera, als sie zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Ihr Verbrechen: eine Fehlgeburt. Wenn die heute 34-Jährige von ihrem Leben erzählt, muss sie oft schlucken. Aus Unglauben und Entsetzen, aber auch aus der tiefen Überzeugung heraus, dass sich etwas ändern muss. Weltweit, aber vor allem in ihrem Herkunftsland El Salvador. Den dort lebenden Frauen steht nämlich meist ein grauenhaftes Schicksal bevor - vor allem, wenn sie in Armut leben.

María Teresa Rivera

El Salvador hat eine der höchsten Raten an Frauenmorden der Welt und jährlich werden in dem Sechs-Millionen-Land 25.000 Frauen vergewaltigt (Quelle: ISDEMU). Der kleine zentralamerikanische Staat hat aber auch eines der strengsten Abtreibungsgesetze weltweit. Laut Citizens' Coalition for the Decriminalisation of Abortion waren zwischen 2000 und 2011 mindestens 129 Frauen in El Salvador aufgrund des restriktiven Abtreibungsgesetzes inhaftiert.

Denn das Gesetz kennt keine Ausnahmen. Selbst wenn Frauen vergewaltigt werden, müssen sie das Kind austragen. Und das tun sie auch - aus Angst vor den Konsequenzen. Auch, wenn bei Fehlgeburten oder fehlender medizinischer Hilfe das Kind die Geburt nicht überlebt, kann die Frau wegen Mordes zu zehn bis 40 Jahren Haft verurteilt werden. Genau das ist María Teresa passiert, deren Strafmaß für internationales Aufsehen sorgte. Sie ist eine der "Las 17" - jener 17 Frauen, die zwischen 1999 und 2011 wegen einer Fehlgeburt zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Der WIENERIN hat sie ihre Geschichte erzählt.

Der salvadorianische Staat kriminalisiert und verurteilt weiterhin Frauen, die Geburtskomplikationen erlitten haben. Zurzeit sind 26 Frauen im Gefängnis, die für ein Verbrechen, welches keines ist, zu 30 bis 40 Jahren verurteilt wurden.

María Teresa Rivera

Sie sind 2011 schwanger geworden, haben von Ihrer Schwangerschaft aber nichts bemerkt und eine Fehlgeburt erlitten. Wie ist das abgelaufen?

María Teresa Rivera: Im November 2011 hatte ich eine Fehlgeburt. Ich wurde Ende März, Anfang April schwanger. Zu der Zeit hatte ich große Nierenprobleme, ich musste sehr oft zum Arzt und wurde auch untersucht, aber nie hat man mir gesagt, dass ich schwanger war. Ich wusste es nicht. Am Morgen des 24. November, ich kann mich nicht mehr genau an die Uhrzeit erinnern, hatte ich große Schmerzen. Als ich auf der Toilette war, spürte ich, wie etwas aus meinem Körper kam. Plötzlich war überall Blut, so viel Blut. Ich wurde ohnmächtig, und als ich wieder aufwachte, befand ich mich im Krankenhaus, umgeben von Polizisten. Sie beschuldigten mich, mein Kind getötet zu haben, doch sie hatten dafür keine Beweise. Sie haben gesagt, sie würden Untersuchungen machen, um es zu beweisen, aber das ist nie passiert. Fünf Tage lang war ich im Krankenhaus und wurde dort sehr schlecht behandelt. Ich bekam keine Medikamente und war den Repressalien der Polizei ausgesetzt. Danach wurde ich in ein Frauengefängnis überstellt.

Wie haben die anderen Frauen im Gefängnis auf Sie reagiert?

Ich war Anfeindungen ausgesetzt, vor allem von den Insassinnen. Sie glaubten mir nicht, dass ich eine Fehlgeburt erlitten hatte. Es gab auch viel körperlichen Missbrauch, aber ich habe nie aufgegeben. Immer hatte ich die Frage im Kopf: Wieso bin ich überhaupt hier? Für welches Verbrechen? Ich habe mein Kind nicht getötet. Die anderen Frauen nannten mich dennoch Kindesmörderin.

Sie wurden dann wegen Mordes angeklagt und sind zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. Wie haben Sie sich gefühlt, als das Urteil verkündet worden ist?

Mein erster Gedanke war: Ich habe alles verloren. Als ich ins Gefängnis kam, wurde ich von meinem Kind getrennt -mein Sohn war damals sechs Jahre alt. Doch ich wusste auch, ich werde nicht im Gefängnis sterben. Ich wollte dafür kämpfen, dass ich freikomme. Die Frauen, die Ähnliches erlebt haben, gaben mir Kraft für die Zukunft. Und den Kampf.

Neben Ihnen waren auch weitere Frauen wegen Fehlgeburten inhaftiert. Was waren ihre Geschichten?

Zurzeit sitzen 26 Frauen wegen Geburtskomplikationen im Gefängnis. Unschuldige Frauen. Fehlgeburten werden nämlich als Verbrechen gesehen. Einer der Fälle, von denen ich erfahren habe, war der von Mayra Figueroa, einer Frau, die als 17-jährige Haushälterin vom Neffen ihres Arbeitgebers vergewaltigt worden war. Ihr wurde Druck gemacht, sodass sie den Vergewaltiger nicht meldete, und so vergingen die Monate bis zum Tag der Geburt, wo sie ihren Sohn verlor. Ohne ihn gesehen zu haben und zu wissen, ob er lebt oder tot geboren wurde, wurde sie zu 30 Jahren, ohne Beweise, verurteilt, mit der Begründung, ihrem Sohn etwas angetan zu haben. Im März dieses Jahres wurde sie nach 15 Jahren Gefängnis freigelassen.

Wie stark werden Frauen, die sich für Reproduktionsrechte einsetzen, in El Salvador stigmatisiert, auch unter Frauen?

Das ist ein großes Stigma in der Gesellschaft. Die Frauen leiden sehr, vor allem die armen. Die reichen Frauen gehen in eine Privatklinik, um abzutreiben, oder reisen ins Ausland. Doch die armen Frauen haben keine Möglichkeit dazu.

Wie haben Sie es geschafft, wieder aus dem Gefängnis freizukommen?

Der Kampf dauerte vier Jahre und war sehr anstrengend. Das Wichtigste war, dass wir nicht mehr still waren. Denn hätten wir weiterhin Stillschweigen über unsere Fälle bewahrt, dann wären wir auch zu Komplizinnen des Staates und seiner Propaganda geworden. Als ich ins Gefängnis kam, verstand ich nicht, warum die anderen Frauen nie etwas gegen diese falschen Anschuldigungen gesagt hatten. Manche Frauen waren schon zehn oder zwölf Jahre im Gefängnis gesessen, als ich dort ankam. Mithilfe von Amnesty International und anderen Organisationen wurden die Fälle schließlich publik.

Wie ist Ihre Freilassung zustande gekommen?

Am 20. Mai 2016 erlangte ich dank einer Urteilsrevision nach viereinhalb Jahren meine Freiheit wieder. Der damalige Richter verkündete, dass es keinen Grund für meine Gefangenschaft gebe, da es keinen Beweis dafür gibt, dass ich meinen Sohn schlecht behandeln oder gar töten wollte, und es deutlich zu erkennen war, dass ich eine Fehlgeburt erlitten hatte. Am selben Tag wurde mir meine uneingeschränkte Freiheit gewährt.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie nicht länger in El Salvador bleiben können?

Die Staatsanwaltschaft hat Berufung angekündigt und die Medien haben ständig negativ über meinen Fall berichtet. Ich habe keine Jobs bekommen, weil jeder meinen Namen kannte, und ich hatte das Gefühl, nicht mehr sicher zu sein. Schließlich habe ich Asyl in Schweden erhalten.

Wenn Sie Ihr Leben vor und nach der Fehlgeburt vergleichen - was ist der größte Unterschied?

Der Unterschied ist gewaltig (lächelt). Heute fühle ich mich frei. Ich lebe in einem freien Land, in dem ich mich frei bewegen kann. Ich bin nicht mehr gefangen in meinem Körper und auch nicht in meinen Gedanken. Aber ich denke weiterhin an meine Kameradinnen in El Salvador und die Situation, die die Frauen dort erleben. Ich selbst war Opfer unterschiedlichster Menschenrechtsverletzungen, seit ich ein kleines Kind war. Bereits im Alter von acht Jahren wurde ich Opfer einer Vergewaltigung, meine Familie sagte damals, dass es meine Schuld sei. Natürlich fragte ich mich: Wie kann ich als achtjähriges Mädchen schuld an so etwas sein? Im Alter von fünf Jahren ist meine Mutter verschwunden, und ich war dann ein Waisenkind. Im Kindergarten haben wir alle gelernt, dass Buben und Mädchen dieselben Rechte haben, aber das entsprach nicht der Realität, die ich in meiner eigenen Familie erlebte. Ich möchte es nicht zulassen, dass andere Frauen in ähnlicher Weise ihrer Rechte beraubt werden.

Wieso ist es Ihnen wichtig, Ihre Geschichte zu erzählen?

Es ist mir wichtig, zu lernen, zu arbeiten; beizutragen zu einer Veränderung, damit die Zukunft meiner Kinder und junger Frauen besser wird als mein eigenes Leben. Es handelt sich hier nicht nur um meine eigene Geschichte, sondern um die Geschichte vieler Frauen auf der ganzen Welt. Unsere Körper gehören uns und nicht irgendwelchen Regierungen oder chauvinistischen Gesellschaften. Wir als Frauen müssen verstehen, dass wir Rechte haben, und uns für diese Rechte einsetzen. Denn auch in Ländern, wo Abtreibung momentan legal ist, kann die Situation schnell kippen. Es kann immer und überall passieren.

Starke Frauen für Menschenrechte

Amnesty International holt im Rahmen der Kampagne Menschenrechtsverteidigerinnen Frauen vor den Vorhang, die weltweit für die Selbstbestimmung von Frauen kämpfen und dafür Unterstützung brauchen. Mehr Infos: LINK

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