12-Stunden Tag für Frauen große Chance? Mist!

Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) hat wieder mal ein bisschen "Solidarität" für die Frauen parat. 12 Stunden arbeiten, Kinder betreuen, Familie checken und ein glückliches Leben führen? Ja, das alles geht, sagt die Ministerin. Es ist sogar eine "große Chance". Was für ein Mist.

Als ich Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) das erste Mal getroffen habe, war ich beeindruckt, wie euphorisch sie war. So neugierig drauf, wie die Politik funktioniert und gleichzeitig doch auch irgendwie stolz, so einen tollen Job bekommen zu haben. Die dreifache Mutter aus Graz, die Molekularbiologin - die mir damals schon schnell klar gemacht hat, dass eigentlich alle Probleme, die Frauen so haben könnten, eine Lösung hätten: Solidarität. Und schon damals war es für die sehr freundliche und im Gespräch sympathische Frau kein Widerspruch, dass Solidarität sie selbst nicht so unmittelbar betreffen müsse. Weil: Frauen*volksbegehren unterschreiben? Eher nicht, immerhin sind da wirtschaftlich unmögliche Forderungen dabei. Für eine Frauenministerin vielleicht ein nicht ganz passender Fokus? Owa geh.

Dieser wirtschaftlich-pragmatische Zugang zu ihrem schönen Job hat wohl auch dazu geführt, dass sie sich nie über ihr Mickey Maus-Budget (9,5 Mio. Euro) beschwert hat und es scheinbar auch nicht so arg ist, wenn die zusätzlichen Kinderbetreuungsplätze, die sie versprochen hat, nicht und zumindest nicht gleich kommen. Da müssen nämlich - weil sie ja selbst kein Geld dafür hat - die Bundesländer mittun. Und die tun halt auch, was sie wollen.

Als Frau, als Mutter und natürlich auch als Journalistin, die grundsätzlich was für Solidarität übrig hat, frag ich mich aber seit gestern wieder einmal: In welcher Blase leben Sie, liebe Frau Frauenministerin?

Die ÖVP/FPÖ-Regierung hat im Parlament in einer auch formal eher wilden Weise den 12-Stunden-Arbeitstag auf die Welt gebracht. Mit einem Initiativantrag, aber halt ohne Begutachtung, ohne Diskussion und mit der Frist, das alles solle doch bis Anfang Juli stehen. Dafür musste die Sitzung im Parlament mehrfach unterbrochen werden, weil das allgemeine WTF-Gefühl doch recht groß war. Und sogar die NEOS, die ja grundsätzlich einen 12-Stunden-Tag super finden, muckten wegen der Art und Weise auf. Ok, das ist ja sowieso noch ein anderes Thema. Aber Bogner-Strauß findet ja auch ernsthaft, dass so ein 12-Stunden-Tag eine "große Chance" für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist. Weil Frauen dann die Digitalisierung nutzen und im "Home Office weiterarbeiten" oder auch manchmal im Block arbeiten könnten, um dann auch größere Freizeitblocks zu haben.

Klingt nach einem guten Plan? Oder nach Verarsche?

In Österreich arbeiten fast 50 Prozent der 1,5 Millionen berufstätigen Frauen in Teilzeit. Oft auch deshalb, weil es keine Kinderbetreuung gibt, oder eben nur bis - sagen wir - 14.30 Uhr. Diese Mütter sind jetzt schon maximal flexibel, weil sie sich genau nach den Öffnungszeiten richten müssen. Die sind in den Städten besser, am Land schlechter. Und die Jobs, die viele haben, haben meist nichts mit IT-Programmierung zu tun, sondern oft eher mit Einzelhandel. Das führt dazu, dass so eine 11. oder 12. Arbeitsstunde in diesem Betrieb zu leisten ist und es nichts bringt die Digitalisierung mit nach Hause zu nehmen (wo man dann, by the way, ja nur arbeiten UND Kinder betreuen müsste, oder?) Was also passiert, wenn diese unsere Teilzeit-Frau die "Chance" verweigert, 12 Stunden zu arbeiten? Wie lange wird sie dann den Job noch haben? Eben.

Und was, wenn eine Frau Alleinerzieherin ist, also ohnehin schon unter prekären sozialen und finanziellen Bedingungen versucht zu überleben, was wenn beide Elternteile eh schon so flexibel arbeiten, wie nur irgendwie möglich und trotzdem geht sich das Leben fast nicht aus? Reicht das Geld nicht, reicht die Zeit nicht, hat man keine Ahnung, wie die Work-Life-Balance jemals funktionieren soll? Jetzt schon nicht? Ist es dann wirklich und ernsthaft eine so "große Chance", noch mehr zu hackeln, noch permanenter verfügbar sein zu müssen und am Ende nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die Familie, die Beziehung zu den Kindern und damit auch das Lebensglück zu riskieren? Ist das die Idee der Ministerin von Solidarität?

Oder geht es eher darum, Frauen einfach wieder aus dem Arbeitsprozess zu drängen. Es ihnen unmöglich zu machen, selbstständig und ökonomisch autonom zu leben, in dem man ein System zementiert, das die Männer möglichst lange und intensiv arbeiten lässt, damit den Rest des Lebens von Frauen organisiert werden muss? Und das natürlich von zu Hause aus?

Ist das das große ganze Bild, das die Frauenministerin hat? Tatsächlich glaube ich: Nein. Natürlich nicht. Sie hat von sich und ihrem Leben ein ganz anderes Bild, sie lebt auch ein ganz anderes Leben. Die Aufgabe der Politik ist es aber, auf das Wohl der ganzen Gesellschaft zu achten, damit diese in Frieden leben kann und Menschen faire Chancen auf Entwicklung bekommen. Und die explizite Aufgabe einer Frauenpolitikerin ist es, die Perspektive von Frauen einzunehmen, sich für Frauen stark zu machen und eben nicht blind die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der eigenen Partei auch noch im Sinne der Frauen schön zu reden.

Denn das ist einfach zynisch.

Aktuell